ier sein. Im Korbsessel mit dem kühlen Kissen, auf dem rissigen Holzboden, dicht an der gekalkten Wand. Manchmal kann ich ganz hier sein. Die Gedanken laufen nicht mehr zum letzten nervigen Telefongespräch, sie kehren auch zusammen mit den besorgten Gefühlen von dem Vermittlungstermin morgen zurück zu mir. Ich sitze hier, an diesem Ort, an dem nur ich bin. Einzigartig. Ich spüre. Atme. Bin mitten in der Welt.
ch geniesse diesen Moment. Danach bin ich anders als vorher, das ist meine Erfahrung. Ich bin präsenter, selbstbewusster, freier. Weiss genauer, worauf es ankommt. Ich wende mich meinen Mitmenschen achtsamer zu.
olches Hiersein und das, was daraus folgt, lässt sich religiös oder spirituell nennen. Es ist mehr als ein Verhalten oder eine Methode. Für mich ist es ein ursprüngliches Erlebnis. Es gelingt mir nicht einfach, wenn ich es will. Aber ich suche es. Dieses und anderes.
raussen kenne ich einen Baum, eine grosse Linde am Rand einer Kräuterwiese. Vor dieser Linde, in gewissem Abstand, stehe ich andächtig. Diesmal sehe ich von mir ab und schaue auf die Linde. Ich gehe aus mir heraus. Ich lasse mich nicht stören. Ich nehme wahr. Wie sie da auf dem Erdboden steht. Wie ihre Äste, Zweige, Blätter und die zarten geflügelten Blüten in der Luft sind, vor dem Himmel. Ich kann den Baum nicht erklären und will es nicht. Ich ahne schon vieles. Vielleicht ist in der Linde eine Seele.
ie strenge Wissenschaft würde dies als unsinnig einstufen. Aber was ich mir vorstellen kann, ist da. Nur nicht greifbar oder festlegbar. Es ist immer wieder wunderbar. Bereichernd. Wie Musik - früher wurde angenommen, dass sie von den Klängen der Sterne kommt. Ich werde berührt, von weit her, und empfinde das Mögliche als so wirklich, dass es mich ein wenig erneuern kann. Zur Kultur gehört die Poesie, das ist verständlich und erfreulich.
enn ich religiös inspiriert lebe, werden Beziehungen geschaffen und gestaltet. Das kann so geschehen: Ich schreibe einer Freundin einen Brief, auf echtem Papier, mit einem Tintenstift. In Ruhe sinne ich nach, wie es ihr gerade geht und was sie besonders interessiert, und erzähle ihr meine Geschichten. Mit meiner Schrift. Für ihr Leben. Ein andermal spreche ich auf der Strasse mit einem Fremden, der unsicher scheint, und auch da weiss ich intuitiv, was ich tue und wofür es gut ist. Gleich in welcher Situation ich mit einem Menschen zu tun habe, es ist nie zufällig, sondern bedeutet etwas. Ein Philosoph hat formuliert: “Um Religion zu haben, muss der Mensch erst die Menschheit gefunden haben, und er findet sie nur in Liebe und durch Liebe.” (*) Für mich ist es richtig, alles Leben zu lieben.
chön, wenn das, was wir erleben, zusammenstimmt. Wenn ich kritisch mit mir und anderen einig bin. Wenn wir dem Ganzen vertrauen. In Glaubensgemeinschaften wie den Religionen kann sich dies ereignen. Ihre Festlegungen, Vorschriften und Machtstrukturen sind allerdings auch hinderlich. Ebenso wie das, was unsere globale Zivilisation nahelegt: aufwendiger Konsum, mediale Illusionen, Selbstoptimierung. Die Aufgabe der Religionen ist, die Erinnerung an das wirklich Wichtige wachzuhalten und das gute, begeisterte Leben zu vergegenwärtigen. Glauben heisst für mich aber nur vermuten. Lieber möchte ich hoffen.
Claire Destinée
(* Friedrich Schleiermacher, “Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern”, Berlin 1799, S. 89)
Nachbarn können nervig sein. Oft verstehen sie einander so wenig, dass Streit um Kleinigkeiten eskaliert und die Justiz beansprucht. Denn ihre Nähe zueinander konfrontiert sie immer wieder. Die gemeinsame Grenze trennt und verbindet. Von wegen über Grenzen hinausgehen! Das hiesse den anderen zu nahe treten.
ZURECHTGERÜCKT
Früher hat ein Nachbar auch mal im Dunkeln einen Grenzstein versetzt, um sein Gelände zu vergrössern. Dafür musste er, so erzählten die Leute, nach seinem Tod als Geist umgehen, mit dem Stein auf dem Rücken. Des Nachts erschreckte er manch einen, der draussen unterwegs war, und fragte mit dumpfer Stimme: “Wo soll ich ihn hintun?” Erst wenn einer auf die richtige Antwort kam, nämlich: “Dahin, wo du ihn hergenommen hast!”, war der Nachbarschaftsstörer erlöst.
AUSTAUSCH
Wenn Nachbarn oder Nachbarinnen miteinander auskommen, kann es ihnen viel bringen: Austausch von Wichtigem, das den Wohnort betrifft, und gegenseitige Hilfe, gleich ob ein Haushalt für spontane Gäste zum Kaffee Milch und Zucker braucht, ob eine Familie die Nachbarskinder hütet oder gemeinsam ein Freisitz gebaut wird. Mit Hausfesten, Strassenfesten gestalten sie begeisternde und erinnernswerte gemeinschaftliche Ereignisse. Nachbarschaft im weiteren Kreis des Stadtteils oder der Siedlung lebt in Kindertagesstätten, Jugendzentren, Lokalen, der den Interessen entsprechenden Vielfalt der Vereine.
MOBIL ALLEIN
Aber an vielen anderen Orten geht nichts zusammen. In urbanen Räumen leben Menschen Wand an Wand nebeneinander her. Nachbarn auf derselben Etage grüssen sich gerade noch und lernen einander nicht kennen. Manche verspüren kein Bedürfnis, Kontakt aufzunehmen, manche finden keine passende Gelegenheit. Das ist immer häufiger so. Die Mobilität, die angesagt und gefordert ist, führt dazu, dass Berufstätige fern von zu Hause arbeiten, lang unterwegs sind, auch Wochen auswärts bleiben. Die Wohnung ist für sie nur ein Stützpunkt, und bei einer neuen Tätigkeit oder einer neuen Beziehung wird sie schnell gewechselt, wie auch der Wohnort. So können kaum noch nachbarschaftliche Beziehungen zustande kommen - während Menschen immer üblicher allein wohnen. Um nicht unter Einsamkeit zu leiden, wird Nähe mittels Telekommunikation, auf Internetplattformen oder im Fernsehen gesucht. Dort ist die “Lindenstrasse” die emotional wärmende Utopie einer Nachbarschaft.
RÜCKZUG
Auf dem Land, wo sich Familien längerfristig niederlassen, sind Strukturen für Treffen und Gemeinschaft verschwunden. Zur Rationalisierung wurden politische und religiöse Gemeinden aufgelöst, Lokale, Läden und Betriebe konnten sich nicht halten. Dörfer sind das Einzugsgebiet der Städte oder so abgelegen, dass viele junge Leute mangels Betätigungsaussichten wegziehen.
SELBST GESTALTETE BEZIEHUNGEN
Wer zu wem gehört, ist nur noch zeitweise vorgegeben. Wir können wählen und entscheiden, mit wem wir zu tun haben. Da es den Wunsch nach Gemeinschaft gibt, muss sie erst geschaffen werden. Mit Ideen, Initiativen, Kommunikation stiften Menschen in Städten und ländlichen Regionen neue Nachbarschaft. Mehrgenerationenhäuser, in denen Alte mit Jungen selbstbestimmt zusammenleben, sind ein Beispiel, ebenso andere gemeinsam gestaltete Wohnprojekte. Bürgerbeteiligung bringt Leute zusammen, die sich für ihren Stadtteil oder ihre Gemeinde verantwortlich fühlen. Ein Haus, das zum Abriss vorgesehen war, ist vorher noch zum Forschungsraum für die Zukunft einer Stadt geworden, deren Bewohnerinnen und Bewohner darin und drumherum mit Gästen gelernt, diskutiert, ausprobiert, geplant und vielfältige belebende Beziehungen hergestellt haben. Andernorts ist ein Tag der offenen Hinterhöfe, an dem die Ansässigen einander einladen und das vorstellen, was ihnen wichtig ist, der Anlass für gemeinsame neue Anfänge. In ländlichen Gemeinden öffnen wieder Dorfläden, bieten regionale Produkte an und werden mit Café, Schwarzem Brett und Dienstleistungen wie einer Poststelle zum Treffpunkt. Für die Kinder werden sogar, damit sie zum Lernen nicht weit fahren müssen, Kleinschulen am Ort erhalten.
Ist der Surrealismus der Kommunismus der Genialität? - Solange ihr nicht seht, denkt an die, die sehen! - Öffnen Sie den Mund wie einen Backofen, und es werden Haselnüsse herauskommen. - Wenn ihr die Liebe liebt, werdet ihr den Surrealismus lieben. - Der Regenschirm der Schokolade hat sein Gold verloren. Tauchen Sie ihn in die Tür und flechten Sie. - Eltern, erzählt euren Kindern eure Träume!
Flugblätter - “Papillons” - mit diesen Texten wurden 1924/25 in Paris verteilt. Sie enthielten die Adresse des “Büros für surrealistische Forschungen” in der Rue de Grenelle 15, das mehrmals wöchentlich für das interessierte Publikum geöffnet war. Mitglieder der surrealistischen Bewegung nahmen dort Berichte über ungewöhnliche Beobachtungen, eigenartige Ereignisse, seltsame Zufälle, besondere Wahrnehmungen entgegen, auch merkwürdige Fundstücke, es wurde darüber diskutiert und versucht, damit etwas anzufangen.
“Die Poesie … Es kann eine Zeit kommen, in der sie das Geld abschafft und selbst das Brot des Himmels für die Erde verteilt. … Man muss es nur darauf anlegen, die Poesie zu praktizieren.” (André Breton, Manifest des Surrealismus)
Wasser ist für alle da - es kommt frisch aus dem Hahn, und die Kosten fallen kaum auf. Das ist aber nicht selbstverständlich. Nicht nur in Ländern, in denen es wenig regnet, gibt es Konflikte um das Lebensmittel Wasser. Auch in Europa können zwei Millionen Menschen nicht problemlos sauberes Trinkwasser erhalten. Weltweit verdienen große Unternehmen an seiner Verteilung, am Bau und Betrieb der Versorgungsinfrastruktur und am Verkauf in Flaschen. Sie wollen ihr Geschäft ausweiten. Das treibt die Preise hoch und ist oft nachteilig für die Qualität. Um das Wasser als öffentliches Gut in Europa und darüber hinaus zu schützen, hat sich das internationale Bündnis “Wasser ist ein Menschenrecht” gebildet, aus Gewerkschaften, Sozial- und Gesundheitsorganisationen, Umweltverbänden. Es nutzt die neue Möglichkeit in der Europäischen Union, dass Bürgerinnen und Bürger mit einer Million Unterschriften einen Vorschlag machen können, den die EU-Kommission mit einer Anhörung im EU-Parlament prüfen muss. Eine solche “Europäische Bürgerinitiative” kann, wenn sie intensiv angewendet wird, die Demokratie weiterentwickeln und die Einführung EU-weiter Volksentscheide vorbereiten. Bei der Wasser-Initiative geht es besonders darum, dass das Trinkwasser nicht als Handelsware dem Wettbewerb und der Privatwirtschaft überlassen wird, sondern als Gemeingut und öffentliche Dienstleistung für alle Menschen auf Dauer zu bekommen ist.
Jemand spricht aus einem Kasten, einem kleinen, einer Schatulle. Die Stimme ist im Raum, erreicht mich, ich höre ihre Botschaft. Ich weiss, dass die freundliche Sprecherin weit weg ist, vielleicht hat sie dies schon vor Langem gesprochen, sagt jetzt etwas anderes, das ich nicht höre, oder schweigt. Ein Kind kann annehmen, dass sie in dem Kästchen sitzt. Früher hätte das als Magie gegolten, aber wir sind das Radio gewohnt.
Botschaften sagen uns, dass wir uns anders verhalten könnten und damit einem Ziel näher kämen. Dies unterstützen Ratgeber in verschiedenen Medien, Organisationen wie die Gewerkschaften, die auch gelegentlich einen Streik veranstalten, Religionsgemeinschaften … Es genügt nicht, informiert zu sein, Erkenntnisse sollen wirken, und das soll sich sogar öffentlich zeigen, um weitere Bewegungen anzuregen.
Auf einem Stadtplatz mit vielen Geschäften und Cafés bleiben da und dort einzelne Leute gleichzeitig stehen und bewegen sich nicht mehr. Nach einer Weile setzen sie Einkaufstüten auf den Boden und gehen weiter. Sie begrüssen irgendwelche anderen Passantinnen und Passanten mit “Hallo!”, reichen die Hand zum Gruss, “Freut mich, Sie zu sehen!” Dann richten sie den Blick über die Dächer zum Himmel. Die gebrauchten Tüten können schriftliche Erklärungen enthalten, zum Beispiel von Möglichkeiten des bewussten Konsums oder Vorschlägen, gemeinsam Interessen zu vertreten.
Was da verwundert, ist ein Radioballett. Das tanzt nicht in einer Sendung wie das Fernsehballett der öffentlich inszenierten privaten Samstagabendunterhaltung. Beim Radioballett, das von der Hamburger Künstlergruppe Ligna eingeführt wurde, machen die Hörerinnen und Hörer mit. Sie haben Taschenradios und Ohrhörer dabei. Gerade strahlt ein lokales freies Radio die Aktionshinweise aus. So handeln die Beteiligten ganz freiwillig an verschiedenen Orten zugleich, sie weichen eigenverantwortlich vom Gewohnten ab, machen auf ein Anliegen aufmerksam und sind in der Entfernung miteinander verbunden. Einige von ihnen haben den Sendetext verfasst, denn dieses Radio ist nicht nur telefonisch zugänglich und wird vom Publikum als Medium verwendet.
Ein Ziel ist, Zwänge des Üblichen probeweise ausser Kraft zu setzen. Stimmen können suggestiv wirksam sein. Wenn ich mir etwas vorsagen lasse, wird mir nichts vorgeschrieben, und doch kann ich den Worten nicht ausweichen. Ein geschriebener Text lässt mir meine Zeit, ihn zu lesen und mir sehr Unterschiedliches dabei vorzustellen. Die Stimme ist persönlicher und gestaltet die Szenerie. Zum Verständnis fordert sie nicht die Konzentration wie ein Bild. Das Radio ist ein Risiko. Beim Hören der Stimmen soll immer wieder klar werden, dass dies ein Ausnahmezustand ist - es ist kein Gespräch, sondern ein Versuch, mit dem wir etwas erreichen können.
Hier bekommst du ein Buch, grossformatig, grüner Leineneinband. Was fängst du damit an? Lesen? Es ist ein Katalog, der Tausende anderer Bücher verzeichnet. Wenn du über sie etwas wissen willst, erfährst du es im Internet. Aus diesem Buch kann ein Ding, ein Bild, eine Geschichte werden.
So ist es auch mit anderen Gegenständen, denen ich begegne oder die mir begegnen: Ich stosse auf etwas, es fällt mir auf, ist auf einmal mitten in meinem Blickfeld. Warum? Es sieht fremd aus und doch bekannt. Ich weiss zwar, was es ist und wozu es üblicherweise verwendet wird; aber es erinnert mich an etwas anderes, zunächst ungenau, dann deutlicher. Es hat mit mir zu tun. Gefühle regen sich. Da denke ich an eine Person, ein Geschehnis, hellsichtiger als zuvor. Wie es weitergehen kann, stelle ich mir jetzt vor, und das will ich frei bestimmen.
Den Titel lesen, den Inhalt schmecken … ein Buchobjekt (Foto: G.L.Grünebaum, Wikipedia, Lizenz Creative Commons)
Ein Buch wird in Elemente geteilt, die mit Objekten anderer Herkunft, Symbolen und Aufzeichnungen neu zusammengesetzt und hinter Glas gesammelt sind. Ein Buch ist der Boden für ein Gewächs. Ein Buch nimmt persönliche Nachrichten auf und gibt sie wieder. Bücher erhalten Wände für ein schmales Haus, an dem Masken hängen. Bücher erscheinen als Waffe und blutendes Opfer. Seiten aus Büchern sind der Hintergrund für die Vision eines Menschen in technischer Umgebung … Bücher sind offenbar, auch wenn sie nicht mehr zum Lesen gebraucht werden, besonders inspirierend. Das zeigen die Künstlerinnen und Künstler, die von der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe ausgemusterte Katalogbände bekommen haben.
Ein Garten ist ein Stück Natur in der Zivilisation. Menschen können da die Natur gestalten, wie es ihnen gefällt: mit Blüten, Laubschatten, Rasen zum Liegen oder für Spiele, Bänken zum Sitzen, Schauen oder Lesen, Kunstgegenständen zum Wundern. Das können Fachleute vom Grünflächenamt in öffentlichen Parks herrichten und Privatleute im eigenen Grün. Die pflanzen, giessen und hegen auch gern Obst und Gemüse und versorgen sich mit ihren frischen Lebensmitteln selbst. Leben in Zusammenarbeit mit der Natur ist besonders und tut gut.
Dabei haben Gärten meistens Nachbarschaft ohne Mauern und wirken damit kommunikativ. Wenn gleich gemeinsam gegärtnert wird, entwickelt sich das möglichst ökologische Geschehen zu immer wieder neuen sozialen Ereignissen. Gemeinschaftsgärten werden zu entspannt und nachhaltig wachsenden Orten der Demokratie, der vielfältigen Bildung und des kulturellen Austauschs. Menschen verschiedenster Herkunft haben einen fruchtbaren Grund, miteinander zu wirtschaften, zu reden, zu ruhen, zu feiern. Es wachsen humane Werte: Verständnis, Wissen, Fähigkeiten, Beziehungen, Kreativität.
Gemüse-Giessen im Berliner Tiergarten 1945 (Bundesarchiv, Bild 183-H0813-0600-009 / CC-BY-SA, Creative Commons)
Die eigene landwirtschaftliche Tätigkeit ist wichtig als Ausgleich für zivilisatorische Ansprüche an Leistung, dafür, dass sonst viele technische Vorgaben zu erfüllen sind, und wenn sonst freie Zeit mit Medien verbracht wird, mit denen sich die Welt nicht fassen lässt, dann kann das Gartenwerk erden. In Europa war es existenziell, als nach dem Weltkrieg auch die Grünanlagen des Berliner Tiergartens verwüstet waren und die hungernden Stadtmenschen dort Kartoffeln, Kraut und Rüben anbauten. In anderen Gegenden der Erde ist es heute noch und wieder eine Frage des Überlebens, ob Menschen für ihre Nahrungsmittel auf Konzerne und Behörden angewiesen sind oder ob sie wenigstens auf einer kleinen Fläche die Kraft der Natur nutzen können, um Essbares für den Eigenbedarf, Tausch und Handel zu ernten.
Paradiesgarten zum Verweilen und Genuss für Heilige bei Gespräch, Literatur und Musik inmitten einer Artenvielfalt von 27 Pflanzen und 15 Tieren, gemalt von einem unbekannten Meister am Oberrhein um 1410 und aufbewahrt im Städelschen Kunstinstitut und Städtische Galerie Frankfurt am Main
Die Agrikultur der Welt hat eine Fülle von Früchten hervorgebracht und Räume für schönen Aufenthalt geschaffen, überdies zeitigte sie verschiedenste Kenntnisse und wertvolle Geschichten. In Gärten als Plätzen der interkulturellen Begegnung können Junge und Alte das alles geniessen.
Nachhaltig, das Wort klingt nicht besonders, eher wie eine Phrase. Von Nachhaltigkeit wird viel geredet, aber oft wird bei dem Wort nicht klar, was daran wichtig ist: Es geht darum, wie wir leben.
Den eigenen Interessen folgen und dabei die Interessen der anderen und der Gemeinschaft berücksichtigen, das ist nachhaltig. Die Menschen sind nämlich aufeinander angewiesen, und wenn die Gemeinschaft leidet, nützt sie allen weniger. In Zeiten verschärfter Konkurrenz wird viel Aufwand nur damit verbraucht, sich gegen andere zu behaupten - gemeinsam wäre mehr zu erreichen.
Nachhaltig ist bekanntlich ebenso, die natürlichen Lebensgrundlagen zu beachten. Mit der Natur handeln ist vorteilhaft, auch wenn es stellenweise nötig ist, sich vor ihr zu schützen. Die Biosphäre ist eine grössere Gemeinschaft.
Beim Denken und Tun kommt es auf einen weiten Horizont an, auf Orientierung und auf das Wahrnehmen von Zusammenhängen. Eine Entscheidung im konkreten Fall sollte auch später noch vertretbar sein, daher ist es oft angebracht, Druck auszuweichen und sich Zeit zu lassen, bis ein Beschluss reif ist.
Verantwortung ist gefragt. Das heisst, auf Anfragen von anderen, Bedürfnisse der Mitwelt und Kritik gute Antworten geben zu können, die ein weiteres friedliches Zusammenleben ermöglichen.
So sind die Voraussetzungen für alles Weitere günstig. Nachhaltigkeit bedeutet Sicherheit, jedenfalls nach menschlichem Ermessen; zumindest bedeutet sie, vorbereitet zu sein, um auf Überraschungen sinnvoll zu reagieren. Auch wenn sich viel verändert - Wünschenswertes bekommt Dauer.
Nachhaltigkeit als Verzicht zu verstehen, trifft es also nicht. Stattdessen: Schädliches weglassen, dafür Wertvolles gewinnen. Ökonomisch liegt es auf der Hand, dass das Reduzieren von überflüssigem Verbrauch eine Ersparnis und rentabel ist. Darüber hinaus ist Nachhaltigkeit bereichernd.
Sie erzielt neue Qualitäten: Ökologisch und sozial gestaltete Produkte und Dienstleistungen sind besser, auch weil sie gute Gedanken und Gefühle vermitteln. Ethisches Verhalten hat einen spürbaren Wert in sich, zugleich bewährt es sich im stimmigen Verhältnis zu den Mitmenschen und zur Umwelt. Nachhaltiges Handeln fördert die Gesundheit und das Wohlbefinden. Es löst Sachzwänge auf und schafft Frei- und Spielräume.
Es verbindet mit Menschen. Wir teilen Werte, arbeiten zusammen, erweitern im Austausch unsere Erfahrung und Bildung, wir geniessen gemeinsam. Dabei entstehen Geschichten.
Nachhaltig ist lebenswichtig. Wenn wir nachhaltig leben, wird es uns gut gehen.
An diesen Tagen mit tief ziehenden, grauschwarzen Wolken achte ich besonders auf Licht. Vor der Abenddämmerung in der Stadt war auf einmal ein Widerschein an den obersten Stockwerken der Häuser, sie leuchteten, Wände, Fenster und Dachtraufen, wie wenn es gerade keine anderen Wohnräume gegeben hätte. Danach ragte im Schimmer einer Strassenlaterne das kahle Geäst einer Eiche ins Dunkel.
“Ich stelle mir das Meeresleuchten vor, das ich noch nie gesehen habe”, höre ich Marie sagen. Und Daniel: “Ich sehe am Himmel Sterne, die es vielleicht schon lang nicht mehr gibt.” Eine andere Stimme, es ist André, sagt: “Diese Musik ist für mich voll Licht von innen.”
Die Hinweise veranlassen mich, zu Haus im Arbeitszimmer die Lampe vom Fenstereck hinüber vor das Bild mit dem gelben Pegasus zu stellen, auch wenn ich nicht weiss, ob da ein kleines Pferd der Musen auf einer steinigen Hochebene in den schrägen Strahlen der Sonne steht oder ob es ein geflügelter Esel ist oder die Vision eines Engels in anderer Gestalt, mit einem schmalen Schatten. Die Botschaft der Fotografie ist mit Licht geschrieben. Sie erhellt einen Bereich meiner Empfindungen, in dem ich darauf gerade sehr ansprechbar bin.
Geld regiert die Welt, das ist als Sprichwort schon für das Jahr 1616 dokumentiert, im Buch “Teütsche Sprach und Weissheit” von Georg Henisch. Gemeint ist üblicherweise, dass die Reichen die Politik bestimmen. Inzwischen scheint die Aussage wörtlich und grundsätzlich zuzutreffen. Das Geld ist zu einer entscheidenden Macht geworden, weder seine Besitzer noch die Börsen kontrollieren es mehr, und bedeutende Regierungen folgen seinen Vorgaben. Das Kapital, nach dem das herrschende Wirtschaftssystem benannt ist, dominiert in seiner absoluten Substanz, nicht mehr als Produktionsmittel wie Fabriken oder Maschinen oder als konkrete Produkte, sondern als Finanzkapital, das schliesslich nur noch in Zahlen ohne jeden greifbaren Gegenwert existiert. Massgeblich sind nicht mehr die Warenmärkte, es sind die Finanzmärkte. Sie treiben die Politik vor sich her - dies stellen auch etablierte Medien wie der Südwestrundfunk und die Süddeutsche Zeitung offen fest.
Philosophisch könnte gesagt werden: Das Geld ist der Geist des Materialismus. Es kann für eine quasi religiöse Kraft gehalten werden, die bei zunehmender Skepsis gegen die alten Religionen von der Menschheit immer mehr verehrt und dabei immer weniger fassbar wird.
In früheren Zeiten war das Geld nicht so bedeutsam, wie es in unserer Zivilisation geworden ist. Die Menschen als Mitglieder überschaubarer Gemeinschaften in Dörfern und kleinen Städten versorgten sich gegenseitig mit dem Lebensnotwendigen und Unterhaltung, ohne es in Geld zu berechnen. Der Handel über weitere Entfernungen mit vermittelnden Kaufleuten machte Geld erforderlich und nützlich, ebenso die Massenproduktion in Fabriken, wofür Tauschgeschäfte nicht mehr geeignet waren, ebenso musste in den neuen spezialisierten Arbeitsverhältnissen der Lohn in Geld ausgezahlt werden, und die gegenseitige soziale Unterstützung in besonderen Lebenslagen wurde von der Sozialversicherung mit Beiträgen und Geldleistungen abgelöst.
Damit ist das Geld insgesamt das Medium einer arbeitsteiligen Gesellschaft, die auf seine Wirksamkeit angewiesen ist. Aber es hat eine eigene Dynamik, es kann zum Selbstzweck werden. Aus dieser Erkenntnis heraus haben an echten Werten interessierte Menschen die Naturalwirtschaft wiederentdeckt und Tauschringe eingerichtet. Auch neues Regionalgeld wird als Alternative ausgegeben, das sich nicht unbegrenzt vermehren, stattdessen gezielt einer menschenfreundlichen Wirtschaft zugutekommen soll.
Seit die ersten Banken am Beginn der Neuzeit in Europa Geld für unternehmerische Geschäfte vorgestreckt haben, hat sich die Wirtschaft intensiv entwickelt und Wohlstand erzeugt. Zugleich ist es zu Fehlentwicklungen mit fatalen Folgen gekommen. Denn geliehenes Geld verführt dazu, die mit ihm gewonnenen Vorteile zu geniessen, ohne noch an die Abhängigkeit von ihm zu denken. Es wird als eigenes Kapital angesehen und hat sich doch in Schulden verwandelt. Ein Unternehmen, das genug Gewinn macht, um mit einem Teil davon die Kreditzinsen zu bezahlen, hat kaum ein Interesse, die Schulden auszugleichen; im Interesse von kurzfristigem Genuss und längerfristigem Wachstum nimmt es stattdessen immer neue und größere Kredite auf. Die Banken sind dabei behilflich, weil sie selbst daran verdienen. Der Kredit, der als Begriff vom lateinischen Wort für “glauben” abgeleitet ist, bedeutet in der Wirtschaft für den Gläubiger nicht, dass er glaubt, der Schuldner werde das Darlehen in der vereinbarten Frist zurückzahlen - er glaubt vielmehr, ein dauerhaft wachsendes Unternehmen werde ihm immer höhere Profite bescheren. So bauen nicht nur Unternehmen und Konzerne oder Einzelpersonen, sondern ebenso Staaten statt auf festen Fundamenten auf immer grösseren Schuldenlöchern auf. Sie leben über ihre Verhätnisse.
Die Finanzwirtschaft kann aus Nichts Geld machen: das ist die “Geldschöpfung”. Diese Kreativität muss von Weisheit gelenkt sein, sonst kann sie Unheil zeitigen. In den letzten Jahren hat sich aber das Geld in den verschiedensten konkreten, abstrakten und fiktiven Formen so sehr vermehrt und verflüchtigt, dass es unsteuerbar scheint und fast alle Lebensbereiche beherrschen kann. Die Industrie produziert massiv auf Pump und ihre Bilanzen zeigen den Einfluss der Banken. Viele Unternehmen zielen in ihrem Geschäft statt auf Nutzen auf Luxus und Spekulation. Wirtschaft und Politik verursachen schon lange Schäden an Umwelt, Gesellschaft und Menschenleben und werden überraschend mit den unkalkulierten Kosten konfrontiert. Es wirkt absurd, dass mitten im grössten bisher erreichten Wohlstand unter dem Diktat des Geldes Firmen die Beschäftigten entlassen und im Gesundheitswesen, in den sozialen Diensten, in der Bildung, der Kultur und der Rechtspflege am Wichtigsten gespart wird.
Die angeblichen Kürzungsgründe, Rationalisierungsnotwendigkeiten und Sachzwänge sind zu bestreiten. Gegen die Macht des Geldes, der Geldbesitzenden und der vom Geld Besessenen gibt es persönlichen und politischen Widerstand. Wir brauchen Werte, die sich mit Geld nicht messen lassen. Geld ist nur ein Mittel von vielen, solche Werte zu schaffen und zu erhalten. Menschliches Wollen, Denken und Handeln sind dafür viel wichtiger.