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Wirksamer Einsatz für Menschenrechte und Demokratie

20. Juli 2011

Über gewaltsame politische Konflikte wie seit dem Frühjahr 2011 in Libyen gibt es viele Informationen, aber wenig gesichertes Wissen. Jahrelang hat sich die Weltöffentlichkeit kaum für die Verhältnisse in solchen autokratisch regierten Ländern interessiert, jetzt wird von Beteiligten, Fachleuten und Korrespondenten Auskunft erwartet, wobei alle ihre eigenen Blickwinkel haben, aus denen kein klares Gesamtbild entsteht. Die Lage ist bei näherem Hinsehen immer kompliziert. Wer sie beurteilen will, muss ausserdem seine Kriterien und Werte geklärt haben. Üblicherweise bleiben die Bilder der Konflikte vordergründig: maschinengewehrschwenkende junge Männer im Konvoi, durch Raketen zerstörte Gebäude, kämpferische Erklärungen von Repräsentanten, Klagen und Wut der Angehörigen von Opfern. Schnell werden Linien gezogen, die Situation wird vereinfacht und schwarz-weiss dargestellt, dann wird gemäss den persönlichen und gesellschaftlichen Ansprüchen Partei genommen.

Menschenrechte und Demokratie unterstützen, das geht nicht einfach so, dass die Aufständischen gegen eine Herrschaft unkritisch Schützenhilfe erhalten. Es geht überhaupt nicht, indem andere Staaten militärisch eingreifen. Wenn geschossen und zurückgeschossen wird und immer mehr Blut fliesst, verhärten sich die Fronten und vertiefen sich die Gräben in einem Land, der Konflikt eskaliert, und der Hass wird sich lange nicht mehr beruhigen. Wenn gebombt wird, trifft es zudem auch Unschuldige. Verletzende Gewalt gegen Menschen ist nie ein Einsatz für Menschenrechte, sondern selbst ein Verbrechen. Die internationalen Militäreinsätze im Irak und in Afghanistan haben neues grosses Leid über die Menschen gebracht.

Anstatt unvernünftig und sinnlos zu intervenieren, ist von den Konfliktparteien zuallererst Gewaltverzicht zu verlangen. Sie müssen sich an allgemein verbindliche rechtliche Regeln halten, andernfalls würden ihnen Sanktionen auferlegt, wie besonders wirtschaftlicher Boykott. Aktionen dieser Art werden bisher zu wenig praktiziert. Menschenrechtsinitiativen und die Demokratiebewegung eines Landes im Aufbruch dürfen darauf setzen, beraten zu werden, Vorschläge für ihr Handeln und den Aufbau neuer Strukturen zu bekommen und von anderswo bewährten Konzepten zu erfahren. Aber auch Vertretern eines Unrechtsregimes kann Zusammenarbeit angeboten werden, wenn sie zu Veränderungen bereit sind. Wirksam ist Hilfe, die konstruktive Gespräche ermöglicht, der Bevölkerung politische Bildung vermittelt und Wege zu einem allseits akzeptierten Miteinander öffnet.

Am besten ist es, bedrohlichen Konflikten rechtzeitig durch Aufklärung sowie die Entwicklung des Rechtswesens, der Demokratie und freier Medien vorzubeugen und dabei immer gemeinsame Lösungsversuche zu unternehmen.  Zumindest ist es ratsam, solche Konflikte schon zu bearbeiten, sobald sie entstehen. Diese Aufgaben erfüllen Friedensorganisationen in vielen Krisengebieten. Von Deutschland aus werden sie seit 1999 als Ziviler Friedensdienst staatlich gefördert. Sie beweisen, dass fälschlich behauptet wird, gegen Unrecht gäbe es nur die Wahl zwischen Militäreinsatz und Nichtstun. Das Militär mit der ihm verbundenen Industrie und Politik hat ein grosses Interesse daran, unentbehrlich zu erscheinen. Die Friedensfachkräfte können dann oft nur noch versuchen, Konflikte einzudämmen, die Folgen kriegerischer Zerstörung einer Gesellschaft zu mildern und zu verhindern, dass verstärkte Feindbilder beim nächsten Anlass zu weiterer Gewalt führen.

Das Vorhaben des Zivilen Friedensdienstes widerspricht traditionellen und überholten Vorstellungen von Konfliktlösung durch Gewalt. Die Absicht ist, Konfliktursachen anzugehen, zusammen mit Betroffenen und Beteiligten zu Verständigung und Vertrauen beizutragen und ein friedliches Zusammenleben auf Dauer zu sichern. Für seine humanitäre Aufgabe ist der deutsche Zivile Friedensdienst minimal ausgestattet: Gerade 30 Millionen Euro hat der Staat 2010 dafür ausgegeben. Mit zusätzlichen freiwillig von der Bevölkerung aufgebrachten Mitteln leisten derzeit etwa 240 Beauftragte in 44 Ländern nachhaltigen Dienst für Frieden und Demokratie. Diese Arbeit braucht mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung und Unterstützung, denn sie ist wahrer Einsatz für die Menschenwürde.

> Ziviler Friedensdienst: Projekte

maximil

[Dazu:
Demokratie und was dran ist
Theater für Menschenrechte
Kaufen macht einen Unterschied]

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Das Lebensmittel Wasser in eigenen Händen

6. Mai 2011

Frisches Wasser aus dem Hahn ist nicht selbstverständlich. Vor 50 Jahren konnten moderne mitteleuropäische Hotels noch damit werben, dass sie Zimmer “mit fliessend kaltem und warmem Wasser” hatten. Auf dem Land gehörten zu den Häusern eigene Brunnen, aus denen das Wasser mit Schwengelpumpen von Hand in Eimer gefördert wurde. In neueren Häusern gab es Leitungen vom Brunnen auf dem Grundstück  in die Küchen und Bäder, dafür war eine elektrische Pumpe nötig, die manchmal ausfiel - dann mussten die Familien bei den Nachbarn Wasser holen.  Schliesslich rumpelten Bagger ins Dorf, die noch ungeteerten Strassen und Wege, auf denen die Kinder gespielt hatten, wurden aufgerissen, und Arbeiter verlegten Rohre und Anschlüsse für die zentrale Wasserversorgung. Aber in harten Wintern kam es immer noch vor, dass die Wasserleitungen im Haus einfroren …

Millionen Menschen in ärmeren Ländern schöpfen ihr Trinkwasser indessen weiter aus Flüssen und schlammigen Tümpeln. Oft enthält es Krankheitserreger oder schädliche Chemikalien. In Gebieten mit Leitungsnetzen wird dem Wasser auch in Europa vielerorts Chlor zugegeben, um Bakterien abzutöten. Spuren verschiedener Medikamente aus Abwässern und Nitrate aus der Landwirtschaft lassen sich in den Wasserwerken nur schwer herausfiltern. Es passiert in Hitzeperioden, dass den Haushalten das Wasser für Stunden abgedreht ist. Trotz Regen erreicht höher gelegene Wohnungen manchmal gar kein Wasser mehr, denn der Druck in den Rohren ist zu niedrig - als Folge von Lecks und anderen Mängeln einer vernachlässigten Infrastruktur, für die finanzschwache Städte oder profitgierige private Wassergesellschaften, denen sie ihre Versorgung überlassen haben, verantwortlich sind.

Wasser, das elementare Lebensmittel, wird im grossen, vielfachen Naturkreislauf von Verdunstung, Wolken, Niederschlag, Versickerung, Quellen, Wurzeln, Trinken, Ausscheiden, Flüssen, Meeren immer wieder gereinigt und verteilt. Wie die Luft ist es erst einmal im Überfluss für alle da. Menschliche Gemeinschaften haben es sich auf verschiedene Weise verfügbar gemacht, mit Aquädukten, Zisternen, Wassertürmen, Aufbereitungsanlagen, Qualitätskontrollen. Dabei ist das Wasser auch zur Ware geworden: Je höher der technische und organisatorische Aufwand für das Bereitstellen, desto mehr reizen Geschäfte damit. Konzerne haben weltweit von öffentlichen Unternehmen das Gewinnen und Vermarkten des Wassers übernommen. Wo es kein Leitungswasser gibt oder die Leute ihm nicht trauen, wird Wasser in Flaschen angeboten und konsumiert, teuer, zum Teil von zweifelhafter Qualität und umweltschädlich durch Lastwagentransport und zurückbleibenden Plastikmüll.

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Trinkwasserbrunnen am Denkmal für die erste liberale Verfassung von Baden in Karlsruhe, von Friedrich Weinbrenner 1826

Aber Gemeinschaften achten auch wieder auf ihre Ressource Wasser. Die Stadt München fördert die ökologische Landwirtschaft in den Gebieten, aus deren Böden sie ihr Wasser bezieht, damit möglichst keine schädlichen Stoffe eindringen. Paris hat seine Wasserversorgung von zwei Konzernen übernommen und zeigt Stolz auf die kulturelle Leistung, den Menschen einer Metropole zuverlässig und kostengünstig sauberes Wasser zu liefern. Eigens gestaltete Karaffen für Haushalte und Gastronomie verdeutlichen den Wert des stets verfügbaren Wassers aus der Leitung. Zudem wird wieder aufmerksam gemacht auf die Hunderte öffentlicher Brunnen in der Stadt, von denen viele seit dem 19. Jahrhundert in typischer Form Trinkwasser spenden. Der freie Zugang zum frischen Nass freut auch Obdachlose.

Während Berlin immerhin 16 öffentliche Trinkwasserbrunnen anbietet, sind es im südlicher gelegenen Karlsruhe 74, und Stuttgart wirbt mit 19 frei zugänglichen Brunnen, aus denen Mineralwasser fliesst. Die Stadt nimmt die vor einigen Jahren an den EnBW-Konzern abgegebene Wasserversorgung inzwischen wieder in die eigenen Hände. Im französischen Wallfahrtsort Lourdes rinnt aus Hähnen sogar Heilwasser … Besonderen Überfluss an freiem Trinkwasser gewährt Bewohnenden und Reisenden die Schweiz. Eine Stadt mit rund 37.000 Menschen wie Chur lässt es aus 126 Brunnen sprudeln.

> “Water Makes Money” - Film über Wirtschaft und Politik des Wassers

> Stadtwerke München - Ökologisch gewonnenes Wasser für alle

> Eau de Paris - Die neue gemeinnützige Wasserversorgung (französisch)

> Trinkwasserbrunnen in Paris (Wikipedia)

maximil

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Gegen Plagiate sollen Kontrolle und Vertrauen wirken

26. April 2011

Wird in Deutschland genug getan, um Plagiate bei wissenschaftlichen Arbeiten zu verhindern? Die meisten Hochschulen in Österreich kontrollieren grundsätzlich die Abschlussarbeiten ihrer Studierenden mit automatischen Plagiat-Erkennungsprogrammen. Diese können zwar nicht sicher feststellen, ob jemand getrickst hat oder nicht, aber sie können Hinweise für weitere Nachprüfungen geben - und vor allem abschreckend wirken. An deutschen Hochschulen werden solche Tests erst von einzelnen Instituten vorgenommen.

Ein Beispiel aus Österreich: Die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt überprüft seit 2008 alle wissenschaftlichen Abschlussarbeiten automatisch auf Internet-Plagiate. Die Studierenden müssen dazu ihre Arbeit als Datei auf einen Server der Universität hochladen. Das elektronische Programm gibt einen Prüfbericht aus, auf dessen Grundlage der Betreuer oder die Betreuerin weiter untersucht, ob die Arbeit plagiatfrei ist und bewertet werden kann. Ähnlich behandelt die Universität Wien die eingereichten Diplom- und Masterarbeiten sowie Dissertationen. Dort schauen sich die Studienprogrammleitungen zusammen mit der betreuenden oder einer anderen fachkundigen Person die automatisch markierten Stellen genauer an. Wenn die Arbeit nur Mängel in der Zitierweise hat, bekommt der Verfasser oder die Verfasserin Gelegenheit, den Text zu korrigieren. Wenn das Ausmass unzitierter Textpassagen aber kein Verbessern mehr zulässt, es sich also tatsächlich um ein Plagiat handelt, dann wird die Arbeit nicht angenommen. Nach dem österreichischen Gesetz folgt keine weitere Sanktion - die ertappten Studierenden dürfen es mit einem anderen Thema noch einmal versuchen.

Die Universität Wien hat erklärt, dass sie in den letzten sechs Jahren sieben akademische Grade wegen Plagiats aberkannt habe, mit fallender Tendenz. Dazu sagt der Salzburger Plagiatsbekämpfer Stefan Weber, vier dieser Aberkennungen gingen auf seine Recherchen und Anzeigen zurück. Er zweifelt an der Effizienz der Software. In Internetforen zeigen Studierende Interesse, ihre Masterarbeit vor der Abgabe auf Plagiatsfreiheit testen zu lassen - das deutet darauf hin, dass manche inzwischen mehr Ehrgeiz darauf verwenden, geklautes oder nachlässig zitiertes Gedankengut durch die elektronische Prüfung zu schleusen, als mit eigenen Gedanken und korrekter Arbeit zu bestehen. Das Programm ist also offenbar ein Mittel zur Abwehr unlauterer Machenschaften, das die betreuenden Lehrpersonen mit ihrer Aufmerksamkeit ergänzen müssen.

An deutschen Hochschulen wurden zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis Ombudsleute und Kommissionen bestellt, die Verdachtsfällen nachgehen und Sanktionen bis hin zur Geldbusse in die Wege leiten, ohne dass es eine systematische Kontrolle gäbe. Ausnahmen sind beispielsweise das Institut für Europäische Kunstgeschichte und das Institut für Ethnologie der Universität Heidelberg, die jede Arbeit ihrer Studierenden mit einer entsprechenden Software auf Plagiate untersuchen. Der Dekan der Heidelberger Philosophischen Fakultät (zu der die Kunstgeschichte gehört), Manfred Berg, rechnet damit, dass das Thema Plagiatskontrolle im kommenden Semester auf der Tagesordnung stehen wird. Er ist aber nicht für eine generelle elektronische Überprüfung, will die Studierenden nicht unter Generalverdacht stellen und plädiert für Vertrauen in der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Das Wichtigste dabei sei eine intensive Betreuung der Studienarbeiten. Auch Psychologieprofessor Joachim Funke, einer der Ombudsleute der Universität Heidelberg, sieht keinen Grund, an der bisherigen Praxis etwas zu ändern; es sei eine “Illusion, man könne das technisch lösen”. Die Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Universität im benachbarten Mannheim hat ebenfalls ein Antiplagiatsprogramm besorgt, den Lehrstühlen aber freigestellt, damit alle wissenschaftlichen Arbeiten zu untersuchen, Stichproben zu nehmen oder es nur bei Verdacht anzuwenden.

Dem Deutschen Hochschulverband (DHV) ist das nicht genug. Anlässlich des 61. DHV-Tags (11./12.4.2011 in Potsdam) hat er alle Wissenschaftler und die Prüfungsämter der Universitäten aufgefordert, die eigenständige wissenschaftliche Leistung von Seminar- und Abschlussarbeiten zu überprüfen. Studierende, Doktoranden und Habilitanden sollen dazu verpflichtet werden, ihre Arbeiten auch in digitaler Form abzugeben, sodass besser und schneller auf Übereinstimmungen mit fremden Texten kontrolliert werden kann. Die Prüfenden sollen von den vorhandenen Kontrollinstrumenten Gebrauch machen, verlangt der DHV.

Die elektronischen Programme können den Zeitaufwand verringern, der für die Qualitätssicherung von Studienarbeiten gefordert wäre, aber nach den Worten von Hochschulverbandspräsident Bernhard Kempen nur schwer zu erbringen ist: Wissenschaftler an Deutschlands Universitäten seien durch das modularisierte Bachelor- und Masterstudium sowie im internationalen Vergleich hohe Lehrdeputate selbst “zu Lehr- und Prüfungsautomaten degradiert”.

maximil

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Alle gestalten mit - so geht Demokratie

24. Februar 2011

Protest wie gegen das Bauprojekt “Stuttgart 21″ zeigt, dass die zuständige Politik geändert werden muss. Ein politisches Vorhaben, gegen das viele unterschiedliche Menschen mit guten Gründen Widerstand leisten, ist nicht richtig. Demokratische Politik muss als Ziel haben, dass die meisten Menschen, möglichst alle, zufrieden sind. Das gelingt ihr in Deutschland und anderswo so wenig, dass sich Ärger und Resignation in der Bevölkerung ausbreiten. Weitreichende Planungen, Neuerungen, Entwicklungen, die nicht gegen die Bürgerinnen und Bürger, sondern mit ihnen gestaltet werden, könnten so zustande kommen:

  • Kritik am Vorhandenen aufnehmen - sie weist auf nötiges Handeln hin.
  • Anregungen für Neues suchen - dabei werden Möglichkeiten erkennbar.
  • Vorschläge sammeln - viel Sachverstand und Ideen werden  genutzt und ergeben Varianten und Wege für ein Projekt.
  • Vorhaben vorstellen - das Thema, unterschiedliche Interessen und denkbare Lösungen werden bekannt gemacht.
  • Diskussion fördern - mit Hintergrundinformationen und geeigneten Kommunikationsstrukturen können sich alle eine Meinung bilden.
  • Ergebnisse zusammenfassen - Lösungen mit besonderem Rückhalt werden dargestellt.
  • Volksabstimmung - sie bedeutet einen Grundsatzbeschluss für die am meisten akzeptierte Lösung.
  • Planung transparent halten - die weitere Ausarbeitung muss immer öffentlich nachvollzogen werden können.
  • Konflikte lösen - dazu werden auch mit unabhängiger Vermittlung Elemente aus anderen Lösungen integriert.
  • Lösung optimieren - sie bezieht weitere Kritik, Anregungen und Vorschläge ein.
  • Entwicklung flexibel gestalten - sinnvollerweise wird gerade bei längerfristigen Vorhaben rechtzeitig auf veränderte Bedingungen und Bedürfnisse reagiert.

Sollte ein Vorhaben keinen breiten Konsens gefunden haben oder neu strittig werden, müsste es sich einer weiteren Volksabstimmung stellen. Sie entschiede über Ausführung, Alternativen oder Abschied. Falls es dabei keine mehrheitliche Zustimmung für die Planung gibt, wird das Verfahren doch nicht vergeblich gewesen sein. Die Beteiligten haben Erfahrungen gesammelt, und meistens werden sich noch viele Lösungselemente ohne Konflikt verwirklichen lassen.

maximil

[Dazu:
Demokratie und was dran ist
]

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Trau dich das Richtige … Filme über Möglichkeiten

7. Februar 2011

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Was bringt uns von der Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt, zum Handeln? Kritik ist ein Anfang, Klagen genügt jedenfalls nicht. Nachdenken über Möglichkeiten führt weiter. Und dann braucht es die Freiheit, Ungewohntes zu wagen. Das Filmfestival “ueber Mut” will 2011 dazu anregen. In vielen deutschen Städten werden Dokumentarfilme gezeigt, die Anlass zu Diskussionen und Initiativen sind.

> Film-Tournee “ueber Mut”

maximil

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Was tun für gutes Leben?

3. Februar 2011

Die Kritik am geltenden Wirtschaftswachstumsdenken ist im Deutschen Bundestag angekommen. Eine Enquetekommission aus Abgeordneten und Sachverständigen hat sich versammelt, um in den nächsten Monaten über “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” zu beraten. Die drei Begriffe hängen nämlich nicht so einfach zusammen, wie das immer wieder gesagt wird. Das Wirtschaftswachstum, das bisher mit dem Bruttoinlandsprodukt aller geldwerten Leistungen gemessen wird, berücksichtigt nicht, dass der Wohlstand ungleich verteilt ist und dabei die Lebensqualität auch leidet: Sie wird gestört durch Umweltschäden, technikbedingte Unfälle, Leistungsdruck, Ungerechtigkeit, Bildungsferne. Für ein “gutes Leben” braucht es einiges, was die Politik zu wenig beachtet. Die Kommission soll ganzheitliche Kriterien für Wohlstand und Fortschritt finden und Vorschläge für eine bessere Politik erarbeiten.

Über das Wachstum wird in Frankreich schon länger intensiv diskutiert. Von dort kommt der Ausdruck “Décroissance” für den umgekehrten Vorgang, also etwa eine “Abnahme”, “Reduzierung”, einen “Rückgang”. Diese Idee wird von Persönlichkeiten und Gruppen öffentlich vertreten, und das bedeutet etwas in einem Land, in dem die Menschen sich auf den Genuss verstehen. Es gibt politische Forderungen und zugleich Aufrufe zu radikalen Konsequenzen für den eigenen Lebensstil - “Mach dich vom Fernsehen frei”, “Mach dich vom Auto frei”, “Befreie dich vom Mobiltelefon” … und “Fördere deine persönliche Entwicklung”. In Deutschland wird darüber mit umständlicheren Begriffen wie “Postwachstumsgesellschaft” gesprochen.

Die Parlamentskommission gewährt den politisch Verantwortlichen erst einmal einen Aufschub. Vernünftige Entscheidungen, die längst auf der Hand liegen, können weiter unterlassen und unsinnige Beschlüsse gefasst werden. Aber das öffentliche Gespräch über diese lebenswichtige Angelegenheit ist bereits wertvoll. Es wird früher oder später etwas bewirken.

> Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (Wikipedia)

> Jenseits des Wachstums?! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben - Dokumentation des Attac-Kongresses in Berlin 20.-22.5.2011

> Postwachstum in Bewegung (Attac)

maximil

[Bezieht sich auf: Fällige Kritik des Wachstumsdenkens]

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Kultur für alle

27. Januar 2011

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Bücherschrank auf dem Karlsruher Werderplatz

Kultur ist für alle da. Im Prinzip. Aber es kommen nicht alle überall ran, zum Beispiel zu Wagner in Bayreuth oder an einen Picasso fürs Wohnzimmer. Öffentliche Bibliotheken und Museen waren lange kostenlos zugänglich, in den letzten Jahren wurden in den meisten von ihnen Gebühren eingeführt. Erfreulich, dass weiter Konzerte mit freiem Eintritt angeboten werden und manches Museum wenigstens an einem Tag in der Woche kostenfrei offen ist. Dazu schenkt das Internet Texte, Filme, Tondokumente, Wikipedia.

Ein Bücherschrank auf einem Platz ist mehr als das. Wetterfest, rund um die Uhr zu öffnen, Bücher können gratis mitgenommen und nach Belieben zurückgestellt oder eigene dazugebracht werden - das ist auch ein Symbol. Kultur gehört unübersehbar mitten ins Leben, alle können an der Literatur teilhaben, ein Buch ist etwas zum Festhalten. Und zum Austausch. Auf dem Platz reden die Leute seitdem vielleicht öfter über Lese-Erlebnisse.

maximil

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Wenn die Medien ausfallen

17. Januar 2011

blitz1 Keine Nachrichten. Im Radio ist nur Rauschen, auf dem Fernsehbildschirm Flimmern, statt Internetverbindung wird ein Ladefehler angezeigt. Die letzte E-Post ist von gestern, das Telefon bleibt ruhig, neue Zeitungen und Zeitschriften gibt es nicht. Wir sprechen darüber, fragen einander, rätseln, Gerüchte gehen um, aber langsam lässt das Interesse nach. Sonst fehlt uns nichts, Lebensmittel sind erhältlich, Arbeit ist zu leisten, die Kinder lernen in der Schule, Leute treffen sich in Lokalen, feiern Feste, in der Nachbarschaft und auf den Plätzen ist immer etwas los. Neuigkeiten brauchen wir nicht, wir leben im Hier und Jetzt, dabei regeln wir alles Wichtige.

Ein Gedankenexperiment. Sind die Menschen dann dumm, wenn sie nichts Neues erfahren, nichts mitbekommen aus dem Rathaus, dem nächsten Ort, der Hauptstadt, aus anderen Ländern, ausser sie begeben sich selbst dorthin? Nicht unbedingt, denn vom gegenwärtigen Leben, seinen Konflikten und verschiedenen Lösungen wissen sie viel. Sie beschäftigen sich mit der Natur, dem Sport, der Kunst. Auch von der Geschichte verstehen sie etwas, lesen Bücher, entdecken vielleicht im Kino einen bisher selten gezeigten alten Film, denken über das Glück nach.

Wenn keine Nachrichten kommen, kann es so scheinen, als würden auch woanders Konflikte irgendwie gelöst, als würde die Regierung akzeptabel funktionieren, als würde die Menschheit jede Katastrophe überstehen…

Doch, wir wollen die Welt kennen. Was woanders nicht geregelt ist, kann Folgen für uns hier haben. Das Ungewohnte erinnert daran, dass wir in unserem Bereich etwas verändern können. Wir brauchen Informationen, um richtig zu reagieren und etwas zu verbessern. Wie Menschen in anderen Kulturen sich verhalten, zeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt.

Leider können wir viel wissen, aber das heisst noch längst nicht, dass wir dementsprechend mitbestimmen können: weil das Recht oder die Mittel es nicht erlauben. Deshalb sind Nachrichten oft eher Grund zur Klage als Anreiz zum Handeln.

Der Medienausfall ist vorüber. Es wird weiter berichtet. Auch über Geschehnisse und Zusammenhänge, die zu wenig beachtet werden, lässt sich etwas herausbekommen. Trotzdem - es war angenehm, einmal abzuschalten und durchzuatmen…

> Marietta Slomka, “Nachrichtenblock” (Die Zeit 22.4.2004)

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Auf dieser Route (aus “Statumania”)

25. November 2010

statumania

Sylvie Natalicia

Auf dieser Route könne nichts geschehen, hatte er gesagt. Später wurde erzählt, er habe eine auf keiner Karte eingezeichnete Passage gefunden.

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Schneller - wohin und warum?

4. November 2010

Schnell sein ist ein Vorteil bei Konkurrenz: Wer zuerst da ist, wo es etwas zu holen gibt, kann das Beste oder alles bekommen. Schnell sein ist auch ein Vorteil im Kampf und auf der Flucht. Allerdings kommt es in solchen Situationen mindestens ebenso auf anderes an: stark, geschickt, klug sein. Besser, als auf Sieg und Gewinn zu setzen, ist es in der zivilisierten Welt überhaupt, das gemeinsame Interesse zu beachten.

Schnelligkeit kann jedenfalls auch ein Nachteil sein. Im Verkehr bedeutet hohe Geschwindigkeit zum Beispiel ein erhöhtes Unfallrisiko. Im Arbeitsleben wird Tempo auf Dauer belastend. Hektik nervt - Nutzen und Schaden stehen in einem schlechten Verhältnis. Wenn schneller gehandelt als gedacht oder gefühlt wird, in Momenten, in denen neuen Herausforderungen nicht mit Routine begegnet werden kann, entstehen Fehler. Unüberlegtes Reagieren, bei dem der Instinkt in die Irre führt und keine Intuition hilft, nennt sich im Extremfall Panik. Sie ist gefährlicher als die Ausgangslage und hat meist üble Folgen. Rettend ist dann, Ruhe zu verbreiten.

Schnelligkeit ist also kein objektiver Wert. Aber offenbar läuft vieles immer schneller ab. Unsere Geschichte beschleunigt sich: Das Wachstum der Bevölkerung in grossen Teilen der Erde wird immer schneller, der technische Fortschritt, die Warenproduktion, die Dienstleistungen, die Rechner und Datenverbindungen, die Informationsübermittlung, politische Reformen, der Wechsel von Arbeitsplätzen, Partnerschaften und Lebensstilen, die Klimaerwärmung, das Verschwinden der Urwälder, das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Vieles geschieht schneller, als wir es verstehen. Können wir da unsere eigene Geschwindigkeit noch selbst bestimmen?

Die Finanzkrise 2007/2008 war ein Ergebnis dieser globalen Beschleunigung. Transaktionen waren so komplex und liefen so schnell ab, dass sie nicht mehr nachvollzogen, gesteuert und kontrolliert werden konnten. Schliesslich wurde das katastrophale Tempo der ökonomischen Gewinnerzielungsprozesse der Politik aufgezwungen. In Deutschland sollte die Regierung angesichts der drohenden Pleite einer Bank, die als “systemrelevant” galt, über Nacht eine Lösung finden. Eine vernünftige Analyse, Beratung und Konzeption waren so schnell nicht möglich. Die Regierung der Grossen Koalition liess sich von der Bankenlobby erpressen, ebenso folgte die Mehrheit des Bundestages Hals über Kopf innerhalb einer Woche deren Vorgaben und zahlte trotz knapper Kassen Milliarden Euro zur angeblichen Rettung des Finanzsystems, in dem damit Private weiter auf Kosten der Allgemeinheit Profit machen können.

Ein Moratorium, eine Denkpause wären sinnvoll gewesen. Wenn etwas falsch läuft, ist es nötig, zu bremsen. Wir sollten uns nicht hetzen lassen. So wie die Menschen in Afrika, von denen erzählt wird, dass sie eine Expedition von Europäern begleiteten, aber nach einem Stück schneller Reise sich niedersetzten und auf die Frage, warum sie nicht weitergingen, sagten: Unsere Seele muss erst nachkommen.

Es ist Zeit, zu entschleunigen, dem Druck zu besinnungsloser Eile zu widerstehen, wieder den Rhythmus zu finden, der dem Leben gemäss ist. Langsamkeit wird inzwischen zu einem Qualitätsmerkmal.  Langsam sein ermöglicht, den Wert erfüllter Zeit zurückzugewinnen.

In unangenehmer Zeit wird gewünscht, dass sie schnell vergeht. Es scheint, als sei den Menschen der modernen Zivilisation die meiste Zeit lästig, sodass sie ständig Neues ersehnen. Währenddessen vergeht das Leben unbemerkt. Gute Zeit dagegen, dies ist Konsens, soll dauern: ein schöner Urlaub, eine begeisternde Tätigkeit, eine Liebe. Der intensiv erlebte Augenblick soll bleiben. In solcher Musse ist es möglich, die Welt, die Menschen um uns und uns selbst wahrzunehmen. Und wir können das Leben wirklich geniessen.

Dafür gibt es Gelegenheiten.

Mit dem guten Essen wurde ein Anfang gemacht. Veranlasst durch den Wohlstand, der die verschiedensten Nahrungsmittel reichlich bereitstellt, und durch das ökologische Bewusstsein hat sich als Alternative zum Fast-Food-Konsum die Slow-Food-Bewegung gebildet. Erst sehen und verstehen, was die Natur, die Agrikultur und aus beidem schöpfende Menschen bieten, die feinen Unterschiede beobachten, die Geschichte der Lebensmittel kennen, dann bewusst auswählen, wenn möglich selbst zubereiten, komponieren und auftischen - das ist der Weg zum entspannten und inspirierten gemeinsamen Tafeln, mit Schauen, Schmecken, Teilen und Kommunizieren. Dergleichen geht nicht nur an Feiertagen, es gehört zu einem Lebensstil der Achtsamkeit, der selbstbestimmt Besonderheiten und Vielfalt wertschätzt und zwanglos für die Gesundheit und das Wohlbefinden auch der Mitmenschen und der Umwelt sorgt.

Cittaslow - auch diese Idee kommt aus dem kultursinnigen Italien. Ganze Städte verschreiben sich die Langsamkeit. Die Beteiligten da wissen: Die Geschwindigkeit, die international alles mit sich reisst, macht gleichförmig und langweilig. Statt hektischem Betrieb wollen sie angenehme Lebensbedingungen, einen ruhigen Rhythmus, Arbeiten und Wirtschaften in naturnahen regionalen Kreisläufen, um dabei den unverwechselbaren Charakter ihrer Stadt zu entwickeln.

Die Medien sind so schnell geworden, dass Informationen sofort weltweit bekannt werden - und dass es extrem schwierig geworden ist, in der Masse der Einzelheiten das Richtige und das Falsche zu unterscheiden und das wirklich Wichtige herauszufinden. Darauf reagieren die Initiativen für Slow Media. Damit immer Neues, aber Unerhebliches nicht das Bedeutsame vergessen lässt, bemühen sie sich um die fundierte, zusammenhängende, klare Information. Sie wollen das Verstehen fördern, Orientierung vermitteln, zur Bildung beitragen und zum verantwortlichen Handeln anregen.

Auch dieses Blog im schnellen Internet soll dementsprechend ein langsames Medium sein…

> Slow Food

> Cittaslow

> Slow Media Manifest

> Axel Hacke, “slow reading” (SZ-Magazin)

> Greenpeace-Magazin 1/2011

buch Sten Nadolny, “Die Entdeckung der Langsamkeit”, München 1983

maximil

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