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Echt jetzt!

31. Juli 2018

(Anton und Sarah, beide etwa Mitte dreissig, unterhalten sich im Zug:)

A: “Da ist doch nichts mehr echt.”

S: “Wie meinst du das?”

A: “Wo ich hinschaue, in der Firma, in der Politik, in der Nachbarschaft - wenn die Leute reden, hab ich so ziemlich alles schon mal gehört. Phrasen, Klischees, Vorurteile, irgendwelche Behauptungen aus den Medien, dem Internet, das wird einfach übernommen und weitergesagt.”

S: “Kann sein, Denken ist ja schwierig … Aber das muss doch deswegen nicht alles falsch sein. Gerade wenn etwas stimmt, muss es immer wieder gesagt werden, gegen die unüberlegten Argumente und auch gegen die absichtlichen, die nicht weiterhelfen. Und die kommen oft genug aus echter Überzeugung.”

A: “Die Leute sind, wie sie sind - das klingt so gelassen, als wäre nichts dran zu ändern. Ob sie überzeugt sind von ihren Meinungen oder nicht, ich will mich nicht damit abfinden, dass Unsinn verbreitet wird. Ich verstehe, dass Leute andere Interessen und Ziele haben als ich, aber das sollen sie dann auch ehrlich zugeben.”

S: “Sinn und Unsinn sind oft nicht leicht zu unterscheiden. Was ist die Wahrheit? Du erwartest viel …”

A: “Ja schon … Ich werde nie behaupten, die einzige, einfache Wahrheit zu wissen. Wenn mir jemand widerspricht und es begründet, dann prüfe ich das, so wie du. Auch diejenigen, die sich aufrichtig für etwas einsetzen, für humane Werte, für Vernunft, sollten kritisch und selbstkritisch bleiben.”

S: “Das wäre authentisch, wie es so heisst … Dabei sollten wir mit Widersprüchen leben können. Und Brücken bauen. Das Gewohnte wahrnehmen und dann Unbekanntes, Fremdes, noch nie Dagewesenes, das ist die Kunst. Ich versuche es …”

Sylvie Natalicia / maximil

[Dazu:
Worte und ihre Folgen]

→ KommentareThemen: Allgemein · Kultur · Politik

Worte und ihre Folgen

31. Mai 2018

Achte auf das, was du sagst - diesen Rat gebe ich mir. Ein Wort, das jemand hört oder liest, ist nicht mehr rückholbar. Zwar kann ich bei Bedarf erklären, dass ich falsch verstanden worden bin, oder dass ich meine Aussage zurücknehme, ich kann mich entschuldigen, aber das Gesagte ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Es hat bereits gewirkt und tut es noch, und ich habe keine Kontrolle über die Folgen. Das war schon vor dem Internet so.

Worte, die gesagt oder geschrieben werden, sind also schon Taten. Wenn Worte etwas versprechen, sollten allerdings handfestere Taten dazukommen. Immer, wenn Worte etwas behaupten - ob es stimmt oder nicht -, verändern sie etwas: die Vorstellungen derjenigen, die es glauben; die Beziehungen zwischen der sprechenden oder schreibenden Person und denjenigen, die zuhören oder lesen. Darin zeigt sich die Macht der Worte, genauer die Macht, die Menschen mit ihnen ausüben können, und zwar mit Informationen, mit Meinungen, mit Falschaussagen und mit Ablenkungen von Fakten. Gerade dann jedoch, wenn ein Mensch oder eine Gruppe Informationen über Tatsachen weitergibt, wird die Macht des Wissens geteilt, die manche gern für sich behalten. Frei aufklärende Medien sind deshalb demokratisch wirksam.

Oft machen wir mit der Sprache weniger eine Aussage über die Welt, berühren vielmehr die Mitmenschen direkt. Denn Worte können ermutigen und einschüchtern, provozieren und beruhigen, wohltun und wehtun, beleidigen und schmeicheln, verletzen und trösten, bitten und befehlen, fragen und antworten, deprimieren und motivieren, einlullen und aufrütteln, verführen und begeistern, ausschliessen und verbinden. Das verbindende Sprechen ist in besonderer Weise Ausdruck von Kommunikation, bei der es vom Sinn her um Gemeinsames geht.

Viele Aussagen sind nicht wörtlich zu nehmen, und Missverständnisse sind meistens möglich. Um nicht aneinander vorbeizureden, kommt es darauf an, einerseits optimal zu formulieren und andererseits in akuten Fällen das Gemeinte zu erschliessen. Für Gespräch, Austausch und Lösungen wäre hilfreich, dass die Beteiligten sich verantwortlich zeigen und die richtigen Worte wählen.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Wirksame Stimme
Die Meinung ist frei, die Wirkung nicht
Die eigene Sprache
Vernünftiges Sprechen
Alle gewinnen mit Empathie]

→ KommentareThemen: Allgemein · Kultur · Politik

Einsatz für demokratisches Zusammenleben

24. April 2018

Mitbestimmen, das ist ein natürliches Bedürfnis. Manche wollen allein den Ton angeben, manchen ist die Politik egal, solange sie Wohlstand und keine Probleme haben, aber die meisten sind nicht dafür, dass andere über ihren Kopf hinweg entscheiden. Sie wissen zu schätzen, dass die Demokratie erfunden und erkämpft worden ist. Dies sind die Menschen, die auch bereit sein sollten, bei Bedarf für das Recht auf demokratisches Mitbestimmen und Teilhaben einzustehen.

Mit kritischem Blick können sie sehen, wie an vielen Stellen mächtige Gruppen dieses Recht beschränken oder ausser Kraft setzen. Es ist zu erkennen: Die Demokratie, die für ein angenehmes Zusammenleben gebraucht wird, ist nicht fertig. Die Gemeinschaft muss ihre Demokratie immer wieder aktualisieren, sie unter veränderten Bedingungen weiterentwickeln, sie gemäss den Bedürfnissen erneuern.

Alle sind aufgerufen, sich an dieser Aufgabe zu beteiligen. Besonders muss möglich sein, was in der Schweiz schon lange gelingt, die direkte Demokratie mit verbindlichen Volksabstimmungen in den Gemeinden, in den Regionen, im Staat und darüber hinaus. So, in öffentlicher Diskussion und durch klare gemeinsame Entscheidungen, werden Probleme am besten gelöst. Wie wichtig das ist, macht das Buch “Demokratie - Die Unvollendete” von Ute Scheub deutlich.

Ute Scheub: Demokratie - Die Unvollendete, oekom Verlag München 2017 (als PDF-Dokument kostenlos erhältlich)

Über das Buch: oya

maximil

[Dazu:
Wirksame Stimme
Gemeinsamkeit nützt allen
Gespräch über Grenzen
Wir regieren uns selbst am besten!
Alle gestalten mit - so geht Demokratie]

→ KommentareThemen: Allgemein · Politik

Menschen schaffen sich ab

22. Februar 2018

Bereichert es das Leben oder behindert es mehr? Das ist die Frage bei vielen Geräten, die Menschen sich anschaffen, Fahrzeugen, Werkzeugen, Maschinen für den Haushalt, Elektronik zur Unterhaltung, Rechnern und Robotern für alles Mögliche. Teils sind solche technischen Dinge praktisch und nehmen lästige Arbeit ab. Oft sind sie einfach bequem. Oder sie sind etwas zum Spielen. Vermehrt ist aber Schlimmeres zu beobachten: Produkte ersetzen wichtige menschliche Tätigkeiten, machen Fähigkeiten überflüssig, schwächen die Eigenständigkeit - sie sind Prothesen.

Als Hilfsmittel zur Bewegung wurden lange Zeit Schiff, Pferd und Kutsche genutzt, aber nur ausnahmsweise. Zu Fuss gehen war auch über weite Strecken noch in den letzten Jahrhunderten üblich, und Handwerker, Pilger, Künstler, Kaufleute reisten so durch Europa. Mit dem Auto, besonders den billigen Modellen für viele, wurde das individuelle Fahren zur Gewohnheit. Inzwischen wird der Motor für kürzeste Wege angelassen, für jeden Einkauf ausser vielleicht beim Bäcker, und Eltern chauffieren ihre Kinder zur Schule, um sie vor den Risiken des Strassenverkehrs zu schützen. “Automobil” bedeutet “selbstbeweglich”, die Insassen sind dies immer weniger. Damit sind sie auch immer weniger frei. Wenn die selbstfahrenden Autos kommen, sodass auch niemand mehr steuern muss, wird es genügen, einen solchen komfortablen und schnellen Rollstuhl wörtlich zu “besitzen”.

Schon vorher übernehmen Navis auch beim Radfahren und Wandern die Führung. Sie sind ungefähr wie ein Blindenhund, der sprechen kann, für Menschen, die nicht sehen wollen. Dabei können diese aktiven Wegweiser je nach Eingabe und andersartiger Wirklichkeit bekanntlich auch in die Irre führen. Meistens verhindern sie, dass ihre Nutzer und Nutzerinnen die Umgebung wahrnehmen und die Fähigkeit üben, sich in der Welt zurechtzufinden. Ohne Hilfe geht es dann nicht mehr. Wer es nicht gelernt hat, kann eine Situation in der Stadt oder in der Natur nicht selbst beurteilen. Entsprechend lässt sich immer häufiger feststellen: Es fehlt die Orientierung im Leben - eigene Grundsätze, kritisches Denken und Einschätzungsvermögen sind nicht ausgebildet, und die Verunsicherten fühlen sich privat, beruflich oder politisch auf Meinungen und Vorgaben von aussen angewiesen.


Charlie Chaplin in seinem Film “Modern Times”, 1936

Werkzeuge erleichtern die Arbeit, Maschinen leisten mehr, als Menschen können, und die freuen sich, die Technik gewinnbringend im Griff zu haben. Die Technik wird aber oft zum Sachzwang. Eine Klimaanlage ist vielleicht angenehm, dafür lassen sich die Fenster nicht mehr öffnen, und dies ist besonders unangenehm, wenn die Lüftung ausfällt und es drin stickig wird. Für die globale Aufheizung des Klimas genügt der reguläre massenhafte Betrieb von fossilen Kraftwerken und Motoren. Technik gerät überdies immer mal wieder katastrophal ausser Kontrolle, wie bei Verkehrsunfällen und im Fall der Atomkraft.

Als um das Jahr 1800 erstmals reihenweise Maschinen installiert wurden, vor allem in der Textilfabrikation, in der sie die Handwebstühle mitsamt den Arbeitern und Arbeiterinnen ersetzten, da rebellierten viele der Betroffenen gegen die Technik: Ihnen raubte diese die Beschäftigung, von der sie und ihre Familien lebten. Seither hat die industrielle Produktion fast überall das Handwerk zurückgedrängt und praktische gestalterische Kenntnisse, die über Jahrhunderte gesammelt worden waren, mit ebenso lang weitervermittelten Fähigkeiten zum Verschwinden gebracht. Manche der neuen technischen Geräte sind absurd und lächerlich, wie die Laubbläser, die schwerer zu handhaben sind als ein Rechen oder Besen und dazu einen Ohrenschutz wegen ihres Krachs, wenn nicht noch wegen der Abgase einen Atemschutz erfordern …


Weberhaus in Augsburg, Fassadenmalerei von Otto Michael Schmitt, 1961 -
Foto: Anja Mößbauer

Fernsehen, Kino und Internet als Unterhaltungsmedien sind für einen großen Teil der Menschheit nicht nur Sehhilfen, sondern Ersatz für eigenes Erleben. Geschützt, aber ohne die Vielfalt persönlicher Begegnung, bewegungslos und sprachlos lässt sich so die Welt nach Wunsch anschauen. Die Mutigen wagen sich hinaus und setzen eine Brille auf, mit der sie angeblich mehr sehen als die anderen (”erweiterte Realität”), die allerdings auch den Horizont verengt und an die Redensart vom Brett vor dem Kopf erinnert. Diverses technisches Spielzeug für Kinder und Erwachsene schränkt Handlungsmöglichkeiten, Fantasie und Kreativität ein, statt sie zu fördern.


Datenbrille - Foto: Avery Miller, Ausschnitt, Lizenz CC BY-SA 4.0

Kommunikationsprothesen werden günstigerweise schon in jungem Alter dauernd getragen, damit sie ein selbstverständliches Organ des Körpers werden. Mit den kleinen Wunderwerken am Arm, die sehen, hören, reden, funken und jede Menge bunte Bilder zeigen können, bieten sich auch unter Leuten im nächsten Umkreis witzige Gespräche mit vielen Emoticons und Piktogrammen an. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle hat sich hier weit in den menschlichen Bereich hinein verlagert.

Die Rechner mit ihren Programmen und Vernetzungen verarbeiten Informationen, haben ein Gedächtnis, schlussfolgern, sie denken, organisieren, bewerten und wissen von den Menschen, die mit ihnen zu tun haben, oft mehr als diese selbst. Individuell eignen sie sich daher als Hirnprothesen. Insgesamt sind sie eine Macht, die das menschliche Leben beeinflusst, auch auf dem Bauernhof, im Krankenhaus und übermässig an der Börse. Die Menschen vor den grossen und kleinen Bildschirmen lassen sich immer mehr von den künstlichen Gehirnen leiten, arbeiten ihnen zu, reagieren, statt selbst zu handeln, tun, was von ihnen erwartet wird, werden auf einfache und immer gleiche Funktionen reduziert. Damit übernehmen Menschen wieder die Aufgaben, die einmal den Maschinen zugedacht waren. Sie werden von ihnen abhängig. Die Entfremdung von sich selbst zeigt sich in besonderer Weise in den physiologischen Uhren: Sie messen Körperwerte und leiten aus der Analyse Ratschläge für die Lebensweise ab, simulieren damit ein Bewusstsein des Organismus, das ihr Träger oder ihre Trägerin verloren hat.

Wie die digitalen Maschinen imstande sind zu lernen, treten sie immer häufiger als intelligente menschenähnliche Wesen auf. Roboter sollen bald alte Menschen pflegen, weil billige menschliche Pflegekräfte fehlen. Hilfsbedürftige sagen, dass sie nichts dagegen hätten. Aber das würde für die Menschen bedeuten, Zuwendung mit allem, was ihnen darin möglich ist, aufzugeben. Noch mehr ist machbar und auch schon entwickelt. Für Lebenspartnerschaften stellen wissende Algorithmen die passenden Paare zusammen. Zu einer bestimmten Person, die für die Liebe oder das Geschäft infrage kommt, errechnet die Maschine aus dem Aussehen, Mimik, Gestik, Kleidung, sonstigem Verhalten und weiteren verfügbaren Daten etwa von Internetplattformen ein Persönlichkeitsprofil und sämtliche Optionen. Menschen können dann auf Menschenkenntnis, Empathie, Intuition und ihre fehlbaren Gefühle verzichten. Wird es so weit gehen wie in dem prophetischen Film “Blade Runner”, in dem Androiden menschlicher sind als Menschen …?

Es bleibt möglich, dass Menschen andere achten, das volle Leben schätzen und selbst etwas schaffen.

Matthias Kunstmann / maximil

“Blade Runner”, Regie Ridley Scott, USA 1982
(der Film spielt Ende 2019)

[Dazu:
Vor dem Bildschirm
Alle gewinnen mit Empathie]

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Unser reiches Land

21. Dezember 2017

Nie war Deutschland so reich wie jetzt. Schauen wir uns an, was frühere Generationen sich nicht vorstellen konnten, auch wenn sie sich in ihren Träumen viel Geld, eine Villa, ein Auto und Reisen in die Ferne wünschten. In anderen Weltgegenden erscheint es Menschen wie ein Paradies.

Schon die Lebensmittelmärkte voller Spezialitäten, Delikatessen von weit her, Appetit anregend verpackten Fertiggerichten … Der erste europäische Supermarkt eröffnete 1957 in Köln. Inwischen werden rund ein Drittel der erzeugten Lebensmittel früher oder später zum Abfall geworfen.

Die glitzernden Einkaufsgalerien, in denen sich Gastronomiebetriebe und Modegeschäfte auf mehreren Etagen aneinanderreihen, und das Geld dafür kommt von einem Kärtchen oder aus der Wand (dem Automaten) … Von Parkhäusern aus sind sie wettergeschützt erreichbar. Damit zum Konsum motiviert wird, begegnet Werbung, mit Hochglanz gedruckt oder audiovisuell inszeniert, an vielen Stellen, draussen, zu Haus, in den Medien.

Die grosszügigen Wohnungen sind warm, hell, haben komfortable Bäder und sind mit Arbeit sparenden Geräten ausgestattet, Geschirrspül- und Waschmaschinen sowie Trocknern und auch schon Robotern, bieten leichten Zugriff auf Vorräte in Tiefkühlschränken und unterhalten mit breiten Bildschirmen und aufwendigen Musikanlagen. Mobiliar und Accessoires werden öfter gemäss dem veränderten Zeitgeschmack ersetzt. Für mehr und grössere Haustiere ist auch Platz.

Mit Spielzeug sind die Kinder eingedeckt. Die bunten Dinge, die batteriebetrieben einiges von selbst können, lassen nicht mehr viel Raum für Fantasie.

Die grossen Autos mit elektronischen Fahr- und Navigationshilfen verkehren auf Strassen, deren Netz weiter verdichtet wird. Wer ein kleineres Fahrzeug nutzt, sieht einkommensschwach aus.

Die schnellen und bequemen Bahnen und Busse erleichtern es, mobil zu sein, auch spontan. Entfernte Orte sind nahe Ziele.

Reisen auf die andere Seite der Erde sind nichts Ungewöhnliches, wie auch nicht der Kurzurlaub an einem Palmenstrand oder eine Kreuzfahrt.

Verschiedenste Sportarten werden mit jeweils spezieller Ausrüstung praktiziert. Die meisten Aktiven schwitzen freiwillig, unbezahlt, zum Vergnügen.

Für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Schönheit wird viel getan. Ob sinnvoll oder nicht, zahllose Drogerien stellen eine Fülle von Pflege-, Reinigungs- und Kosmetikprodukten bereit, die sich oft weniger in der Substanz und mehr in der Verpackung, Anmutung und Verheissung unterscheiden.

Die Unterhaltung ist eine der bedeutendsten Industrien. Spektakuläre Veranstaltungen werden geboten, Sportereignisse oder Konzerte beeindrucken besonders in riesigen Arenen das Publikum, Kinos, Theater, unzählige Radio- und Fernsehsender sowie Internetplattformen machen Freizeitprogramme.

Informationen über die Welt sind mit Internet und mobiler Kommunikation überall in einer Menge zu bekommen, die eher verwirrt, als dass sie zu bewältigen ist: Was ist wichtig? Was fangen wir damit an?

Die Kunst - auch sie floriert, stellt sich in Galerien aus, wo einmal kleine Läden waren, und in neuen Museen, sie steht auf vielen öffentlichen Plätzen, und Kunstwerke sind Geldanlagen mit steigenden Renditen geworden. Häufig ist das Gestalten ein kulturelles Gewerbe, das zur humanen Bildung kaum etwas beiträgt.

Geht es uns gut? In diesem allgemeinen Wohlstand sollten wir wenig zu klagen haben. Dennoch sind die unerfreulichen Wirkungen zu sehen.

Der Reichtum verschwendet Rohstoffe und Energie und macht teils Schadstoffe daraus, er verbraucht Naturschätze und beeinträchtigt die Umweltqualität.

Die Gerechtigkeit fehlt. Zwar lässt unser Staat auch die Ärmsten nicht hungern, garantiert eine Wohnung und sorgt für Medizin. Aber keineswegs sind die Unterschiede im Einkommen einfach durch mehr oder weniger Leistungswillen bedingt. Eine Gesellschaft, die ungleiche Chancen nicht ausgleicht, die nicht eine gerechte Teilhabe ermöglicht, beachtet ein entscheidendes Gut nicht ausreichend und verletzt die Menschenwürde.

Unser Luxus ist auch ungerecht gegenüber armen Ländern. Ungünstige Voraussetzungen, besonders historische Abhängigkeiten benachteiligen Regionen. Deutsche Unternehmen profitieren nach wie vor und teilweise mehr denn je von Arbeitskräften und Ressourcen solcher Länder. Wenn Menschen von dort Anteil an unserem Reichtum wollen, dann ist das Anlass, die Strukturen der Weltwirtschaft zu ändern. Und wir können von unserem Überfluss noch weit mehr abgeben, ohne selbst Mangel zu leiden.

Mangel im Überfluss gibt es allerdings. Denn unbeherrschter Konsum verhindert, dass Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln. Sie finden das nicht, wofür viele materielle Dinge nur ein unzureichender Ersatz sind, nämlich eigene und soziale Werte.

Der materielle Fortschritt fordert zugleich Verzicht auf einiges, was individuell und gesellschaftlich wertvoll ist. So gibt es kaum noch erholsame Ruhe, weil Arbeitsverhältnisse unsicher sind und der berufliche Druck zunimmt. Wenn Geschäfte nur noch über Rechner oder Automaten abgewickelt werden können, ist das vielleicht einfacher, aber es kommt kein menschliches Gespräch mehr zustande.

Folglich wirkt sich Reichtum zerstörend auf Menschen, ihre Gesellschaft und ihre Umwelt aus. Am krassesten ist dies im Militär, für das gerade Deutschland Unsummen zum Zweck der Vernichtung ausgibt, begründet auch damit, dass der nationale Wohlstand geschützt werden soll. Das Geld wäre stattdessen in Friedensdiensten gut angelegt.

Wir können für vieles dankbar sein. Wir sollten kritisch bewerten. Womit habe ich genug? Wenn ich immer mehr will, bin ich nie zufrieden.

Darauf kommt es an: vorhandene Güter achten, menschliche Werte schätzen, Gemeinschaft mitgestalten. Die Möglichkeiten des Geniessens sind da.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Geld fehlt Wert
Wirtschaft ist nicht alles
Fortschritt?
Schneller - wohin und warum?
Fällige Kritik des Wachstumsdenkens]

→ KommentareThemen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik

Bauen mit gutem Grund

21. September 2017

Wo gebaut wird, wiederholen sich die Rechtecke. Sie sind die Form, die fast überall im neueren menschlichen Siedlungsbereich ins Auge fällt, als könnte es nicht anders sein. Gebäude zum Wohnen oder Arbeiten oder auch nur zum Lagern von Waren sind quaderförmig und die Fenster in entsprechendem Raster. Von solchem Gleichen wird weltweit immer mehr in die Landschaft gestellt, und innen ist ebenso der rechte Winkel das dominierende Prinzip der Gestaltung, auch beim Mobiliar. Das wirkt eintönig, langweilig, deprimierend. Wie kommt es dazu?


Moderne Architektur spiegelt alte in Hamburg - Foto: Sami99tr,
Lizenz CC BY-SA 3.0

Ein Grund ist, dass sich mit rechten Winkeln einfach planen und billig produzieren lässt. Das Gestalten, soweit davon die Rede sein kann, darf einfallslos vor sich gehen, das Ausführen erfordert gleichfalls keine besonderen Kompetenzen. Behauptet wird, die Rechtwinklichkeit sei modern. Eine andere Formgebung wird vor allem in der Architektur von den Modernen als rückwärtsgewandt oder irrational abgewertet. Es ist festzustellen, dass der rechte Winkel ein Ergebnis der Abstraktion, des vereinfachenden Denkens ist. Sobald er ein Prinzip des Lebens werden soll und in einer Vielzahl von Gegenständen materialisiert wird, ist er ideologisch und im Zwang zur Ausrichtung der Welt sogar faschistisch. Er ist ein Zeichen für die Entfremdung des Menschen von der Natur - und damit auch von dessen natürlichen Bedürfnissen.

In der Natur sind gerade Linien und rechte Winkel äusserst seltene Formen unter einer Vielfalt anderer, erscheinen etwa an Kristallen von Salz und sonst wenigen Mineralien. Aber die Natur ist nicht starr wie manche Denkprinzipien, Normen und Verhaltensmuster. Wasser löst die Salzkristalle auf. Eine Tatsache ist, dass die Schwerkraft rechtwinklig zur Erdoberfläche wirkt; Bäume wachsen entgegen dieser Kraft und der Mensch hat mit ihr den aufrechten Gang gelernt. Sichtbar und zu erfahren ist aber meistens ganz anderes: Der Erdboden ist uneben, theoretisch waagrechte Wasserflächen haben Wellen und sind wie der Globus gekrümmt. Bäume wachsen zur Sonne und mit dem Wind, Blätter und Samen fallen nicht senkrecht, sondern können weit schweben. Menschen gehen gebeugt oder sitzen … Und Vögel fliegen die verschiedensten geschwungenen Linien.

Architektur, Handwerk und Kunst haben in ihrer Geschichte den rechten Winkel nur an bestimmten Stellen gebraucht. Für Häuser ist es sinnvoll, dass die Böden eben liegen und die Wände senkrecht stehen, im Übrigen geht beinahe alles. Bei Textilien verlaufen die Fäden von Kette und Schuss regelmässig quer zueinander, doch dann wird diese zweidimensionale Struktur in räumlichen Bögen und Verknüpfungen zu Kleidung geformt. Buchseiten sind meistens rechteckig, kaum dagegen ist es die Schrift.


Neue Staatsgalerie Stuttgart - Foto: Jaimrsilva, Lizenz CC BY-SA 4.0

Für das menschliche Leben sind die Ecken oft unbequem und innen schlecht zu nutzen, aussen kann sich jemand daran stossen, an Gegenständen werden sie abgewetzt und an Wegkreuzungen im Grünen abgekürzt, durch Flachdächer von Quaderbauten tropft der Regen. Praktisch und sinnlich wahrgenommen, ist die Rechtwinkligkeit so wenig funktional wie elegant. Sie wird deshalb auch nicht auf Fahrzeuge aller Art angewendet, denn da muss der Widerstand von Luft oder Wasser berücksichtigt werden und zudem sollen sie dynamisch aussehen. Und auch Kulturbauten wie Theater, Konzerthallen, Museen zeigen architektonische Freiheit.

Es gibt Gründe für das Übliche - und es gibt fast immer mindestens einen guten Grund, etwas anders zu machen.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Leben mit der Natur]

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Tropenwald im Grill verbrennen?

31. Juli 2017

Viele wissen es nicht - Holzkohle für Grills kommt oft aus tropischen Wäldern. Zum Beispiel im südamerikanischen Paraguay fällen Unternehmen dafür alte Bäume, um anschliessend riesige Viehweiden oder Sojafelder für die industrielle Landwirtschaft anzulegen. Lebensräume für Tiere und Pflanzen gehen verloren, und auch für die Menschen, die dort seit langer Zeit mit der Natur wirtschaften. Der Fall zeigt, dass verantwortliches Handeln Interesse und Informationen braucht.


Wald im Gran Chaco in Paraguay - dort wird grossflächig für die industrielle Landwirtschaft gerodet und das Holz zu Kohle gemacht. Foto: Ilosuna, Lizenz CC-BY-1.0

Geselligkeit um die Grillglut ist wertvoller, wenn sie auf ökologische Zusammenhänge achtet. Holz ist zwar immerhin ein erneuerbarer Brennstoff. Ein Gasgrill müsste entsprechend von Bioenergie gespeist sein, ein Elektrogrill von Ökostrom. Kohle ist geeignet, wenn sie aus Holz hergestellt ist, das in Mitteleuropa wächst. Hier ist am besten nachweisbar, dass der Wald gepflegt wird und die Produktion kaum Schadstoffe hinterlässt. Es gibt mindestens einen deutschen Anbieter von Kohle aus heimischen Buchen.

Einen längeren Transportweg hat Brennstoff aus schnell nachwachsendem Bambus. Besonders nachhaltig ist es, pflanzliche Reste aus der Lebensmittelproduktion zu nutzen. Dies können Olivenkerne aus Ölpressen sein. Damit haben sich Betriebe in Griechenland einen Verdienst geschaffen, sodass angesichts der Wirtschaftslage dort der Kauf solcher Grillkohle auch einen sozialen Vorteil bedeutet. Ähnlich es mit Kohle aus Kokosnussschalen, die in fairem Handel hergestellt und geliefert wird.

Brennmaterialien dieser Art können mehr kosten. Zum Teil geben sie dafür länger und intensiver Energie ab. Im Übrigen sollte eine Gesellschaft, die genug Leckeres auf den Grill zu legen hat, nicht an den sozialen und ökologischen Werten sparen.

maximil

> Rettet den Regenwald

> Faire Kohle

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Gemeinsamkeit nützt allen

31. Mai 2017

Ein Fest allein feiern? Das geht auch. Manche müssen es, weil sie einsam sind. Manche mögen es, weil sie dann mal zu sich kommen. Die meisten feiern aber lieber mit anderen. Sie können sich dabei mit ihrer Sonnenseite zeigen, entspannt miteinander sprechen, besonders witzig sein und geniessen.

Zwischen den Festen ist das nicht so leicht möglich. In der täglichen Arbeit kämpfen alle oft allein, in Konkurrenz zueinander, müssen Höchstleistungen liefern, wenn sie dazugehören möchten und ein ausreichendes Einkommen beziehen wollen. So verlangt es das Wirtschaftssystem: gegeneinander statt miteinander. Die Folge ist, dass die einen ihre teils zufälligen Vorteile bedenkenlos ausnützen und auch mit wenig Arbeit in unsäglichem Luxus leben, während die anderen hart arbeiten und doch durch ungünstigere Voraussetzungen in bescheidenen Verhältnissen bleiben. Da stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit.

Die herrschende Denkweise setzt auf den menschlichen Egoismus und verspricht, dass damit schon für alle gesorgt ist. Das stimmt nicht. Dabei leiden viele bis in die höheren Gehaltsstufen unter dem Druck, und auch Reiche fühlen sich nicht vor Armut sicher. Schlimm ist überdies, wie sich das System im grösseren Ganzen auswirkt: Der Staat, die Länder und Gemeinden leisten nicht genug für die Allgemeinheit, und ihre Aufgaben werden noch eingeschränkt. Staatliche Einrichtungen werden privatisiert, wo sich Geschäfte machen lassen, und sind damit schnell überteuert sowie unzuverlässig. Die staatliche Verwaltung wird abgebaut. Die Justiz ist unterbesetzt. Der öffentliche Dienst mit seinen Fachkräften für Soziales, Infrastruktur, Bildung wird zu wenig unterstützt und unter Wert bezahlt. Dies bedeutet, dass drängende Probleme der Gesellschaft nicht gelöst werden. Es gibt viele Anlässe, von Politikversagen zu reden.


Plakat der Gewerkschaft ver.di

Damit sich dies ändert, braucht es mehr Sinn für die gemeinsamen Interessen. Zunächst ist das Gespräch wichtig: Was wollen wir? Warum? Wie erreichen wir unsere Ziele am besten? Wir machen die Politik! Was Einzelne nicht zustande bringen können, ist in Zusammenarbeit zu schaffen. Einsatz lohnt sich in der Nachbarschaft, an den Arbeitsplätzen, in den Kitas und Schulen, in Vereinen, im Staat und darüber hinaus. Gemeinsamkeit nützt allen.

Vernunft muss dabei sein. Zu ihr gehören Information, Wissen, auch politische Bildung. Die staatlichen Institutionen müssen bei ihren Aktivitäten gewährleisten, dass sie immer transparent sind. Wie sich oft zeigt, könnten sie ihre Aufgaben für das Gemeinwohl besser erfüllen. Den Bürgern und Bürgerinnen muss es möglich sein, über Lösungen mitzubestimmen, durch erweiterte demokratische Entscheidungsverfahren.

Alle sollten auf die “Gemeingüter” achten, das gemeinsame Eigentum: Luft, Wasser - jeweils sauber -, die öffentlichen Plätze und Einrichtungen, die Verkehrswege, die Natur und die Kultur. Die Wirtschaft liesse sich auf den allgemeinen Nutzen ausrichten, sogar auf das gemeinsame Glück. Beispiele für Gemeinsamkeit, die den gleichberechtigten Beteiligten optimal zugute kommt, sind Genossenschaften, von denen sich viele längst bewährt haben, und manche Gemeinschaften, die neue Formen des Zusammenlebens erproben. Miteinander gibt es nicht nur bei Festen gute Gründe für Freude.

> Bundeszentrale für politische Bildung

> Gemeinwohl-Ökonomie (Förderverein)

> Gemeingut in BürgerInnenhand

> Forum Gemeinschaftliches Wohnen

> Ökodorfgemeinschaften

> Gemeinschaft Tempelhof

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Neue Nachbarschaft
Wasser ist ein Menschenrecht]

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Beim Erinnern wird es klar

29. März 2017

Leben im Augenblick, ohne Gedanken an das Vergangene oder das, was kommt - das ist intensiv, faszinierend, berauschend. Diese Augenblicke sind allerdings in unserer Zeit sehr kurz geworden, einer löst rasant den anderen ab, entscheidend ist mehr das Tempo als das Ereignis. Was vorbei ist, interessiert nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn … Alles vergessen und nichts verstanden?

So geht es auch mit Nachrichten, die ankommen, persönlichen oder politischen: Sie treffen schneller ein als zuvor, in steigender Zahl, und sind so kurz wie möglich, damit die empfangende Person schnell genug auf die nächste Kurznachricht aufmerksam wird. Führend ist dabei der Kommunikationsdienst Twitter, der inzwischen auch vom vermutlich mächtigsten Mann der Erde genutzt wird, und ein grosser Teil der Medien macht es nach. Wie bei Produkten und Unterhaltungsangeboten zählt das Neue, nicht der Wert.

Die Folgen sind zunehmend unbedachte emotionale Reaktionen. Als Reflex auf einen Reiz äußert sich zuerst ein Gefühl, vielleicht verbunden mit einer instinktiven Aktion. Dabei bleibt es, wenn die Zeit oder der Wille zum Nachdenken nicht reicht. Der Mensch lernt nichts. Bewusste Diskussionen, um mit anderen Lösungen zu finden, fallen aus. Die Politik als Angelegenheit der Gemeinschaft versagt.

Verstehen, erfassen, was ein Ereignis bedeutet, womit es zusammenhängt und was daraus werden soll, denken - das braucht Zeit. Und einiges mehr: etwas Ruhe; dann Konzentration; und es braucht die Erinnerung an das, was vorher war. Der Aufwand bringt Wissen, befähigt dazu, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden und Probleme zu lösen. Vieles wird klar, und Erlebnisse, die sonst flüchtig wären, können dauerhaft und wertvoll werden.

Tanz um einen Freiheitsbaum in Deutschland nach der Französischen Revolution, um 1792/95 (unbekannter Maler)

Aus der persönlichen Vergangenheit entsteht die Identität. Sie ermöglicht ein souveränes Selbstbewusstsein. Wenn in der Gegenwart etwas nicht stimmt, kann die Ursache in der Lebensgeschichte liegen und vergessen sein. Dann empfiehlt es sich, nachzuforschen: Gab es eine verletzende Erfahrung? Wer oder was hat Einstellungen, den Charakter und Verhaltensweisen beeinflusst? Wie kam es zu Mängeln oder Irrtümern? Je besser wir unsere Geschichte kennen, umso freier können wir jetzt entscheiden.

Entsprechendes gilt für die weitere Geschichte einer Gemeinschaft, einer Region, eines Landes, einer Kultur, der Welt. Was wir miterlebt haben, sollten wir bei Bedarf vergegenwärtigen. Das Gedächtnis sagt uns etwas, aber diesmal wollen wir es genauer wissen und erkundigen uns nach Einzelheiten, Gründen, besonders seither gefundenen Erkenntnissen. Was scheinbar ausserhalb der eigenen Erfahrung geschehen ist, hat oft doch mit uns zu tun - umso wichtiger ist, sich fallweise damit zu beschäftigen. So können wir uns in der Welt orientieren. Zudem ist geschichtliches Wissen wie das Foto eines Platzes, das sich in die dritte Dimension öffnet, sodass ich hineingehen kann.

Wer die Enge seiner Heimat ermessen will, reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, studiere Geschichte.
Kurt Tucholsky

Bevor die Medien etwas angeblich Neues verbreiten, sollten sie recherchieren, wie es sich aus Altem ableitet, was dahintersteckt und wie es mit anderem zusammenhängt. In den Archiven ist viel zu finden, und zum Nachfragen müsste auch Zeit sein. Zum Beispiel stärken Meldungen in Deutschland zu oft die Polemik gegen die Politik Russlands, und dabei wird unterschlagen, dass Deutsche im Zweiten Weltkrieg unzählige russische Menschen getötet und das Land verwüstet haben - die Opfer und ihre Nachkommen erinnern sich noch.

Wer eine Ahnung von den historischen Wurzeln der Zivilisation hat, kann sich besonders darüber wundern, dass die USA als eine der jüngsten Nationen den Irak bombardiert und in anhaltendes Chaos gestürzt haben, das Land der ältesten Kulturen, die für Europa und Amerika bedeutend waren. Ähnliches lässt sich im Umgang Europas mit Griechenland feststellen, dem wir einen grossen Teil unserer Kultur zu verdanken haben.

Das ist nicht mehr vielen bekannt. Dieses Wissen gehört zur humanistischen Schulbildung, die aufgrund der Herrschaft der Ökonomie von den Naturwissenschaften, der Informatik und Wirtschaftsausbildungen verdrängt wird. Mit ihr ist das Fach Geschichte auf dem Rückzug. Allerdings haben die Schulen Geschichte zu oft als langweiligen Stoff dargeboten. Auf den Bezug zum Leben kommt es an. Viele Museen lassen Geschichte erleben und sind mit bunten Inszenierungen oft das andere Extrem gegenüber dem dozierenden Unterricht. Die Schulen sollten die Museen mit ihren Mitmachwerkstätten mehr nutzen und das Erlebte erklären.

Geschichtliche Erkenntnisse werden ausserdem auf verschiedene Weise anschaulich vermittelt. Gebäude und Geräte sind Dokumente, private Erbstücke zeigen die Herkunft der Familie, alte Menschen erzählen als Zeitzeugen, Gemälde, Romane und Filme berichten von anderen Zeiten und Gegenden. Überall lassen sich Spuren, Zeichen, Geschichten entdecken, wahrnehmen und auch geniessen.

Daraus wird die eigene Geschichte, die weitergeht, und ein reicheres Leben im Hier und Jetzt.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Schneller - wohin und warum?
Fortschritt?
Stehen lernen]

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Achtsam, richtig, gesund

20. Dezember 2016

Gesund sein, vor Leben sprühen, aus dem Vollen schöpfen, sich wohl befinden, in sich ruhen, zufrieden sein … Ich wünsche, es wäre immer so. Für mich und meine Mitmenschen. Aber so rundum gesund sein können wir nur mehr oder weniger. Immer wieder stört etwas. Ich erreiche nicht, was ich will. Es gibt Ärger mit anderen. Die Arbeit stresst. Ich bin vor dem Abend müde. Etwas schmerzt mich körperlich oder seelisch. Oder jemand ist krank, verletzt, behindert.

Das ist das Gegebene. Wir versuchen, damit möglichst angenehm zu leben. Um mich gesund zu fühlen, achte ich auf das Folgende.

ATMEN: Luft brauchen wir immer. Doch öfters gelingt es nicht, ausreichend zu atmen. Es ist mehr als Luftholen: Tiefes Durchatmen belebt, entspannt und beruhigt zugleich. Natürlich ist es am besten in frischer Luft. Wenigstens einmal am Tag sich anstrengen bis zum kräftigen Atmen, das weitet die Lunge, sodass sie auch sonst mehr Luft aufnehmen kann. Beim Durchatmen können wir ausserdem die Haltung wiedergewinnen, die zum richtigen Handeln befähigt. Sogar die Inspiration kommt nach ursprünglichem Verständnis im Atem.

Solange ich atme, hoffe ich.
(Marcus Tullius Cicero)

WASSER: Das Leben kommt aus dem Wasser. Die Körperfunktionen vom Verdauen bis zum Denken sind auf genügend Flüssigkeit angewiesen. Trinken hilft gegen viele Beschwerden. Leitungswasser ist meistens das frischeste Getränk. Äusserlich fördert Wasser in warmen und kalten Duschen oder Bädern die Durchblutung und das Wohlbefinden.

Alles fliesst.
(Heraklit zugeschrieben)

ESSEN: Sich nach Gefühl ernähren wäre schon recht, doch einige Gedanken sorgen für eine gesündere Auswahl der Lebensmittel. Denn was üblich, verlockend oder bequem ist, kann sich ungünstig auswirken. Qualität ist wichtig, und sie sollte kritisch beurteilt sein. Den Vorzug verdienen ökologische, regionale und fair gehandelte Erzeugnisse, sie sind gleichzeitig für die menschliche Umwelt und Kultur gesund. Die Menge der Nährstoffe sollte ebenfalls stimmen: An Salat und Obst hat der Organismus täglich Bedarf, Proteine wie in Fleisch, Eiern und Milchprodukten werden hierzuland zu viel verzehrt, und oft verführt der Wohlstand dazu, mehr zu essen, als bekömmlich ist. Vielfalt ist zu empfehlen, und besonders Esskultur: Schön zubereitete Speisen, die wir an einem Platz mit erfreulicher Atmosphäre, ruhig und locker geniessen, achtsam - das tut auch der Seele gut.

BEWEGEN: In der mobilen Gesellschaft bewegen sich die Menschen meist zu wenig selbst. Die gewohnte Arbeit im Sitzen vor dem Bildschirm verschärft die Situation. Öfter aufstehen und ein Stück gehen, noch öfter den Kopf wenden und den Blick woandershin richten, sich strecken … Allgemein sind körperliche Übungen morgens und abends hilfreich. Wohltuend ist es zwischendurch schon, die Glieder zu schütteln und das Rückgrat aus Beugung und Anspannung zu lösen. Gehen kann übrigens zugleich das Denken in Bewegung bringen.

WAHRNEHMEN: Über sich selbst mehr wissen und erfahren, über den Organismus, biologisch, medizinisch, psychologisch - das erleichtert es, sich bewusst so zu verhalten, dass es guttut. Und weil Lebewesen sich entwickeln wollen, sollten sie mit allen Sinnen aufnahmebereit sein für das Vorhandene und darüber hinaus für das, was möglich ist. Sie können im Inneren ihre Bedürfnisse, Kräfte und Fähigkeiten wahrnehmen. Und die äussere Welt bietet ihnen eine Fülle von Geschenken und Möglichkeiten, die sich aufmerksam sehen, hören, riechen, schmecken, ertasten, empfinden, erkennen lassen.

BESINNEN: Die Zeit und die Umstände drängen oft und machen besinnungslos. Wir sollten so souverän sein, dass wir uns angemessene Pausen gönnen, um uns zu besinnen. Denn es geht immer wieder darum, sich zu orientieren und herauszufinden, was richtig und gut ist.

KOMMUNIZIEREN: Durch Beziehungen wird das Leben reich. Sie können aber auch belastend sein, in Krisen, Konflikte, Konfrontation geraten und schaden. Es kommt darauf an, sich gegenseitig zu verstehen und zu verständigen, sich empathisch in die andere oder den anderen einzufühlen, um das Gemeinsame zu ermitteln und zu Konsens und Kooperation zu gelangen. Kommunizieren kann heilen, über die Beteiligten einer Beziehung hinaus. Gemeinsam kann Besseres entstehen als allein.

Gemeinnutz geht vor Eigennutz.
(Montesquieu)

AUFGABEN: Das Beste geben - das ist mein Vorsatz für alles, was ich tue; zuerst gegenüber den Mitmenschen, ebenso im Beruf, in freiwilliger Arbeit, in der persönlichen Bildung. In den gewählten Aufgaben soll Sinn sein, dann können sie glücklich machen. Überfordern soll sich niemand, das brächte nicht die gewünschten Ergebnisse.

Jeder ist berufen, etwas in der Welt zur Vollendung zu bringen.
(Martin Buber)

RHYTHMUS: Alles hat seine Zeit. Für Vorhaben gibt es den passenden Moment und die geeignete Dauer. Dann ist wieder Abwechslung dran, damit das Gleichgewicht erhalten bleibt und das Leben tänzerisch, beschwingt und vielseitig weitergehen kann. Das Herz gibt seinen Rhythmus. Gewohnheiten und Rituale bieten Halt; wenn sie zu starr werden, sollte sich etwas ändern. Was, das lässt sich spüren - und dann erneuern.

LICHT: Physisch stärkt das Licht der Sonne im Freien, psychisch hebt es die Stimmung auch in hellen Innenräumen. Da kann eine Lichtregie ebenso mit künstlichen Quellen das Wohlbefinden und die Schaffensfreude deutlich beeinflussen. Manche mögen Glanz, andere eher Gemütlichkeit. Auch die Lichtfarbe wirkt unterschiedlich. Punktlicht steigert bei vielen Tätigkeiten die Konzentration. Aber gleichfalls kann in der Dunkelheit Erleuchtung kommen …

SCHLAFEN: Nach den Leistungen des Tages müssen wir im Schlaf gar nichts tun. Wer dies nicht von selbst geniesst, schläft vielleicht erholsamer und erquickender, wenn klar wird: Im Bett nach dem Erlöschen des Lichts können wir loslassen, müssen nichts mehr denken, brauchen nichts mehr zu sorgen - Schlaf, Zeit und Traum erledigen Staunenswertes für uns. Wärme trägt dazu bei, und es ist ratsam, Schlafenszeiten gemäss dem persönlichen Biorhythmus zu beachten. So ist wahrscheinlich, dass wir über Nacht Frische, Wachheit, Kräfte und Lebenslust gewinnen.

GELASSEN SEIN: Gerade wenn es nicht so ist wie gewünscht - durchatmen, lächeln, gelassen einfach sein … Das ist nicht einfach, doch immer wieder einen spielerischen Versuch wert. Keinesfalls ist es nötig, auf alles sofort zu reagieren. Erst einmal schauen, sich besinnen, und alles Weitere ergibt sich am besten wie im Gebet eines Einsichtigen (*) um Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die nicht zu ändern sind, um Mut, Dinge zu ändern, die geändert werden sollten, und um die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Aufrichtiges Lächeln erzeugt übrigens tatsächlich entsprechende Gefühle. Und Humor lässt vieles leichter werden. Also: Ich kann das Leben gut sein lassen.

Die Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Jetzt wünsche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen, dass Sie möglichst gesund sind oder es werden, in diesem Jahr und im nächsten!

Claire Destinée / maximil

(* Reinhold Niebuhr, um 1942)

[Dazu:
Vor dem Bildschirm
Alle gewinnen mit Empathie
Lichtempfinden]

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