Zu Bildern von Kirsten Bloss
Hier gibt es etwas Neues zu sehen. Das könnte nichts Besonderes sein, wir können Neues sehen, sobald wir beim Spazierengehen einen unbekannten Weg nehmen oder einen, den wir lang nicht mehr gegangen sind, oder auch auf einem Weg, den wir kennen. Wir können im Übrigen jederzeit beliebig viel Neues im Fernsehen oder Internet sehen: dokumentarische und künstliche Bilder. Alles hat eine Bedeutung. Aber ist das, was wir sehen, wichtig für uns? Verstehe ich damit etwas besser? Bereichert es mich? Freue ich mich darüber? Wird mir damit die Welt vertrauter? Solche Fragen können wir uns stellen.
Was es hier zu sehen gibt, ist besonders: Es sind künstlerische Bilder. Also nicht einfach künstliche, sondern künstlerische. Ein Gemälde ist etwas, das neu in die Welt gekommen ist, das wir sonst nicht sehen können. Es hat Zeit gebraucht, um zu entstehen, Arbeit, Lebenserfahrung. Eine Persönlichkeit hat Wahrnehmungen, Vorstellungen, Inspirationen mit einem Kunstwerk ins Bild gesetzt. Ein solches Bild ist wie ein Gedicht, es bringt Erlebtes und Erfahrenes zu einem wirksamen Ausdruck. Das Bild spricht zu den Sehenden, wenn auch anders als ein Gedicht. Als Antwort oder Reaktion kann jede und jeder etwas Eigenes empfinden, verstehen, erkennen. Und es auch geniessen.
Die Künstlerin zeigt uns vor allem Landschaften. Indem sie diese Landschaften im Bild gestaltet hat, sind Erlebnisse zu Kunst geworden. Landschaft, das ist die Weite ausserhalb unserer Wohnungen. Das ist Natur, wie es sie in den Ortschaften nicht mehr so reichhaltig gibt. Landschaft erscheint zeitlos, ewig, die Berge stehen schon lang da. Das wirkt beruhigend. Aber in der Weite und Vielfalt der Landschaften können Menschen sich auch fremd oder unsicher fühlen. Benötigt wird ein Wohnort, so etwas wie Heimat, wenigstens zeitweilig, um einigermassen geborgen zu sein. Aus diesem Bedürfnis wurde Kultur geschaffen und entwickelt, Häuser, Architektur, Handwerk, Wirtschaft, gemeinsame Feste, Musik. Mit den Bauten, mit der Landwirtschaft und mit dem Verkehr wurde auch die Landschaft verändert. Deshalb wird von Kulturlandschaft gesprochen, die sehr artenreich sein kann, und andererseits von Stadtlandschaft, die auf ihre Weise reizvoll ist.
In der Landschaft draussen kommt es auf den Standort und seine Umgebung an. Von jedem Standort sieht die Landschaft anders aus, an bestimmten Orten beeindruckt sie mehr, es gibt Plätze, an denen ich mich besonders wohlfühle. Solche Räume in der Natur sind für viele Menschen wertvoll, und es besteht der Wunsch, dass sie in ihrer Eigenart erhalten bleiben. An verschiedenen Stellen lässt sich spüren, dass wir mit der Erde verbunden sind. Wenn wir aufmerksam schauen, ist ganz in der Nähe Überraschendes wahrzunehmen. So berichtet der Romantiker Achim von Arnim:
»Ich griff nach dem Steine, den ich neben mir zur Wegebesserung mit frischem schwarzglänzendem Bruche zerschlagen fand, und erkannte ihn als einen gültigen Zeugen größerer Weltbegebenheiten, als die ich erlebt hatte …«
Um den Horizont zu erweitern, bewegen wir uns durch die Landschaft, von Ort zu Ort, beim Spazieren, Wandern und Reisen. Es werden andere, auch ferne Landschaften entdeckt. Und immer ist über der Landschaft der Himmel so gross und weit wie in den Siedlungen nicht, da geht der Blick ins Unendliche, und unendlich verschieden stehen und ziehen die Wolken, je nach dem Wetter, das Licht ist immer wieder anders und mit ihm wechseln die Farben der Umgebung, der Formen des Geländes und der Natur. Da lassen sich farbige Himmel beobachten.
Landschaft wird mit allen Sinnen erlebt, aber am meisten im Sehen. Deshalb entspricht ihr die Malerei. Schon vor mehr als dreitausend Jahren haben Menschen Landschaften gemalt. Wie die Landschaften bei aller Beständigkeit eine lange Geschichte haben, so sind Erfahrungen, Eindrücke und Erkenntnisse aus früherer Zeit in den Bildern der Künstlerin enthalten.

Kirsten Bloss: Rote Dächer
Eines der Bilder hat mit einer Landschaft in unseren Breiten zu tun. Die Gegend wird geografisch als Albtalplatten bezeichnet und ist auch ein Landschaftsschutzgebiet. Auf den Anhöhen mit Wald und Wiesen gibt es Aussicht und einen Ort, der beliebt ist für Ausflüge. Als »Rote Dächer« ist er ein Gemälde geworden. In dem Bild wirkt die Natur sehr stark, der Wald, der Himmel und das kultivierte Land mit Weiden und Feldern, das ich sehe, umgeben die Gebäude des Anwesens, die darin geschützt zu sein scheinen. Das ist eine Ruhe, in der Kraft liegt. Daraus kommt Freude am Wachsen und Blühen. Alles das lässt nicht unbedingt der reale Ort spüren, aber sehr wohl das künstlerische Bild.

Kirsten Bloss: El Arenal
Ein anderes Bild geht auf Erinnerungen an eine weit entfernte Landschaft zurück, im südlichen Amerika. In diesem Bild »El Arenal« mit dem markanten Berggipfel besteht die Natur für sich, aber ist doch auch für das menschliche Betrachten und Erleben da, in ihrer Grösse, Erhabenheit, ihrer eigenartigen Gestalt und den vielfältigen Formen und Farben, in ihrer Atmosphäre. Hier verbinden sich die Elemente, wie sie die Kultur begrifflich eingeteilt hat: mit der Erde das Wasser, das überall in den Böden und den Lebewesen ist oder durch sie fliesst, es ist hier mitten im Blick. Die Luft ist immer dabei. Das Feuer brennt hier nicht, aber es lässt sich vermuten in den Tiefen des Vulkans. Die Künstlerin hat woanders auch die schwarze Erde gemalt, mit der solche Berge das umliegende Land bedecken, zuerst ist das eine tödliche Gefahr. Aber dasselbe Element Feuer zeigt sich im Licht, in dem wir alles sehen und in dem neues Leben wächst, und hier ist es sehr hell. Dazu spiegelt sich das Licht des Himmels im Wasser.
Beim Anschauen künstlerischer Bilder kann auffallen, dass sie gar nicht so fest, statisch und auf einen Augenblick fixiert sind, wie es vielleicht scheint. In ihnen schwingt einiges. Weil sie aus dem Leben kommen, sind sie lebendig. Wenn wir sehen können, dann können wir das sehen und viel mehr.
Matthias Kunstmann
Veröffentlichung der Fotos mit freundlicher Erlaubnis der Künstlerin
0 Kommentare bis jetzt ↓
Dieser wäre der erste.
Kommentar