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So viel ist möglich …

22. September 2021

… wenn wir nicht auf die Regierenden hoffen, sondern es selber tun

In diesem Land und anderswo läuft vieles falsch. Davon kann jeder und jede was erzählen:

- Das Klima wird weiter aufgeheizt, mit Motorenabgasen, Kohlekraftwerken, Industrieanlagen; erneuerbare Energien sind ausgebremst.
- Die Unterschiede zwischen Reichen und Normalverdienenden werden immer krasser, und mächtige Unternehmen steuern die Politik.
- Die Schulen leisten für die Kinder und Jugendlichen zu wenig, sie gleichen Benachteiligungen nicht aus und vernachlässigen die menschliche Bildung.
- Im Gesundheitswesen und in der Pflege müssen Fachkräfte unter schlechten Bedingungen arbeiten, deshalb ist für Krisen kaum vorgesorgt.
- Schadstoffe in der Luft, in Lebensmitteln, Kleidung, Spielzeug werden nicht kontrolliert.
- Die Gesellschaft spaltet sich, weil es an respektvollem Gespräch miteinander fehlt, an gemeinsamem Einsatz für das Wohl aller, an politischer Mitbestimmung.
- Konflikte sollen wie in der Steinzeit mit Gewalt gelöst werden, daher gibt der Staat Unsummen für Militär aus, Geschäfte mit Waffen nehmen noch zu, die Folgen sind Zerstörung und Not.
- Noch mehr Siedlungen, Gewerbegebiete, Autobahnen und die industrielle Landwirtschaft belasten die Natur, die Artenvielfalt und die Lebensgrundlagen.

Es könnte ganz anders sein – keiner dieser Missstände, die schlimmer werden, ist unabänderlich, im Gegenteil. Es gibt gute Ideen, durchdachte Konzepte, praktische Lösungen und weltweit sind motivierte Menschen da, die vieles besser machen können, erfreulich, vernünftig, sinnvoll, sodass alle dabei gewinnen. Und sie tun es schon.

Im eigenen Denken, Verhalten und Handeln fängt es an. Wie ich den persönlichen Bereich gestalte, macht einen Unterschied, hat Wirkung und kann ein Beispiel geben. Einzelne ermutigen sich gegenseitig. Zusammen geschieht dann mehr.

Erkundigt euch. Schaut in der Nähe, in Nachbarländern, in entfernteren Regionen der Welt. Manches geht längst da besser, anderes seit Kurzem dort, und die Leute haben Grund, zufrieden zu sein. Sammelt Informationen, stellt Kontakte her, tauscht Erfahrungen und Anregungen aus, versucht es hier.

Wartet nicht auf bessere Zeiten. Vertraut nicht den Regierungen, sondern euch selbst. Die nächsten Wahlen werden wahrscheinlich nichts Entscheidendes verändern, weil die grosse Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen keine genauen Vorstellungen hat, weil der politische Betrieb zu wenig Mitwirkung der Menschen zulässt und weil die meisten Gewählten ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Die politischen Profis der Parteien werden überschätzt. In den Medien erscheint Politik als Frage von Personen, die wichtigen Themen werden meist nur oberflächlich dargestellt und diskutiert. Es sieht so aus, als wären Deutschland und Europa kaum noch fähig zu Reformen, womit nicht wie üblich irgendwelche Veränderungen gemeint sein sollen, sondern Verbesserungen.

Aber so viel ist möglich – und einiges wird bereits verwirklicht, sogar hier im Land:

● Zur deutschen Bundestagswahl haben Demokratie-Aktive eine Volksabstimmung über vier wichtige Themen organisiert. Mehr als 160.000 Menschen haben sich daran beteiligt und damit etwas Entscheidendes unternommen, das der Staat bisher nicht zulässt, obwohl es in seinem Grundgesetz steht.
● Das Bedingungslose Grundeinkommen ist die ausgearbeitete Idee, die Menschen vom Zwang zur Existenzsicherung zu befreien. Viele haben sich zusammengetan und zahlen anderen diesen Unterhalt, die damit ihre Fähigkeiten besser entfalten können.
Eltern-Initiativen gründen zusammen mit pädagogischen Fachleuten und Lehrkräften Kindertagesstätten und Schulen, die für die jungen Menschen besser sind. Ebenso wirken Verantwortliche an bestehenden Bildungsorten zusammen.
Friedlicher Umgang mit Konflikten wird von engagierten Gruppen erprobt, sie entwickeln wirksame Verfahren und Lösungen, gehen im In- und Ausland in Kriseneinsätze und fördern vielfach das Zusammenleben.
● In der Solidarischen Landwirtschaft unterstützen Interessierte mit Geld und Arbeit kleinere landwirtschaftliche Betriebe und erhalten dafür hochwertige Lebensmittel aus nachhaltiger, ökologischer und sozialer Produktion.
Gemeinschaftliches Wohnen unter günstigen Bedingungen ermöglichen Initiativen vielerorts.
Genossenschaften bewähren sich seit Langem und sind ideal, um zusammen das Beste zu erreichen. Mit verschiedenen Zielen werden neue geschaffen. So können auch unabhängige Medien sich behaupten, wichtige Informationen aufbereiten und sie verteilen.
● In Nachbarschaften, Gemeinden und Stadtteilen entsteht neues Miteinander. Gespräche sind wichtig, gerade mit Andersdenkenden und Fremden, besonders wenn »sozialer Abstand« gefordert wird und Individualismus in die Irre führt. Es kommt darauf an, sich zu verständigen, Interessen zu verdeutlichen und zusammenzubringen, dann gemeinsame Vorhaben zu klären, die für alle wertvoll sind.

Statt klagen oder wüten, statt vergeblich hoffen oder resignieren – wir können tun, was wir für richtig und gut halten, hier und jetzt. Wir können selbst etwas bewegen.

> Erste bundesweite Volksabstimmung: Abstimmung21
> Mein Grundeinkommen
> Schule im Aufbruch
> Werkstatt für gewaltfreie Aktion
> Ziviler Friedensdienst
> Solidarische Landwirtschaft
> Mietshäuser Syndikat
> Deutscher Genossenschafts- und Raiffeisenverband
> nebenan: Nachbarschaften

maximil

[Dazu:
Wir regieren uns selbst am besten!
Neues demokratisches Glück
Gemeinsamkeit nützt allen]

→ KommentareThemen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik

Zahlengläubig

15. Juni 2021

Die Welt ist voll von Zahlen: Es gibt Messwerte, Bilanzen, Inzidenzen, Umsätze, Bevölkerungszahlen, Sportergebnisse, Rekorde, Quoten, Dunkelziffern … Ist die Welt wirklich so? In der Natur gibt es Zahlen nicht. Da gibt es Organismen, einzelne, wenige oder viele, mit Unterschieden, es gibt Formen, Strukturen und Beziehungen, aber es wird nichts gezählt oder gemessen, es werden keine bestimmten Grössen oder Längen festgestellt, schon gar nicht in Meter und Kilometer. Die Zahlen sind eine menschliche Idee, ebenso das Messen und Rechnen.

Besonders die Naturwissenschaften, aber auch die Soziologie und die Ökonomie sind auf Zahlen fixiert. Indem diese Bereiche in der Zivilisation entscheidende Bedeutung erlangt haben, statteten sie die Welt mit Zahlen aus. Zahlen sind beeindruckender geworden als Erklärungen. Sie erscheinen inzwischen auch wichtiger als menschliche Werte.

Das zeigt sich meist, wenn Effizienz gefordert wird: Dann werden Zahlen zum Mittel, um einen angeblich unrentablen Betrieb zu schliessen, um in Krankenhäusern die Arbeit des medizinischen und pflegerischen Personals bis zum Gehtnichtmehr zu verdichten oder um riesige Tiermastanlagen zu bauen. Sobald Werte wie humane Arbeit oder Respekt vor der Natur einbezogen würden, wäre dergleichen nicht mehr effizient.

Paul Klee, »Station L 112, 14 km«, 1920

Die Welt verstehen, das ist mit Zahlen eher nicht möglich. Auf jeden Fall ist es nötig, Zähl- und Messergebnisse zu interpretieren. Es kommt darauf an, verschiedene Arten von Beobachtung und Wissen zu verbinden und daraus nachvollziehbare Schlüsse zu ziehen. Wo das unterlassen wird, ergibt sich ein moderner Glaube an Zahlen, in dem alte magische, fetischistische und quasi-religiöse Vorstellungen in neuer Form wiederkehren.

Früher hatten bestimmte natürliche Zahlen symbolische Bedeutungen, die teils noch gelten: Die Drei stand für das Vollendete, Heilige, Vier war die Zahl der Welt und ihrer Gegensätze, Sieben symbolisierte die geordnete Schöpfung. Inzwischen werden verschiedenste (rationale) Zahlen bei jeder Gelegenheit als Mess- und Vergleichswerte für alles Mögliche verwendet; dabei werden sie zum Selbstzweck, die Quantität wird entscheidend für Urteile, beliebige Zahlen (vor allem Zehnerpotenzen) werden mit Bedeutung aufgeladen und überhöht. Dann wird gemeldet: »Marke von einer Million überschritten« …

Der Zusammenhang mit dem Geld als Messgröße und Gegenwert ist evident. Am Beispiel des Bruttoinlandsprodukts ist bekannt, wie willkürlich dabei gerechnet werden kann: Die Zahl soll den Wohlstand einer Gesellschaft beziffern, enthält aber vieles, was schadet, und enthält vieles nicht, was Menschen für ihr Wohlergehen schätzen.

Die Zeit ist ebenfalls zahlenmäßig normiert und damit werden Menschen unter Druck gesetzt. In der Geschwindigkeit wird sie auf möglichst schnell zurückzulegende Wege bezogen. Und derart ist die Zeit besonders auf den sogenannten Fortschritt ausgerichtet.

Mit Ranglisten wird versucht, aus Kennzahlen Qualität abzuleiten. In hohem Mass eignen sich Statistiken und entsprechende Schaubilder, um die Wirklichkeit eindrucksvoll zu verzerren und falsche Beweise vorzulegen. Je nach den grafischen Abständen der Mess-Einheiten in einem Diagramm wird eine Kurve steiler oder flacher - dies ist nur ein Beispiel. Obwohl sehr fragwürdig und interpretationsbedürftig, war in der »Tagesschau« die Corona-Statistik über viele Monate ein tägliches Ritual.

An der europäischen Zivilisation ist seit Langem festzustellen, dass sie sich zunehmend für das Materielle, das Zähl- und Messbare interessiert und das weniger Fassbare der Welt entweder auf Zahlen zurückführen will oder immer weniger beachtet. Ihre zweckrationale Naturwissenschaft befasst sich unter dem Einfluss der Wirtschaft weitgehend mit der Technik, die schliesslich Menschen überflüssig macht, und mit dem, was sich zu Geld machen lässt. Der Geist verflüchtigt sich. Ganzheitliches Denken ist seltener denn je, und Sinn stiften wird sehr schwierig.

Die Mathematik ist weit überbewertet. Wenn es um Allgemeinbildung geht, gehört mehr als praktische Grundlagen des Rechnens nicht an die Schulen, damit da Lebenswichtiges und bisher Vernachlässigtes ausreichend Platz findet: Medizin/Gesundheitskunde, Psychologie/Kommunikation, Politik, Recht, Wirtschaftskunde, Philosophie/Ethik, Kunst/Theater/Film.

Auch der Wohlstand mit der Fülle der Angebote für Konsum, Unterhaltung und Aktivitäten geht auf Kosten des Verstandes, der meistens nur noch dazu benutzt wird, Vorteile zu gewinnen. Wirklich wichtig und bereichernd ist er aber für genaueres Verstehen, für das Verständnis des eigenen Lebens, des Miteinanders und von Zusammenhängen, für kritische Auseinandersetzung, für Bewusstsein.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Alle gewinnen mit Empathie
Wozu Wissenschaft nützt
Fortschritt?]

→ KommentareThemen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik

Viel hat sich verändert, aber das Problem ist nicht gelöst

16. April 2021

»Den Tieren ihre Würde wiedergeben: sie anständig halten und das Fleisch als kostbares Lebensmittel sparsam verwenden!« Das predigte der Pfarrer Ernst Burmann in Augsburg im Jahr 1980. Vieles hat sich in den Jahrzehnten seither rasant verändert. Der Aufruf von damals aber ist heute noch genauso zu hören. Nur etwas öfter. Das Problem ist nicht gelöst. Es ist (wie viele andere) inzwischen noch grösser geworden.

Damals wurden Wachstumshormone an Tiere verfüttert, um schneller mehr Fleisch zu erzeugen, mit einem zusätzlichen Risiko für die menschliche Gesundheit. Fleisch-Skandale folgten aufeinander. Heute setzt die industrielle Viehzucht Unmengen Antibiotika ein, die damit als Medikamente für Menschen immer weniger wirken. Für den Anbau der Futtermittel und für Viehweiden wird weltweit Natur vernichtet. Gülle und Abgase aus den Ställen verschmutzen das Trinkwasser und schädigen das Klima. In den Fleischfabriken kam es bei den Beschäftigten zu massenhaften Coronavirus-Infektionen.

Zum Wohlstand gehört nach wie vor der Fleischverzehr. Und zugleich die Missachtung der Tiere. Jedenfalls derjenigen, die man nicht persönlich kennt. Von den jungen Leuten bis 30 essen immerhin über zehn Prozent kein Fleisch mehr. Aus verschiedenen guten Gründen. Ein entscheidender Grund für vegetarische oder vegane Ernährung ist, Tiere als Lebewesen mit eigener Würde anzuerkennen.

maximil

> »Fleischatlas« 2021 - Daten und Fakten (BUND)

[Dazu:
Fortschritt?]

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Welches Gesicht zeigen? - Masken und die Wahrheit

3. März 2021

Fastnacht ist vorbei, mit wenig lustigen Masken, wenig bunten Kostümen und kaum Spass, meist im Abstand des Fernsehens oder Internets. Zusammensein und Feiern sind jetzt seit Langem nicht mehr zeitgemäss. Masken werden weiterhin getragen, mehr als jemals, in Schulen und Unternehmen, auf Strassen und Plätzen, vor Kameras: ernste Masken, als notwenig gefordert, nach kreativer Vielfalt am Anfang der Pandemie inzwischen immer mehr normiert und gleichförmig. Die Menschheit sieht anders aus als ein Jahr zuvor.


James Ensor, Selbstportrait mit Masken, 1899

Von Kind an können Menschen nicht nur ihre Umwelt kennenlernen, sondern mehr oder weniger auch sich selbst. Sie lernen es besonders, wenn sie etwas sagen oder tun und ihre Mitmenschen darauf reagieren. Dabei entsteht eine Selbsteinschätzung. Aber alle sehen sich anders, als die anderen sie sehen. Auch im Spiegel sehe ich nicht mein wahres Bild, es ist seitenverkehrt, gibt nur Augenblicke wieder und ist von meinen Ansichten und Stimmungen überblendet. Manche stören sich im Selbstbild an Verschiedenem, was anderen gar nicht auffällt, manche finden sich grossartig und gehen damit anderen auf die Nerven. Solches einigermassen zu verstehen und mit sich und anderen zurechtzukommen, ist eine Aufgabe fürs Leben.

Lebewesen wachsen, verändern sich und können sich verwandeln. Dazu haben Menschen weitreichende Fähigkeiten entwickelt. Sie sind die Wesen, die von sich selbst oder ihresgleichen hergestellte Kleidung tragen, von Kopf bis Fuss. Mit Fantasie verkleiden sie sich auch. Zu den ersten Körperbedeckungen gehörten Tierfelle, und in ihnen konnten Menschen sich als Bären, Rinder, Schafe fühlen, weil sie noch eng mit der Natur verbunden waren. Wenn sie mit dem Fell den Schädel eines getöteten starken Tiers aufsetzten, spürten sie dessen Kraft und fürchteten sich weniger vor Angriffen. Masken dieser und anderer Art wurden zu Elementen von Ritualen und Religiosität.

In der Kulturgeschichte kennzeichnete dann besondere Kleidung verschiedene Gruppen einer menschlichen Gesellschaft. Frauen trugen andere Kleidung als Männer, Bauern unterschieden sich von Handwerkern, Priester und Fürsten waren sofort zu erkennen. Vor allem Kopfschmuck konnte ein Zeichen von Macht sein. Schliesslich brachten auch Häuser und Fahrzeuge als Arten von erweiterten Masken den sozialen Status ihrer Inhaber und zudem deren individuelle Persönlichkeit zum Ausdruck.

Das Theater war ursprünglich der Ort, an dem das Maskentragen mit seinen kultischen und sozialen Bedeutungen bewusst wurde. Es liess sich exemplarisch auf- und vorführen sowie interpretieren. Das Wort »Person« leitet sich von den zugleich wahrhaftigen und künstlichen Theatermasken ab, die als Gesichter galten. Seitdem werden auf den Bühnen der Welt menschliche Erlebnisse, Gedanken, Gefühle und Handlungen auch ohne Maske oder Schminke schauspielerisch dargestellt, sodass das Publikum daraus seine Folgerungen ziehen kann. Und es ist möglich, im alltäglichen Leben theatralische Rollen in dramatischen Szenen zu beobachten und selbst an diesem Spiel teilzunehmen.

Figuren des volkstümlichen italienischen Theaters der »Commedia dell’arte« sind in den Karneval von Venedig und anderen Städten eingegangen. In Fastnacht und Karneval überdauern sonst alte religiöse Kulte und Bräuche, die inzwischen zum Spass und zur geselligen Unterhaltung betrieben werden. Anarchisches Verhalten war immer dabei, zeitweilig erlaubt oder geduldet und manches Mal verboten. Die moderneren Formen dieser Veranstaltungen beinhalten parodistische und satirische Kritik, und damit können auch hier Masken die Wahrheit sagen.


Basler Fasnacht, 2012 - Foto: Anirvan0419, Lizenz CC BY-SA 3.0

Andererseits verbergen Masken auch die Wahrheit, so wie jemand sein Gesicht und seine Worte verstellen kann. Eine Requisite des Theaters für spielerische Intrigen in Festgesellschaften war die Halbmaske, die den oberen Teil des Gesichts um die Augen verdeckt und so die Person zumindest nicht genau erkennen lässt. Frauen versteckten sich hinter einem Schleier. Manchen Flaneuren genügt für diesen Zweck eine grosse Sonnenbrille. Sturmhauben, die bis auf Schlitze für die Augen und eventuell den Mund den Kopf ganz verhüllen, wurden von Bankräubern verwendet, aber auch von militanten Demonstrierenden, die sich so nicht vermummen dürfen, und von gegen sie eingesetzten Polizeikräften, denen es gestattet ist. Jedoch können digitale Analyseprogramme für Kamerabilder Menschen schon an ihrem Gang wiedererkennen.

Gesichtsausdruck, Gesten, Kleidung und Accessoires sollen oft täuschen: Eine Person zeigt sich dann absichtlich anders, als sie sonst ist, um einen Vorteil zu erreichen. Gemäss dem Sprichwort »Kleider machen Leute« trat der »Hauptmann von Köpenick«, ein Schuhmacher in der Uniform eines Offiziers, im Jahr 1906 als Autorität auf und bekam den Inhalt der Stadtkasse ausgehändigt. Gemalte Portraits früher und heute Fotos oder Videos eignen sich als Wunschbild-Präsentation, die beschönigt und um Sympathie wirbt.

Die Sprache bietet darüber hinaus reichlich Mittel, um im sozialen Umfeld und in der Politik zu heucheln, zu lügen und Propaganda zu verbreiten. Gegebenenfalls muss die sprechende oder schreibende Person ihren Namen nicht nennen und kann sich mit einem Pseudonym tarnen oder ganz anonym bleiben. Es heisst gelegentlich, dass jemand »Kreide gefressen« hat wie der Wolf, der in Grimms Märchen die sieben Geisslein fressen wollte und die Stimme der abwesenden Ziegenmutter imitierte, damit die Jungen ihn ins Haus liessen. »Kreide« war einmal ein Mus aus Sauerkirschen, das gegen Heiserkeit empfohlen wurde. Dieser Wolf bereitete übrigens öfter seine Gewalttaten mit Tricks vor, so lauerte er als verkleidete Grossmutter auf das Rotkäppchen. Dabei profitierte er immer wieder von den Daten, die ihm seine Opfer freiwillig gaben.

Der Steinzeitmensch trug seinen Bärenpelz vermutlich sowohl aus magischen Gründen als praktisch zum Schutz vor Kälte und gefrässigen Tieren. Masken sollten fortan auch vor anderen Gefahren schützen wie dem Erkanntwerden. Pestdoktoren setzten erste Atemschutzmasken auf, vergleichbar sind Sonnenbrillen, Gehörschutz am Arbeitsplatz, Schutzhelme, Ritterrüstungen (deren wichtigere Träger in der Schlacht durch eine Helmzier zu unterscheiden waren), Feuerwehrschutzanzüge, Bandagen im Sport. Im Strassenverkehr von Metropolen waren Nase-Mund-Bedeckungen zum Schutz vor Staub und Russ schon lang üblich, bevor Corona kam.

Seit einiger Zeit ist in Europa über Kopftücher, Burkas und Nikabs von Frauen aus dem islamischen Kulturkreis diskutiert worden. Für ein Verbot solcher Kleidungsstücke wurde argumentiert: Wenn sie das Gesicht verhüllen, widerspreche das dem europäischen Grundsatz, das Gesicht zu zeigen. In allen Fällen werde eine Religion bekundet und damit der soziale Frieden gestört. Diese Argumente sind wenig glaubhaft, denn offenbar steckt die Absicht dahinter, bestimmten sozialen Gruppen die europäischen Freiheiten nicht zu gewähren. Zu diesen gehört seit Jahrhunderten, dass der Staat keine bestimmte Kleidung vorschreibt (ausser in frei gewählten Berufen, beim Militär und im Gefängnis) und keine Religion diskriminiert. Dennoch wurden verschiedentlich Kleidungsverbote angeordnet. Vermummungsverbote sollen es daneben für den Staat einfach machen, die Identität von Widerstandleistenden zu erfassen.

Die Maskenpflicht, mit der erstmals in der neueren Geschichte ein Kleidungsstück staatlich allgemein vorgeschrieben wurde, ist ein Bruch mit den europäischen Werten – zumal ein grosser Teil des Gesichts bedeckt werden muss. Sie kann als Verletzung der Menschenwürde angesehen werden. Es geht darum, Leben zu schützen. Das rechtfertigt nicht, dass Würde und Freiheit nicht mehr gelten. Freiwilliges Masketragen ist etwas anderes als Zwang, der das Gesicht verunstaltet. Die Vorschrift stellt jeden und jede ungeprüft unter den Verdacht, andere zu gefährden, gleich ob das zutrifft oder nicht. Eine Maske zum Schutz anderer kann nur dem Personal in der Medizin, der Pflege und der Gastronomie sowie nachweislich Ansteckenden vorgeschrieben werden. Wer jedoch nichts weiter verschuldet, als ein überzogenes Gebot nicht zu befolgen, wird mit Strafe bedroht. Die gesetzliche Regelung beachtet auch nicht, ob bei anderen Risiken für das Leben ebenso durchgegriffen wird. Somit hat die Politik bedenkenlos unverhältnismässig gehandelt und die Mehrheit der Menschen hat es fraglos hingenommen. Das zeigt, dass die Grundrechte wenig sicher sind. Und es muss zu denken geben.

Matthias Kunstmann / maximil

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Suchen - irren - finden: Wege durchs Labyrinth

15. Dezember 2020

In Träumen geschieht es oft: Die träumende Person bewegt sich durch fremdartige Szenerien, erkennt Gebäude, Räume, Landschaften manchmal wieder, meist sind sie unbekannt, ebenso begegnen Leute, rätselhafte Worte werden gesprochen, der Weg führt weiter durch Gänge und Türen, auch in irgendeiner Bahn oder einem Bus wird gefahren, wohin ist unklar, Grund und Absicht sind nicht zu verstehen, wichtige Dinge gehen dabei verloren, es wird gefährlich, in undurchschaubaren Situationen, aber da ist nichts zu machen, alles geschieht wie von selbst - dann, beim Erwachen, lässt sich aufatmen.

Doch können wir im wachen Zustand Ähnliches erleben.

Die Zivilisation hat die Welt immer genauer geordnet. Der Verkehr ist geplant, die Kommunikation ist geregelt, verschiedenste Abläufe sind gesichert. Verirren ist fast unmöglich. Zuverlässige Wegweiser werden auch in der Natur aufgestellt, Landkarten zeigen Einzelheiten, auch grosse Städte erschliessen sich durch Strassenschilder und Hausnummern, nur in Metropolen des Südens ist es noch anders. Dazu gibt es digitale Leitsysteme - die aber nicht verhindern, dass ein Speditionsfahrer, der mit seinem Navigationsgerät Brüssel, auf Französisch Bruxelles, erreichen wollte, wegen eines Missverständnisses in Bruchsal ankam.

Obwohl günstige äussere Bedingungen, Wohlstand und Informationen vorhanden sind, erscheint das Leben öfters wenig übersichtlich, die Welt chaotisch, ein nahestehender Mensch fremd. Es ist schwierig, sich mit anderen zu verständigen. Wie geht es weiter? Wohin? Was droht? Was kann ich hoffen? Vieles entscheiden andere über unsere Köpfe hinweg. Dagegen wollen wir uns behaupten. Es gilt, die eigene Aufgabe zu finden und zu erfüllen, die sinnvoll ist.

Der griechische Mythos vom Labyrinth spricht von einem Ort, der wahrscheinlich real war, eine vielfach verzweigte Höhle oder ein weitläufiges Gebäude, jeweils mit unzähligen Kammern und Hallen. Es war zugleich ein Symbol für wiederkehrende menschliche Erfahrungen. Die alte Erzählung lokalisiert es auf der Insel Kreta in oder nahe der damaligen Hauptstadt Knossos. Theseus erreichte im Schiff die Küste, wagte sich allein in das Labyrinth und fand im Inneren einen Schrecken erregenden Mann mit Stierkopf, den Minotaurus. Im Zweikampf besiegte er ihn. Danach musste er wieder ins Freie finden, und das gelang ihm mit einer Schnur, die er auf seinem Herweg abgewickelt hatte. Dies lässt sich deuten als eine Geschichte von Ungewissheit, Gefahr, Angst, Mut, Initiative, Klugheit, vom Suchen, Irren und Finden, von der Begegnung mit dem unbekannten anderen Ich und davon, wie ein Mensch sich im Inneren verändert. Dabei rettet die Liebe, denn sie brachte Ariadne dazu, Theseus die Schnur mitzugeben.

Als symbolisches Bild hat sich das Labyrinth verbreitet. Auf Bodenflächen dargestellt, war es betretbar und zugleich überschaubar. Entlang seiner Linien konnten sogar rituelle Tänze stattfinden.

Ein Mensch ist auf labyrinthischen Mauern unterwegs und dabei verbunden mit einem Leuchtturm und einem Engel - Grafik: Boetius Bolswert, 1624

Das Christentum verwendete das Bild vom Labyrinth auf Kirchenböden wie in der Kathedrale von Chartres mit einer bestimmten Form und Bedeutung: Der Weg, den die Gläubigen dort auf den Knien zurücklegten, ist verschlungen und windet sich, aber er ist unverzweigt und führt so wie da im religiösen Leben schliesslich in die Mitte, die heilige Mitte der Welt und die eigene Mitte. Er wurde auch als »Weg nach Jerusalem« bezeichnet, in die Stadt, die der Mittelpunkt einer neuen, besseren Welt werden sollte. Entsprechendes liess sich auf den europäischen Pilgerwegen nach Rom und Santiago erfahren, die keineswegs geradlinig, sondern mit vielen Windungen und durch einsame Gegenden an Kirchen, Kapellen und Klöstern vorbei zum Ziel führten. Die Pilgerschaft brauchte ihre Zeit.

Die Anlage von Irrgärten ist eine neuere Idee und ermöglicht mit Gängen im Grünen zwischen Spalieren und Hecken das Sichverlieren, Suchen, Finden, Sichbefreien als Spiel.

Es geht immer wieder um Orientierung, um den richtigen Weg. Das ist einige ruhige Gedanken wert - erst recht, wenn auch das eigene Innere mit ungenügendem Wissen, widersprüchlichen Vorstellungen, wenig erklärbaren Gefühlen labyrinthisch anmutet. Johann Wolfgang von Goethe untersuchte gern,

»was, von Menschen nicht gewusst
oder nicht bedacht,
durch das Labyrinth der Brust
wandelt in der Nacht.«

Anatomisch liegen fachlich so genannte Labyrinthe in den menschlichen Ohren. Sie sind nicht nur für die Aufnahme von Geräuschen, Klängen und sprachlichen Botschaften da, sondern auch auch für die akustische Orientierung, das Gleichgewicht und das Steuern von Bewegungen.

Wenn Menschen meist in mittleren Jahren in eine Krise geraten, sich erschöpft fühlen und spüren, dass es nicht so weiter gehen sollte wie bisher, dann können sie in sich zuvor unbeachtete Fähigkeiten und Motivationen entdecken und sich für eine neue Richtung entscheiden, in der Sinn liegt. Ein solcher Wechsel ist etwas anderes als das vielbeschworene Prinzip (»Change«), das mit immer neuem Umbau nur einen zweifelhaften Weiter-so-Fortschritt betreibt.

Umwege müssen hingegen nicht nachteilig sein. Auch auf ihnen ist einiges zu erleben und zu erfahren, ebenso in einer Sackgasse oder auf einem Irrweg. Aber sobald sich erkennen lässt, dass der scheinbar alternativlose Weg falsch ist, heisst es umkehren.

Matthias Kunstmann / maximil

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Stabile Wirtschaft, ruhige Arbeit, angenehmes Leben

13. Oktober 2020

Die Corona-Krise ist auch eine Sinnkrise. Auf einmal haben viele bemerkt, dass das Leben anders sein kann: ohne Hektik, Stress und zu viel Arbeit, mit Ruhe und Musse, nicht mehr auf Kaufen und Konsum ausgerichtet, sondern auf das Geniessen dessen, was schon da ist, nicht unterhaltungssüchtig, stattdessen mit der Natur verbunden. Einzelne kannten und schätzten das schon vorher, sie waren Ausnahmen von der gesellschaftlichen Regel. Im Jahr 2020 wurde es eine gemeinsame Erfahrung.

Es wurde als Herunterfahren, Schliessen, Einschränkung erlebt und hat damit verunsichert: Auf wie viel müssen wir da verzichten? Wie sollen wir mit den neuen Zuständen zurechtkommen? Wird es noch alles geben, was wir brauchen? Und die Frage stellte sich: Geht das vorbei oder ändert sich etwas auf Dauer? Zugleich konnte das veränderte Dasein als angenehm erfahren werden, heruntergeregelt von einem überzogenen auf einen verträglichen Grad, entschleunigt, gerichtet auf das wirklich Wichtige, mit neuer Freiheit.

Also spricht einiges dafür, nicht zu genau dem zurückkehren zu wollen, was vorher war. Das ist jetzt die grosse Aufgabe für unsere Gesellschaft und die Politik: die in der Krise entdeckten Bedürfnisse und Möglichkeiten wahrnehmen, Denkweisen und Strukturen darauf einstellen, bessere Bedingungen als bisher für das Zusammenleben schaffen.

Was jetzt zu tun und zu ändern ist

Das Erste ist, dass die staatlichen Krisenhilfen gezielt sind. Sie müssen den Menschen das nötige Einkommen sichern und die sozialen oder gemeinnützigen Einrichtungen erhalten. Dazu gehört eine intensive Beratung für Berufstätige, die klärt, ob eine Umschulung oder neue Qualifizierung günstig ist und gefördert wird. Dies sieht auch das Konzept des »Transformationskurzarbeitsgeldes« vor. Private Unternehmen soll der Staat nicht finanzieren. Viele begegnen einer veränderten Nachfrage und haben damit umzugehen, etwa durch Konversion.

Immer mehr Interesse und Zuspruch findet das Bedingungslose Grundeinkommen. Es würde allen materielle Sicherheit gewähren und wertvolle Tätigkeiten für die Allgemeinheit ermöglichen. Arbeit für den Lebensunterhalt muss längst nicht mehr so viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Automatisierung hat zu einer hohen Produktivität geführt. Dennoch hat für viele Beschäftigte der Arbeitsdruck nicht nachgelassen, sondern ist sogar intensiver worden, während Millionen kein oder zu wenig Geld verdienen. Es ist überfällig, die Regelarbeitszeit deutlich zu senken, mit gleich bleibendem Lohn und Gehalt zumindest bei niedrigem Einkommen. In den sozialen, kulturellen, Bildungs- und Dienstleistungsbereichen, wo menschliche Arbeit nicht ersetzbar ist und Arbeitskräfte fehlen, müssen die Berufe und Stellen dringend aufgewertet und attraktiv gemacht werden.

Auf jeden Fall werden sinnvolle Steuern gebraucht, die eine nachhaltige Entwicklung unterstützen, für Gerechtigkeit sorgen und die öffentlichen Ausgaben auch ohne Schulden decken. Um überflüssige und schädliche Produktion zu reduzieren, ist eine Luxussteuer angebracht. Die hohen Einkommen und grossen Vermögen, die in den letzten Jahren häufig noch stark zugenommen haben, müssen wieder mehr zum Wohl der ganzen Gesellschaft beitragen. Dies betrifft mindestens ebenso die massiv gestiegenen Gewinne von Unternehmen wie den Internetkonzernen und Firmen der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Sie dürfen nicht länger von Steueroasen profitieren. Ausserdem sind Steuern auf teils spekulative Geschäfte an den Börsen dazu geeignet, auch bei nachlassender Wirtschaftsleistung gesamtgesellschaftlichen Reichtum zu bewahren. Finanztransaktionssteuern mit diesem Zweck wurden seit 2012 in Frankreich und Italien eingeführt.

Subventionen, staatliche Vergünstigungen für Branchen und Betriebe, fördern oft das Falsche, etwa in der Landwirtschaft, in der sich vieles für Menschen und Natur besser regeln liesse. Gerechtfertigt sind sie nur, wenn sie Nachteile ausgleichen.

Auf das Wichtige achten

Soziales, Kultur und Natur sind meistens wichtiger als Produktion. Für die übermässig hergestellten Waren gilt: Weniger ist mehr. Der Glaube an unendliches Wachstum der Wirtschaft ist unvernünftig und zerstörerisch. Im sozialen Bereich wird nicht von Wachstum gesprochen, Erfolg nicht an Umsätzen gemessen und der Gewinn in anderem als Geld erkannt. Die Wirtschaft soll nicht masslose private Interessen verfolgen, sondern die Grundbedürfnisse aller befriedigen. Dabei kann sie stabil sein und statt mit Wachstum in Kreisläufen funktionieren.

Wirtschaftliche Leistung soll nicht mehr nach bezahlten und eingenommenen Euros beurteilt werden (wie im bisherigen Bruttoinlandsprodukt), sondern nach dem Wohlbefinden der Beteiligten, das unter anderem von Gesundheit, Bildung, humanem Arbeiten und Wohnen, zwischenmenschlichem Austausch abhängt - und besonders von den geltenden Rechten, in Angelegenheiten des gemeinsamen Lebens mitzugestalten und mitzuentscheiden. Die Idee des »Bruttosozialglücks« gibt dafür Hinweise.

Manches ändert sich von selbst, weil es nicht anders geht. Das kann, je nachdem, erfreulich oder schmerzhaft sein. Wenn Verluste vermieden werden und Wünsche sich erfüllen sollen, kommt es auf Miteinanderberaten und kluges Handeln an. An solchem politischen Wirken sollen alle sich beteiligen können. So lässt sich aus der Krise lernen - für ein angenehmes Leben.

Matthias Kunstmann / maximil

> Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech über die Krise als Chance, 2020

> Ministerium für Glück und Wohlbefinden

> Netzwerk Grundeinkommen - Europäische Bürgerinitiative

[Dazu:
Wirtschaft ist nicht alles
Fällige Kritik des Wachstumsdenkens
Gemeinsamkeit nützt allen]

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Für die Kinder tun wir alles

28. August 2020

Auf dem Kinderspielplatz vor meinem Haus wird gebaut. Mit schwerem Gerät, seit Wochen. Bagger reissen den Boden auf, grosse Lastwagen manövrieren auf dem Gelände, um Berge von Material abzuladen, Steine, Zement, auch grün lackierte Metallgerüste und ein Baumstamm mit Querstangen und buntem Dekor sind schon da, immer wieder kreischt eine Flex, röhrt die Mischmaschine und ist der Rüttler im Einsatz. Die Fahrzeuge drängen sich durch die Wohnstrasse und nehmen den Weg über die benachbarte Grünanlage.

Was geschieht hier? Ich verstehe es nicht.

Es ist erkennbar, dass etwas Neues für die Kinder gemacht werden soll. Wir sind in Deutschland, in einer Stadt, die als besonders kinderfreundlich gelten will. Aber welchen Sinn kann dieser unglaubliche Aufwand haben?

Die Kinder hatten dieses Jahr Monate lang keinen oder nur minimalen Zugang zu den Schulen, Horten und Kindergärten. Es gab fast keine Konzepte und Mittel dafür, wie sie in einer Krisenzeit die Bildung bekommen, die sie für ihre Entwicklung und Persönlichkeit brauchen und die ihnen zusteht. Auch die Spielplätze waren ihnen lang verschlossen. Werden die Kinder mit ihren Bedürfnissen wirklich ernst genommen?

Die Spielplätze, in dieser Stadt nur ungefähr hundert Meter voneinander entfernt, bieten Attraktionen für die Kleinen. Die können damit schon etwas anfangen. Wichtiger wäre für sie aber, freien Raum und einfache Materialien zu haben, damit sie sich selbst eine Welt gestalten können. Oft haben Kinder zu Haus viel teures Spielzeug als Ersatz dafür, dass die Eltern wenig Zeit für sie haben. Eine Strasse ohne Autos und ein Stück Natur, das ist heute ein zu seltener Platz für spielerische Erfahrungen.

Ist der hochprofessionelle Bauplatz also nur gut gemeint? Das viele Geld wird immerhin nicht in eine neue Strasse investiert. Aber auch nicht in dringend nötige pädagogische Arbeitsstellen, für Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, psychologische Fachkräfte in den Schulen, den Tageseinrichtungen oder der Kinder- und Jugendhilfe …

Mir fällt auf, dass die Bauwirtschaft in der Krise kaum betroffen zu sein scheint. Dies ist erfreulich für die Beschäftigten und deren Familien und wahrscheinlich noch mehr für die Chefs. Die Firmen sind so sehr im Einvernehmen mit der Politik, dass sie derart überdimensionierte Aufträge an Land ziehen können. Ich muss vermuten: Die Kinder sind da nur ein nützliches Argument. Und unsere Gesellschaft belügt sich selbst, wenn sie glaubt, für ihre Kinder täte sie alles.

Claire Destinée

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Erkenntnisse aus der Corona-Krise

30. Mai 2020

  • Neu war an diesem Corona-Virus eindeutig, dass es sich so schnell und massenhaft über die Welt verbreitet hat. Das lag an der Globalisierung und dem internationalen Flugverkehr. Zuletzt wurden weltweit jährlich rund 4,5 Milliarden Flugpassagiere gezählt, mit stark steigender Tendenz. Die deutschen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg mit besonders vielen internationalen Wirtschaftskontakten hatten vergleichsweise mehr Todesfälle bezogen auf die Bevölkerungszahl zu verzeichnen, ähnlich wie Norditalien. Insgesamt haben auch häufig wohlhabende Winterurlaubsreisende das Virus verbreitet.
  • Es ist begründet, die Ausbreitung einer Infektionskrankheit verhindern zu wollen. In diesem Fall ist das nach Versäumnissen bei der Vorsorge planlos und panisch geschehen. Die meisten Staaten waren auf die Gefahren der Globalisierung nicht ausreichend vorbereitet.
  • Die geforderte Solidarität galt von Anfang an weniger den Risikogruppen als vielmehr den knapp kalkulierten Krankenhäusern und ihrem schon im Normalbetrieb überlasteten Personal.
  • Krankenhäuser und Altenheime sind Orte mit erhöhtem Infektionsrisiko, besonders wenn das Personal sich und andere mangels Ausrüstung nicht schützen kann.
  • Für alte Menschen, die in den Heimen Wochen lang mit Ausgeh- und Besuchsverbot leben mussten, wäre es besser, statt in Gettos mit Jüngeren zusammen zu wohnen, nach dem Prinzip der Inklusion etwa in Mehrgenerationenhäusern.
  • Die Schulen und Kitas wurden in Deutschland vor den Geschäften und der Gastronomie geschlossen. Das zeigte nochmals, wie wenig wichtig der Gesellschaft die Erziehung und Bildung der jungen Menschen sind. Es wurden schon zu wenige Erziehungskräfte eingestellt und sie sind unterbezahlt, die Schulen haben zu große Klassen und sind schlecht ausgestattet. Erziehende und Lehrende gelten offenbar nicht als systemrelevant, ausgenommen die wenigen, die Notdienste leisteten. Die Kinder Monate lang allein den Eltern zu überlassen, ist keine Alternative zu den Einrichtungen und verschärft soziale Unterschiede. Zumal da Kinder seltener infiziert sind, hätten die Schulen und Kitas in festen Gruppen mit Abstand und Hygiene weiterarbeiten können.
  • Grundrechte und Demokratie müssen auch in Krisen gelten, anderenfalls kann sich eine Diktatur festsetzen. Einschränkungen von Rechten waren teils sinnlos oder überzogen. Ausnahmeregeln müssen diskutiert und abgewogen werden und schliesslich gut begründet sein. Dies hätte schon bei früheren Epidemien praktiziert werden können, aber auch nach dem Beginn des internationalen Gesundheitsnotstands am 30. Januar waren dafür bis zu den überraschenden Massnahmen Mitte März noch 6 Wochen Zeit, in denen abgewartet und zugeschaut wurde. Als der Deutsche Bundestag kurzerhand am 27. März fast alles Weitere der Regierung überlassen hat, war dies zwar nicht so folgenschwer wie das Ermächtigungsgesetz für Hitler 1933, dennoch sind die meisten Abgeordneten ihrer Aufgabe und Verantwortung nicht gerecht geworden.
  • Dieses Virus ist quasi zufällig in den Fokus geraten. Der Unterschied zu früheren Infektionswellen wie bei der Grippe waren vor allem die spektakulären Massnahmen in China. Andere häufige Krankheits- und Todesursachen, die oft von Menschen gemacht und damit eher vermeidbar sind wie Feinstaub, sonstige Abgase des Autoverkehrs oder Pestizide, werden weiterhin nicht ebenso beachtet.

  • Pestdoktormasken des Karnevals in Venedig -
    Foto: Flickr, TracyElaine / Tracy, Lizenz CC BY-SA 2.0

  • Die Wissenschaft mit ihren beratenden Experten hat vielfach zugeben müssen, dass sie nichts wusste. Ihre Ratschläge gingen oft von den schlimmsten Befürchtungen aus. Die entsprechenden politischen Massnahmen waren deshalb nicht unbedingt falsch, aber auch nicht sicher begründet. Politik und Wissenschaft hätten früher für verwertbare Untersuchungsergebnisse sorgen können, wie zu den Fragen: Wie viele der Infizierten haben keine Symptome? Wie hoch ist das Risiko, ohne Symptome andere zu infizieren? Wie viele Menschen sind immun? Welches Infektionsrisiko besteht durch Aerosole? Wie lange überleben Viren ausserhalb eines Organismus, auf verschiedenen Materialien und bei verschiedenen Umwelteinflüssen?
  • Je mehr in Labors Viren verändert und gezüchtet werden, desto höher ist das Risiko eines Unfalls mit folgender Epidemie. 100 Prozent Sicherheit kann niemand garantieren.
  • Die wissenschaftlichen Annahmen und politischen Vermutungen in Bezug auf das Virus sowie das plötzliche Aussetzen der Normalität haben viele dazu ermuntert, eigene Spekulationen in die Debatte zu bringen. Die zuvor schon auch durch das Internet sich ausweitende Vielfalt der Ansichten und Meinungen ist noch freier geworden. Angehörige des bisherigen Mehrheitskonsenses werfen Andersdenkenden daher immer öfter Verschwörungstheorien vor. Stattdessen wäre es richtig, in der öffentlichen Diskussion die Theorien und Behauptungen zu prüfen und mit tragfähigen Argumenten die sinnvollen von den unsinnigen zu unterscheiden.
  • Zum Schutz vor Epidemien gehört künftig ein Warnsystem, das Kontrollen und Sperren des internationalen Flugverkehrs und auch von Staatsgrenzen auslöst. Reisende müssen dann mit beaufsichtigter Quarantäne rechnen.
  • Beim Wiederaufbau nach der Krise darf einiges nicht so weitergehen wie bisher. Staatliche Hilfen für die Wirtschaft dürfen nicht altbekannte Gefahren für Gesundheit und Sicherheit finanzieren.
  • Einschränkungen von Freiheitsrechten wie wegen des Virus sind jetzt auch wegen der Gesundheitsgefahren des Auto- und Flugverkehrs denkbar. Sie könnten da viel gezielter wirken. Denn es ist nicht nur ein Verdacht, sondern eindeutig, dass Menschen mit Verbrennungsmotoren und deren Schadstoffen andere (und sich selbst) gefährden. Vor über hundert Jahren gab es schon viele Elektrofahrzeuge auf Strassen und Schienen, dann liessen sich immense Profite mit Erdölprodukten erwirtschaften und bei den dazu passenden Fahr- und Flugzeugen ist es bis heute geblieben. Risikominimierung erfordert schon längst, fossile Energietechnik abzuschaffen.
  • Impfungen für Milliarden Menschen sind ein gigantisches Geschäft für die Pharmaindustrie mit ungewissem Nutzen. Die Impfstoffe kommen zu spät und wirken nicht gegen veränderte oder neue Erreger. Vielmehr wäre es hilfreich, weltweit Gesundheit fördernde und Immunität stärkende Lebensbedingungen zu entwickeln.
  • Digitalisierung aller Lebensbereiche ist ein Irrweg. Damit ersetzt Technologie das Leben. Auch für Krisen sind bessere, menschenfreundliche Lösungen notwendig.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Wozu Wissenschaft nützt
Das Recht geht alle an
Hinter die Fassaden schauen
Menschen schaffen sich ab
Das Wichtigste von der Bildung]

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Neues demokratisches Glück

3. April 2020

Wie wir unsere Demokratie rechtzeitig erneuern und weiterentwickeln können

Die Demokratie ist in Gefahr. Es wird immer deutlicher, dass das demokratische Menschenrecht, also das freie und gemeinsame Gestalten des Zusammenlebens, schon demnächst in Deutschland wie in anderen Ländern nicht mehr gelten könnte. Deshalb ist es nicht mehr nur ein Wunsch, die bestehende, allerdings wenig zufriedenstellende Demokratie zu erneuern und weiterzuentwickeln – es ist dringend notwendig, damit sie nicht von Gewaltherrschaft zerstört wird.

Bedroht ist die Demokratie mehrfach. Da sind diejenigen, die von den Menschenrechten nichts halten und aggressiv eigene Vorstellungen durchsetzen wollen. Da sind viele, die von den immer vielfältigeren Zusammenhängen der Welt und der Politik überfordert sind, nicht kritisch denken können und schliesslich irgendwelchen Ansagen folgen. Da sind die wenigen, die schon die Macht haben und sie sich mit allen Mitteln noch bequemer und perfekter machen. Und da sind diejenigen, denen die vorhandene Demokratie wegen ihrer Mängel und ihrer Erstarrung gleichgültig ist, sodass sie sich nicht dafür einsetzen.

Diktatur statt Demokratie – obwohl Deutschland schlimmste Erfahrungen damit hat, bahnt sich wieder Ähnliches an. Die überraschenden Massnahmen und Pläne, die mit dem Gesundheitsschutz vor dem Corona-Virus begründet wurden, zeigen inzwischen eine Neigung zum chinesischen System.

Das deutsche Grundgesetz wurde gefeiert – es war ein demokratischer Fortschritt, aber darin war Entscheidendes immer schon nur Papier, und wer glaubt, es wäre nach sieben Jahrzehnten mit geringen Änderungen noch eine ausreichende Grundlage für das gesellschaftliche Leben, hat den Ernst der Lage nicht begriffen. In diesem Dokument war versprochen, die Bürgerinnen und Bürger könnten bei der Wiedervereinigung des Landes frei über die Verfassung ihres Staates bestimmen, aber die politische Elite hat vor dreissig Jahren wieder alles unter sich ausgemacht und ihre Herrschaft verfestigt, während ein grosser Teil des Volkes dies längst nicht mehr für demokratisch hielt.

Schon lang sind sehr viele Menschen im Land, im Westen und im Osten, nur noch ausnahmsweise einverstanden mit einem Staat, der angeblich alles zu ihrem Besten regelt, ohne dass sie dabei entscheidend mitbestimmen können. Spätestens seit der 1968er-Zeit sind in der BRD Mitbestimmung, Freiheit von Bevormundung und Herrschaft, demokratische Rechte in allen Bereichen zu selbstverständlichen Ansprüchen geworden. Mehr Mut brauchten die Menschen in der DDR, die Bürger- und Bürgerinnenrechte vertraten. In der Wendezeit konnten sich vorübergehend viele in Foren und an Runden Tischen versammeln, um über ihre Gesellschaft zu beraten. Im Bereich der Wirtschaft wurde erkannt, dass es vorteilhaft ist, wenn die Beschäftigten mit ihren Ideen und Vorschlägen in Entscheidungen einbezogen und die Hierarchien flacher sind. Für das Leben in einer komplizierten Zivilisation stellen die Menschen sich immer mehr darauf ein, über Verschiedenstes zu entscheiden und dies zu verantworten.

Dazu bietet die Politik, in der es doch um die Lebensbedingungen geht, bisher kaum Gelegenheit. In einzelnen Bundesländern wurden besonders für Städte und Gemeinden Abstimmungsrechte in Sachfragen eingeführt oder verbessert. Da und dort sind Bürgerbeteiligungsverfahren angesetzt worden, deren Ergebnisse teils nur anerkannt wurden, soweit sie die herrschende Politik bestätigten. Im Übrigen macht die Wirtschaft mit ihren Lobbys die Politik, und je mehr dies durch die Medien bekannt wird, desto unverschämter tritt diese Mafia von Banken, Konzernen und Beratungsorganisationen zusammen mit gewählten Politikern und Politikerinnen auf. Für die Bürger und Bürgerinnen gilt leider der Kalauer, dass sie alle vier oder fünf Jahre ihre Stimme abgeben dürfen und diese dann bis zum nächsten Mal nicht mehr haben.

Anspruch und Wirklichkeit der Demokratie in ihrer bestehenden Form gehen immer weiter auseinander. Verschärfend kommt hinzu, dass die demokratische Politik immer weniger imstande ist, Probleme sinnvoll zu lösen und auch nur ihre mindesten Aufgaben für die Allgemeinheit zu erfüllen. Parlamente und Regierungen erledigen die nötigste Arbeit nicht: Sie schützen die Bevölkerung nicht vor andauernd drohenden Gesundheitsschäden durch Verkehr, Kraftwerke und Industrie, vor Umweltverwüstung und Klimakatastrophe, sie antworten auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit mit minimalen Anpassungen, sie machen die Welt mit militärischer Gewalt unsicherer, sie verstehen nichts mehr von humaner Bildung. Wie sich die Lebensverhältnisse verändern, ist damit der Willkür der globalen Profitinteressen überlassen.

Diese Situation verunsichert vor allem diejenigen Menschen in Deutschland, die von der Geschichte her Herrschaft gewohnt sind und, vielleicht auch aus Resignation, noch eine Haltung von Untertanen gegenüber der Obrigkeit haben. Wie auch andere, die den Staat als mit ihren Steuern bezahlten Dienstleister betrachten, wollen sie von ihm versorgt und geschützt werden. Und wenn dies nicht angemessen geschieht, haben sie üblicherweise gejammert, aber seit einiger Zeit reagieren sie unter dem Einfluss nationalistischer Propaganda zunehmend mit Wut. Es kommt darauf an, dass die demokratisch Gesinnten im Land diesen faschistischen Bestrebungen die Gründe entziehen.

Es ist Zeit für eine neue Demokratie, mit der wir alle das Zusammenleben optimal regeln können. Diese Demokratie muss anders sein als das, was wir in Deutschland und anderswo gewohnt sind. Sie sollte sich an der höchstentwickelten Demokratie der Welt im Nachbarland Schweiz orientieren. Dort wird immer wieder festgestellt, dass die Menschen durch ihre demokratischen Rechte und deren gute Ergebnisse glücklicher sind. Eine solche Demokratie entspricht den Bedürfnissen viel besser. Mit ihr können wir unsere Welt zufriedenstellend gestalten.

Diese Grundsätze und erneuernden Folgerungen sind entscheidend wichtig für unser demokratisches Leben:

Alle Menschen können sich beteiligen. In sämtlichen Bereichen der Gesellschaft versammeln sich, wenn es einen Wunsch nach Änderung oder Gestaltung gibt, besondere Räte. In ihnen können alle, die es betrifft, miteinander beraten und Lösungen entwerfen. Bei staatlichen oder kommunalen Planungen geschieht dies regelmässig und sonst aufgrund einer Zahl von Unterschriften. Es besteht ein gesetzliches Recht auf diese Räte. Sie sind beispielsweise auch in Schulen (als Versammlung von Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern) oder für das Gesundheitswesen eines Landkreises (als Versammlung von medizinischem, pflegerischem und sonstigem Personal, Patientinnen und Patienten sowie anderen Interessierten) möglich. Die zuständige Verwaltung organisiert die Räte nach bestimmten Verfahren, stellt die vorhandenen Informationen bereit und erklärt die bisherigen Planungen. Die Räte einigen sich schliesslich auf Ziele und Einzelheiten. Entweder übernehmen die Verwaltung und das zuständige gewählte Parlament (Gemeinderat, Landtag, Bundestag und andere entsprechende Gremien) dann den Beschluss oder es findet (auf kommunaler, Landes- oder Bundesebene oder in einer Organisation) eine allgemeine Abstimmung statt.

Die Bürgerinnen und Bürger entscheiden. Sie beschliessen in allgemeinen Abstimmungen über Grundfragen und strittige Einzelthemen der Politik. Eine solche Abstimmung (Bürgerentscheid, Volksentscheid und Entsprechendes) findet statt, wenn ein Antrag (Bürgerbegehren, Volksbegehren) eine bestimmte Zahl von Unterschriften erreicht hat und nicht unmittelbar von der Verwaltung oder dem Parlament angenommen wird; ebenso wenn der Beschluss eines Beteiligungsrats nicht angenommen wird; sowie immer wenn das Parlament bestimmte wichtige Beschlüsse gefasst hat, insbesondere bei Verfassungsänderungen. Zuvor gibt es umfassende Informationen und ausreichend Zeit für den Meinungsaustausch. Das mehrheitliche Ergebnis der Abstimmung gilt unbedingt, nur eine neue Abstimmung kann es ändern.

Die Parlamente beschliessen im Einvernehmen mit den Bürgerinnen und Bürgern. Die gewählten Abgeordneten in den Parlamenten haben die Aufgabe, die Interessen der Menschen in einer Gemeinde, einem Landkreis, einem Bundesland oder der Republik zu vertreten, Lösungen für das Allgemeinwohl zu vereinbaren und vorausschauend zu planen. Die Bevölkerung wird regelmässig mit Räten und Gesprächsforen einbezogen. Dabei werden gesellschaftliche Einzelinteressen (durch Lobbys) transparent und nach Regeln eingebracht. Gegebenenfalls entscheiden Volksabstimmungen.
Die Bürgerinnen und Bürger ab dem Alter von 14 Jahren wählen die Abgeordneten nach jeweils höchstens vier Jahren gemäss einem Verhältnisverfahren, sodass sich die Vielfalt des politischen Willens in der Gesellschaft möglichst genau im Parlament abbildet. Damit nahe Beziehungen zwischen dem Volk und seinen Abgeordneten bestehen, bestimmt es die meisten von ihnen direkt in Wahlkreisen und nur einen kleinen Teil über Parteilisten. In den Wahlkreisen muss jede Partei mindestens zwei Kandidierende anbieten, und es können Abgeordnete mehrerer Parteien gewählt werden. Eine Sperrklausel gibt es nicht, damit die Stimmen für kleine Parteien und Wahlvereinigungen gleichermassen zählen.
Die Parlamente müssen ohne ein Regierungsbündnis arbeiten können, das heisst mit wechselnden Mehrheiten. Dazu werden Beratungs- und Entscheidungsverfahren genutzt, die auch bei vielen widersprüchlichen Interessen nach bestimmten Kriterien zu einem optimalen Ergebnis führen, sodass die einzelnen Ansprüche angemessen und jeweils möglichst weitgehend befriedigt sind. Die Abgeordneten müssen sich an das Wahlprogramm ihrer Partei halten und stimmen offen ab. Alle Tätigkeiten und Dokumente der Parlamente sind öffentlich.

Die Regierungen leiten die volksnahe Verwaltung. Regierungen sollen in der Demokratie nicht mehr massgeblich für Entscheidungen sein. Besonders die Befugnisse der Regierungschefin oder des Regierungschefs (ebenso in den Gemeinden der Bürgermeisterin oder des Bürgermeisters) werden stark reduziert. Eine Person kann und darf nicht die ganze politische Verantwortung tragen. Die Regierung führt mit der Verwaltung Beschlüsse aus, die durch Abstimmungen des Parlaments oder des Volkes zustande gekommen sind, und vertritt den Staat, das Land oder die Gemeinde nach aussen. Sie kann aus Fachleuten auch ohne Parteizugehörigkeit gebildet sein. Grundsätzlich ist sie nicht mit einer festen Mehrheit im Parlament verbunden. Damit wird auch dem Prinzip der Gewaltenteilung entsprochen. Statt eines Staatsoberhaupts gibt es, mit grossteils den gleichen Aufgaben wie bisher für die Bundespräsidentschaft, aber mit einer anderen Stellung, das Amt der oder des Volksbeauftragten.

Diskutieren wir darüber!

Matthias Kunstmann

> Mitentscheiden: Anspruch wird Wirklichkeit
Beitrag zur Debatte beim Berlin Institut für Partizipation

> Bürgerrat Demokratie
> Mehr Demokratie e. V.

[Dazu:
Wir regieren uns selbst am besten!
Die Menschenwürde gilt für alle
Alle gestalten mit - so geht Demokratie
Demokratie und was dran ist
Einsatz für demokratisches Zusammenleben]

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Wir brauchen Kommunikation

10. März 2020

Warum und wozu?

Miteinander leben – dazu gehört mitteilen, sich verständigen, genauer: sprechen, hören und antworten, mit verschiedenen Mitteln, von denen auch Sprach- und Gehörlose ihre haben. Zwar kann es genügen, zusammenzuhalten und füreinander dazusein, aber erst Sprache in der Vielfalt der Formen regelt, gestaltet und entwickelt die Gemeinschaft. Auf sehr unterschiedliche Weise: Menschen informieren mit ihr über das, was sie empfinden, wahrnehmen, denken. Wissen wird ausgetauscht und erweitert, Bedürfnisse werden vertreten. Dabei lernen sie einander besser kennen. Den Mitteilungen ist aber nicht unbedingt zu trauen, denn es gibt Irrtum und Lüge. Sprache schafft auch Tatsachen, die schädlich oder nützlich sein können: Jemand kann bitten und damit etwas erreichen, oder beleidigen und jemanden verletzen, oder loben und jemanden stärken, kann von Wichtigem ebenso ablenken wie von einer belastenden Lebenslage, kann zu Unsinn verführen oder Sinnvolles anregen, langweilen oder begeistern, ausschliessen oder verbinden. Wenn die Sprache die Welt erklärt, Menschen verbindet, das Zusammenleben fördert und die gemeinsame Kultur aufbaut, dann erfüllt die Kommunikation das, wofür es sie gibt.

Was ist dabei wichtig?

Klar, deutlich und verständlich muss die Aussage sein, wenn es um Informationen geht. Wer diese mit Erfolg vermitteln will, muss auf Folgendes bei sich achten:
- Ich weiss, wovon ich spreche.
- Ich weiss genau, was ich sagen will.
- Ich habe die geeigneten Fakten und Argumente.
- Ich bringe sie in einer schlüssigen Reihenfolge vor.
- Ich wähle die richtigen Worte.
Also: die Botschaft auf den Punkt bringen!

Auch wenn persönliche Bedürfnisse befriedigt werden sollen, ist das zu empfehlen. Allerdings können Bedürfnisse von den Beteiligten eines Gesprächs verschieden eingeschätzt werden, vielleicht werden sie als unbegründet oder überzogen bewertet. Deshalb drücken wir sie üblicherweise in höflichen Formen aus und geben damit zu verstehen, dass es zu einem Interessenausgleich kommen soll.

Einfühlsam, sensibel, empathisch müssen die Beteiligten sein, damit Kommunikation gelingt. Das gilt umso mehr, je problematischer eine Situation ist. Denn es sind Persönlichkeiten mit unterschiedlichem Vorwissen, mit abweichenden Ansichten, Werten und Erwartungen und mit jeweils eigenen Interessen beteiligt. Jeder Mensch denkt anders. Deshalb kommt es darauf an, dass ich mich auf das Gegenüber einstelle und im Verlauf eines Gesprächs immer wieder herausfinde, wie meine Botschaft verstanden worden ist. Das heisst zuhören und rückfragen. Der Eindruck ist nie dasselbe wie der Ausdruck.

Gefühle sind immer dabei. Sie äussern sich in Mimik und Gestik, und unbewusst können sie das wortsprachliche Kommunizieren beeinflussen und steuern. Es wirkt dann oft nicht wie beabsichtigt: Was scheinbar sachlich gesagt wird, täuscht; wenn die unausgesprochene emotionale Botschaft empfangen wird, irritiert der Widerspruch. Auf dieser Seite können eigene Gefühle vielfach darüber entscheiden, wie eine Nachricht aufgenommen wird. In günstigen Fällen erkennen die Gefühle auf der einen Seite die auf der anderen und veranlassen eine passende Reaktion. Die eigenen Gefühle und die der anderen wahrnehmen macht es leichter, sich zu verständigen.

Schriftlich ist die Kommunikation schwieriger als mündlich. Geschriebene Mitteilungen werden nicht durch die Körpersprache, den Ton (der die Musik macht) und besondere Betonungen unterstützt. Oft werden sie zugleich ernster genommen. Es gibt keine unmittelbaren Rückmeldungen. Nachträgliche Klarstellungen kommen kaum noch an. Andererseits lassen schriftliche Texte beim Lesen wie beim Verfassen Zeit zum Denken. Es ist sehr wünschenswert, dass diese Chance genutzt wird, um nach bestem Wissen und Gewissen die Worte zu wählen und zu setzen. Der kommunikativen Misere des Internets liesse sich damit abhelfen.

Einseitige Kommunikation erfordert besondere Aufmerksamkeit. Bücher, Plakate, Presse, Radio und Fernsehen werden zur Information, Unterhaltung und Bildung genutzt, eine Antwort ist aber nur selten möglich. Ihre Botschaften müssen bewusst und kritisch aufgenommen werden:
- Was sagt mir das?
- Was bringt es mir?
- Was kann ich damit anfangen?
Noch mehr sind solche kritischen Fragen zu der einseitigen Kommunikation geboten, die keinen anderen Zweck hat, als bestimmte Interessen durchzusetzen. Sie gibt es im privaten und sozialen Bereich als Mittel für Intrigen und Ausgrenzung. Wirtschaftsunternehmen und politische Interessengruppen betreiben sie, auch mit den genannten Medien und dem Internet, als effizientes Mittel der Herrschaft von wenigen über die meisten.

Zusammenarbeit, Beteiligung an gemeinsamen Aufgaben und Demokratie brauchen gute Kommunikation: Wir reden miteinander, verständigen uns über das, was wir gemeinsam wollen, und bereiten es mit zielgerichtetem Austausch vor.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Alle gewinnen mit Empathie
Worte und ihre Folgen
Alle gestalten mit - so geht Demokratie]

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