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Fortschritt?

16. September 2010

“Der Europäer ist zwar überzeugt, nicht mehr das zu sein, was er vor Alters gewesen ist, weiss aber noch nicht, zu was er inzwischen geworden ist. Die Uhr sagt es ihm, dass sich seit dem so genannten Mittelalter bei ihm die Zeit und ihr Synonym, der Fortschritt, eingeschlichen und ihm Unwiederbringliches genommen haben. Mit erleichtertem Gepäck setzt er seine Wanderung nach nebelhaften Zielen mit progressiver Beschleunigung fort.”
Carl Gustav Jung, “Erinnerungen, Träume, Gedanken”

Der Fortschritt hat Wohlstand und Glück gebracht. Es wird verlangt und erhofft, dass er mehr davon bringt. Aber mit weiter zunehmendem Wohlstand werden die Menschen nicht glücklicher, wie sozialpsychologische Untersuchungen zeigen. Was läuft da schief?

Als die Fortschritts-Idee im 18. Jahrhundert aufkam, war daran gedacht, dass die Vernunft sich durchsetzen sollte: Sie sollte die materiellen und sozialen Lebensverhältnisse der Menschheit optimieren. Zu den Ergebnissen gehören Elektrogeräte, Automobile, Sozialversicherungen - und Umweltprobleme, Weltkriege, Elendsviertel.

“Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.” Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, “Dialektik der Aufklärung”

Wie sieht es in den letzten 20 oder 30 bewusst erlebten Jahren aus? Sichtbar ist, dass Siedlungen, Gewerbegebiete und Verkehrswege Naturlandschaft verschwinden lassen. Weniger sichtbar ist, dass trotz steigenden Bruttoinlandsprodukts sich Armut ausbreitet. In vielen Bereichen wird mehr Arbeit für weniger Geld verlangt. Die volle Rente wird erst mit 67 Jahren gewährt. Die soziale Unsicherheit wird grösser, weil Arbeitsverhältnisse kaum noch Dauer haben. Der Zwang zur beruflichen Flexibilität ist aufreibend.

Der materielle Reichtum der Gesamtgesellschaft zeigt sich in luxuriösen Einkaufszentren und angelegten Milliardenvermögen. Trotzdem spart der Staat am Sozialen, an öffentlichen Einrichtungen, an der Kultur. Es fehlen Stellen in Kindertagesstätten, in Schulen, in der Pflege, in der Sozialarbeit, bei der Polizei, bei der Justiz. Verbraucherberatungen, Bibliotheken und Museen, die kostenlos nutzbar waren, haben Gebühren und Eintrittsgelder eingeführt.

Einrichtungen von denen finanzieren zu lassen, die sie nutzen, könnte sinnvoll sein, wenn staatliche Steuerung durch genossenschaftliche Selbstorganisation abgelöst werden sollte. Dazu müsste aber der gesellschaftliche Reichtum einigermassen gleichmässig verteilt sein, sonst sind die Chancen der Teilhabe ungleich - diese Ungerechtigkeit ist jetzt wie schon lange der Fall.

Kinder und Jugendliche verwahrlosen, weil Eltern aus verschiedenen Gründen immer häufiger mit der Erziehung überfordert sind und ihnen die Gemeinschaft nicht hilft. In der Bildung werden ebenfalls aus mehreren Gründen die Defizite grösser. Sie wird oft nur noch als Ausbildung für die Zwecke des Arbeitslebens verstanden. Sprach-, Schreib- und damit Kommunikationsfähigkeit sind auch bei akademisch (Aus-)Gebildeten oft schwach.

Zum Glück lässt sich bei einer Bilanz des Fortschritts auch Positives feststellen. Der öffentliche Regionalverkehr ermöglicht inzwischen fast überall eine vernünftige, bequeme Mobilität. Auch der Fernverkehr mit Bahn und Flugzeug ist schneller, komfortabler, billiger geworden, aber das ist wieder kein sinnvoller Fortschritt: Besonders beim Fliegen ist der Saldo von Nutzen und Umweltschäden ungünstig, zum Teil gehören Fernreisen zu den überflüssigen Wohlstandsgewinnen, und zum Teil werden mit ihnen Bedürfnisse befriedigt, die es zuvor nicht gegeben hat. Auch die regionale Infrastruktur wird genutzt, um Arbeitsstätten verlegen oder zentralisieren zu können, so dass Beschäftigte über längere Strecken pendeln müssen. Solange diese Verkehrsbedingungen nicht bestanden haben, hat die Wirtschaft auch funktioniert.

Es gibt ein grosses Angebot von Bio-Produkten, vor allem an Lebensmitteln, weniger an Textilien, Möbeln und Haushaltswaren. Die Landwirtschaft produziert vermehrt ökologisch. Bemühungen um Naturschutz haben Erfolg. Diese Fortschritte sind leider relativ, denn weltweit gesehen kontrastieren damit die Rodung von Tropenwäldern für Plantagen und der massive Anbau von gentechnischen Pflanzen besonders in Amerika und Asien. Historisch betrachtet wird mit der Öko-Landwirtschaft wieder eine Arbeitsweise erreicht, die vor der Erfindung der Agrarchemie üblich war.

Die Medizin kann mit neuen Therapien helfen. Jedoch treten Krankheiten und Leiden psychischer Art auf, die früher so nicht bekannt waren: Allergien; Beschwerden durch die Wirkungen von Chemikalien,  Radioaktivität, elektromagnetischen Strahlen, Lärm, beruflichem Stress; Ess- und andere Verhaltensstörungen besonders bei Kindern und Jugendlichen. Dafür werden noch kaum zureichende Behandlungen angeboten.

Für die Menschenrechte gibt es mehr Sensibilität. Minderheiten und unkonventionelle Lebensweisen bekommen mehr Respekt. Die Verständigung zwischen Kulturen wird gefördert. Demokratie ist international ein wichtiges Thema.

Andererseits: Gerade in den traditionell demokratischen Staaten Europas werden die vorhandenen Entscheidungsrechte der Bürgerinnen und Bürger immer mehr beeinträchtigt. Einmal wurde mit Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung in wichtigen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft der Einfluss des Staates und seiner gewählten Organe reduziert; stattdessen entscheidet Konkurrenz mit Vorteilen für die Mächtigen. Interessengruppen gelingt es verstärkt, hinter den Kulissen Beschlüsse von Regierungen und Parlamenten vorzubereiten. Viele Entscheidungskompetenzen sind von Deutschland auf die EU und andere internationale Organisationen übergegangen, die nur mangelhaft demokratisch legitimiert sind.

Zwischen den Weltkulturen des Westens und des Islams wird ein verschärfter Konflikt ausgetragen, der bis zu Terror- und Militäraktionen geht. Und Deutschland führt sei 1999 wieder Kriege, erst in Serbien, dann in Afghanistan - schlecht für Völkerrecht und Menschenwürde.

“Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ’so weiter’ geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.”
Walter Benjamin, “Zentralpark”

Wir haben das Internet! Das ist ein Fortschritt von Wert - auch wenn er nicht unbedingt mit Vernunft zu tun hat. Mit dem weltweiten Netz ist das Wissen der Menschheit für fast alle zugänglich und verfügbar geworden. Das Chaos ist auch darin, das einen Teil jedes menschlichen Gehirns beansprucht. Dennoch, da ist ein unglaublicher Reichtum mit ungeheuren Möglichkeiten. Hoffentlich können wir damit etwas Vernünftiges anfangen.

Mit oder ohne Netz und doppelten Boden ist der Fortschritt zwiespältig - so wie auch das Wachstum, das für die Wirtschaft weiterhin beschworen wird, als ob der erwirtschaftete Reichtum nicht längst gross genug wäre, und als ob Verantwortungsbewusste nicht längst auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen hätten. Angeblich kann der Lebensstandard nur durch Mengenwachstum gesichert werden - eine absurde Behauptung. Jahrtausendelang hat Wirtschaft anders und besser Werte geschaffen, in natürlichen Kreisläufen und Zusammenhängen. Das Konzept des qualitativen Wachstums versucht, sich darauf zu beziehen. Es ist wichtig zu erkennen, was unterstützenswert ist.

“An Fortschritt glauben heisst nicht glauben, dass ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.”
Franz Kafka, “Beim Bau der Chinesischen Mauer”

maximil

Erste Fassung 9.10.2009

[Dazu: Wird etwas besser?]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik

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