Kleider schützen, verhüllen, zeigen. Menschen ziehen sie an, Tiere haben von selbst genug Fell, Federn oder Schuppen. In der Bibel steht, dass die ersten Menschen, als sie Bewusstsein erlangten, sich schämten wegen ihrer Nacktheit und Gott ihnen deshalb Kleidung gab. Die Kleider, die sich die Menschenvölker dann selber machten, wurden sehr vielfältig. Trachten konnten von einem Dorf zum andern verschieden sein. Inzwischen wird die Kleidung global einheitlich, bestimmt von der westlichen Zivilisation. Aber derzeit bleiben auffällige Unterschiede.
In Europa und den von hier beeinflussten Teilen der Welt besteht ein eigenartiger Kontrast im Aussehen zwischen den Geschlechtern. Es ist eine soziale Regel, über die anscheinend kaum jemand nachdenkt: Männer kleiden sich in der Öffentlichkeit meistens wie vor hundert Jahren, mit langen dunklen Hosen und hochgeknöpften langärmligen Hemden, zwischen Hosenbeinende und Socken darf kein Abstand sein - vor allem jüngere Frauen tragen dagegen Buntes mit Dekolletée, freien Schultern und Waden und zeigen auch gern die Haut an Knien, Bauch und Rücken. Das sieht fast so aus, als wären die Frauen frivol und die Männer prüde. Eher umgekehrt erscheint es in östlichen Kulturen.
Die freie Kleidung im Westen gilt als Errungenschaft der 1968er-Zeit. Frauen emanzipierten sich von traditionellen Rollen und Regeln und demonstrierten das mit Minirock und Hotpants, während junge Männer sich in Parkas und hinter Vollbärten versteckten. Damals wurde auch die »Sexuelle Revolution« gefeiert: freie Liebe unabhängig von bisherigen Konventionen wie der Ehe. Den Frauen wurde dabei die Schwangerschaftsverhütung überlassen. Zugleich nahmen viele die Rolle und Regel an, »attraktiv«, anziehend, begehrenswert zu wirken, indem sie mit modischer Kleidung den Körper betonen - und zwar als selbstbestimmende Persönlichkeiten. Vorbilder wurden Filmschauspielerinnen, Sängerinnen oder Models. Frauen mit wenig bedeckter Haut wirken allerdings oft eher verletzlich und schutzbedürftig als eigenständig und stark. Für Konsumwerbung und populäre Medien dienten erotisierte Frauenbilder seither mehr denn je als Blickfang.

Verschiedene Kleidung der Geschlechter 1863 in Frankreich, gemalt von einem Mann: Édouard Manet, »Frühstück im Grünen«
Die Frauen sind schon lang für die Schönheit zuständig, die meisten Männer erwarten das, und so hat es die Gesellschaft geordnet. In der westlichen Moderne ist das im Prinzip noch so wie in traditionellen Gesellschaften, in denen die Männer sich ihre »Partnerinnen« aussuchen konnten oder es noch können. Den Anspruch auf Schönsein, den Frauen erfüllen wollen, hat die Soziologin Barbara Kuchler kritisiert: Sie fand es »ungerecht, dass uns dieser Aufwand an Zeit, Geld und Lebensenergie abverlangt wird und den Männern nicht«. Mit der Verantwortung für Beruf, Familie und Aussehen seien Frauen dreifach belastet. Deshalb rief sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf: »Spart die Energie, die das Schminken, Augenbrauenzupfen, Nägellackieren, Beinerasieren, Schmuckanlegen, Shoppen, Durchblättern von Modemagazinen kostet, und steckt sie in das Voranbringen eurer Karriere durch Lernen, Leistung, Sachverstand, oder wahlweise in Spaß und Erholung.« Frauen sollten ähnlich weite Kleidung tragen wie die Männer, sagte Kuchler - oder aber Männer sollten sich ähnlich knapp kleiden wie die Frauen. Mit weniger Ungleichheit und mehr Symmetrie im Aussehen der Geschlechter könnten Frauen nicht zuletzt auch männliche Übergriffe vermeiden.
Die derzeitigen Unterschiede lassen sich vielleicht so verstehen: Frauen, die aktiv ihre äusseren Reize zeigen, stellen die Männer auf die Probe. Männer, die diese Reize wahrnehmen, dürfen sie bewundern, aber keinesfalls den Frauen mit Worten oder Taten zu nahe treten. Sie müssen den Anstand wahren, sich beherrschen, die Menschenwürde beachten. Das steht ebenso für die Gesellschaftsforscherin Kuchler ausser Frage: »Männer müssen sich kontrollieren und ihre Hände und Zunge im Zaum halten.« Freizügiges Aussehen von Frauen wäre also quasi ein Mittel der Erziehung zu dem, was selbstverständlich sein sollte.
Menschliches Zusammenleben braucht ethische Werte und davon abgeleitete Gesetze. Regeln oder Vorschriften für die Kleidung sind in den angeblich freien Gesellschaften teils abgeschafft, aber einige gelten weiter. Nacktheit ist im öffentlichen Raum auf wenige Orte beschränkt. Personen mit hoheitlichen Aufgaben tragen Uniformen, auch die Kinder und Jugendlichen in manchen Schulen. Angestellte in Dienstleistungsunternehmen arbeiten in Kleidung mit Logo. In Büros, bei Feiern und bei anderen besonderen Veranstaltungen werden Dresscodes eingehalten. Sportlerinnen und Sportler haben die Trikots ihres Vereins, Mönche und Nonnen ihre Ordenstracht. Wer in den Petersdom in Rom gehen will, muss ausser dem Üblichen Schultern und Knie bedeckt haben, freie Waden sind erlaubt. Bei Demonstrationen besteht in Deutschland ein Vermummungsverbot: Die Teilnehmenden müssen erkennbar ihr Gesicht zeigen. Jedenfalls sind Kleider nicht nur nützlich und bequem, sie haben auch etwas zu bedeuten.
Matthias Kunstmann
> Barbara Kuchler: »#OhneMich«(in »Die Zeit«, 12.11.2017)
> Barbara Kuchler: »Ungeschminkte Wahrheiten« (in »Die Zeit«, 28.11.2017)
> Qualitätszeichen für Naturtextilien
> Kampagne für Saubere Kleidung
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