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1. Januar 2019

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Das Recht geht alle an

8. November 2018

Die Regeln unseres Zusammenlebens werden durch das Recht bestimmt. Es sagt, was mir und den anderen zusteht. Zuerst sind das die Menschenrechte. Die Rechte gelten für alle. Soweit sie wirksam sind, also angewendet und geschützt werden, sorgen sie für ein freies, friedliches und weitgehend sicheres Miteinander.

Auf das gute, humane und demokratische Recht müssen wir alle achten. Grundsätzlich ist der Staat dazu da, das Recht mit Polizei, Justiz und Verwaltung zu wahren und durchzusetzen. Aber es kann sein, dass er dies nicht leistet: dass Menschen ihr Recht nicht bekommen, dass rechtslose Räume entstehen und Unrecht geschieht, sogar dass der Staat selbst das Recht bricht.

Dafür gibt es dann verschiedene Ursachen: Fehler, mangelnde Fähigkeiten und Kenntnisse von Menschen oder Institutionen; Nachlässigkeit von Verantwortlichen; Korruption; Machtmissbrauch im Amt oder beim Mandat, von Abgeordneten oder Regierungsmitgliedern; zu wenig geeignetes Personal und nicht ausreichende Mittel.


Platz der Grundrechte in Karlsruhe, Sitz des Bundesverfassungsgerichts, gestaltet von Jochen Gerz mit Aussagen von Zuständigen und Betroffenen zum Recht

Deutschland wird als Rechtsstaat bezeichnet. Das soll heissen, dass Gesetze gelten, die den Menschenrechten entsprechen, und dass neue Gesetze demokratisch zustande kommen. Oft wird hier über andere Länder gesagt, dass es dort nicht so sei. Jedoch lässt auch der deutsche Staat Unrecht zu und verstösst selbst gegen Gesetze.

Die folgenden Beispiele weisen auf Lösungsbedarf hin.

Der deutsche Staat - Regierungen und Parlamente von Bund und Ländern - tut schon seit Jahrzehnten praktisch nichts gegen Gesundheitsbelastungen durch den Strassenverkehr. Schadstoffgrenzwerte werden überschritten und menschliches Leben wird gefährdet, ohne dass die Politik handelt. Längst sind zudem kriminelle Machenschaften der Autokonzerne bekannt, doch die Bundesregierung und die Mehrheit des Bundestages machen sich zu Komplizen und erklären womöglich das Unrecht zum Recht. Angeblich geht es um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Mobilität. So funktioniert Mafia: Viele können von Unrecht profitieren, mehr oder weniger, auf Kosten der meisten und des Gemeinwohls.

Der deutsche Verfassungsschutz, der den Rechtsstaat verteidigen soll, hat mit neonazistischen Vereinigungen zusammengearbeitet und dadurch Gewalttaten bis zu Morden mitzuverantworten. Dies soll geheim bleiben und wahrscheinlich weitergehen, Aufklärung wird verhindert und Konsequenzen sind nicht erkennbar. Ohne intensive öffentliche Kontrolle sind die Geheimdienste eine Gefahr für Freiheit und Recht.

Militär hat immer den Zweck, Politik ausserhalb des Rechts zu betreiben, wobei Menschenrechte missachtet werden. Ebenso wird die deutsche Bundeswehr eingesetzt. Im ersten deutschen Krieg nach 1945 griff sie 1999 völkerrechtswidrig Serbien an. Auch in Afghanistan fielen ihr Kinder und andere Unbeteiligte zum Opfer. Waffenlieferungen in Konfliktgebiete und Diktaturen werden von der Bundesrepublik nach wie vor gefördert.

Das Bundesverfassungsgericht hat mehrmals Mängel der Demokratie in Deutschland festgestellt. Bei der Methode, mit der nach Bundestagswahlen die Mandate verteilt wurden, gab es Unstimmigkeiten. Die Mehrheit des Bundestages brachte erst nach einem zweiten Urteil eine brauchbare Neuregelung zuwege. Ähnlich war es nach dem Urteil des Gerichts, dass bei den Europawahlen kleine Parteien nicht benachteiligt werden dürfen. Die Regierungsparteien bauten nochmals Demokratiehindernisse auf und mussten ein zweites Mal zurechtgewiesen werden. Derzeit versuchen sie, EU-Entscheidungen als Vorwand heranzuziehen.

Demokratie ist gewiss ein preisenswertes Gut, Rechtsstaat ist aber wie das tägliche Brot, wie Wasser zum Trinken und wie Luft zum Atmen, und das beste an der Demokratie ist gerade dieses, dass nur sie geeignet ist, den Rechtsstaat zu sichern.
Gustav Radbruch, Justizminister in der Weimarer Republik

Auch in den deutschen Bundesländern gehen die Regierungen gegen die Rechte der Bürgerinnen und Bürger vor. In Nordrhein-Westfalen sollen kritische demokratische Wahlvereinigungen von den Rathäusern ferngehalten werden. In Bayern wurden der Polizei Befugnisse übertragen wie in autoritären Staaten. In Hessen haben die regierenden Parteien reiche Steuerhinterzieher geschützt, indem sie pflichtbewusste staatliche Ermittler widerrechtlich aus dem Amt warfen.

Das Recht muss für alle gleich sein - wenn dagegen manche um grosse Summen betrügen dürfen, ist zu wenig Geld da für Gemeinschaftsaufgaben, Bildung, Wohnungen und Pflege. Andererseits kann es kein Unrecht sein - was manche dennoch behaupten -, wenn der Staat wie gegenüber Zuwandernden Menschlichkeit zeigt.

Das Recht muss nie der Politik, wohl aber die Politik jederzeit dem Recht angepasst werden.
Immanuel Kant, Philosoph der Aufklärungszeit

In Deutschland gibt es traditionell zu viel Vertrauen, dass die Obrigkeit, also der Staat mit seiner Politik, alles Notwendige schon richtet und recht macht. Aber gebraucht werden kritischer Gemeinschaftssinn der Bürgerinnen und Bürger und entsprechender Einsatz sowie unabhängige Medien. Nur damit wird das Recht bewahrt und hilfreich weiterentwickelt, mit dem höheren Ziel der Gerechtigkeit. Das Recht kennen und schätzen lernen ist so wichtig, dass es dafür ein eigenes Fach in den Schulen geben sollte.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Der Weg zum Recht
Einsatz für demokratisches Zusammenleben
Die Meinung ist frei, die Wirkung nicht]

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Spielen

30. September 2018

“Anna spielt die Viola.” Das kann in einem Streichquartett sein oder in einem Theaterstück. Sie spielt ein Instrument oder eine Rolle. Das Etwas-Spielen ist nicht mehr zweckfrei, sondern übernimmt eine Aufgabe. Dann hat es bisweilen mit Täuschen zu tun, “etwas nur spielen” heisst es abschätzig. Verspielen bedeutet gleichgültig verlieren und vernichten. In der Musik kann sich die Spielerin aber zeitweise in einen Klangkörper verwandeln. Die Schauspielerin kann leicht und virtuos Lebensmöglichkeiten zeigen.

maximil

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Echt jetzt!

31. Juli 2018

(Anton und Sarah, beide etwa Mitte dreissig, unterhalten sich im Zug:)

A: “Da ist doch nichts mehr echt.”

S: “Wie meinst du das?”

A: “Wo ich hinschaue, in der Firma, in der Politik, in der Nachbarschaft - wenn die Leute reden, hab ich so ziemlich alles schon mal gehört. Phrasen, Klischees, Vorurteile, irgendwelche Behauptungen aus den Medien, dem Internet, das wird einfach übernommen und weitergesagt.”

S: “Kann sein, Denken ist ja schwierig … Aber das muss doch deswegen nicht alles falsch sein. Gerade wenn etwas stimmt, muss es immer wieder gesagt werden, gegen die unüberlegten Argumente und auch gegen die absichtlichen, die nicht weiterhelfen. Und die kommen oft genug aus echter Überzeugung.”

A: “Die Leute sind, wie sie sind - das klingt so gelassen, als wäre nichts dran zu ändern. Ob sie überzeugt sind von ihren Meinungen oder nicht, ich will mich nicht damit abfinden, dass Unsinn verbreitet wird. Ich verstehe, dass Leute andere Interessen und Ziele haben als ich, aber das sollen sie dann auch ehrlich zugeben.”

S: “Sinn und Unsinn sind oft nicht leicht zu unterscheiden. Was ist die Wahrheit? Du erwartest viel …”

A: “Ja schon … Ich werde nie behaupten, die einzige, einfache Wahrheit zu wissen. Wenn mir jemand widerspricht und es begründet, dann prüfe ich das, so wie du. Auch diejenigen, die sich aufrichtig für etwas einsetzen, für humane Werte, für Vernunft, sollten kritisch und selbstkritisch bleiben.”

S: “Das wäre authentisch, wie es so heisst … Dabei sollten wir mit Widersprüchen leben können. Und Brücken bauen. Das Gewohnte wahrnehmen und dann Unbekanntes, Fremdes, noch nie Dagewesenes, das ist die Kunst. Ich versuche es …”

Sylvie Natalicia / maximil

[Dazu:
Worte und ihre Folgen]

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Worte und ihre Folgen

31. Mai 2018

Achte auf das, was du sagst - diesen Rat gebe ich mir. Ein Wort, das jemand hört oder liest, ist nicht mehr rückholbar. Zwar kann ich bei Bedarf erklären, dass ich falsch verstanden worden bin, oder dass ich meine Aussage zurücknehme, ich kann mich entschuldigen, aber das Gesagte ist nicht mehr ungeschehen zu machen. Es hat bereits gewirkt und tut es noch, und ich habe keine Kontrolle über die Folgen. Das war schon vor dem Internet so.

Worte, die gesagt oder geschrieben werden, sind also schon Taten. Wenn Worte etwas versprechen, sollten allerdings handfestere Taten dazukommen. Immer, wenn Worte etwas behaupten - ob es stimmt oder nicht -, verändern sie etwas: die Vorstellungen derjenigen, die es glauben; die Beziehungen zwischen der sprechenden oder schreibenden Person und denjenigen, die zuhören oder lesen. Darin zeigt sich die Macht der Worte, genauer die Macht, die Menschen mit ihnen ausüben können, und zwar mit Informationen, mit Meinungen, mit Falschaussagen und mit Ablenkungen von Fakten. Gerade dann jedoch, wenn ein Mensch oder eine Gruppe Informationen über Tatsachen weitergibt, wird die Macht des Wissens geteilt, die manche gern für sich behalten. Frei aufklärende Medien sind deshalb demokratisch wirksam.

Oft machen wir mit der Sprache weniger eine Aussage über die Welt, berühren vielmehr die Mitmenschen direkt. Denn Worte können ermutigen und einschüchtern, provozieren und beruhigen, wohltun und wehtun, beleidigen und schmeicheln, verletzen und trösten, bitten und befehlen, fragen und antworten, deprimieren und motivieren, einlullen und aufrütteln, verführen und begeistern, ausschliessen und verbinden. Das verbindende Sprechen ist in besonderer Weise Ausdruck von Kommunikation, bei der es vom Sinn her um Gemeinsames geht.

Viele Aussagen sind nicht wörtlich zu nehmen, und Missverständnisse sind meistens möglich. Um nicht aneinander vorbeizureden, kommt es darauf an, einerseits optimal zu formulieren und andererseits in akuten Fällen das Gemeinte zu erschliessen. Für Gespräch, Austausch und Lösungen wäre hilfreich, dass die Beteiligten sich verantwortlich zeigen und die richtigen Worte wählen.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Wirksame Stimme
Die Meinung ist frei, die Wirkung nicht
Die eigene Sprache
Vernünftiges Sprechen
Alle gewinnen mit Empathie]

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Einsatz für demokratisches Zusammenleben

24. April 2018

Mitbestimmen, das ist ein natürliches Bedürfnis. Manche wollen allein den Ton angeben, manchen ist die Politik egal, solange sie Wohlstand und keine Probleme haben, aber die meisten sind nicht dafür, dass andere über ihren Kopf hinweg entscheiden. Sie wissen zu schätzen, dass die Demokratie erfunden und erkämpft worden ist. Dies sind die Menschen, die auch bereit sein sollten, bei Bedarf für das Recht auf demokratisches Mitbestimmen und Teilhaben einzustehen.

Mit kritischem Blick können sie sehen, wie an vielen Stellen mächtige Gruppen dieses Recht beschränken oder ausser Kraft setzen. Es ist zu erkennen: Die Demokratie, die für ein angenehmes Zusammenleben gebraucht wird, ist nicht fertig. Die Gemeinschaft muss ihre Demokratie immer wieder aktualisieren, sie unter veränderten Bedingungen weiterentwickeln, sie gemäss den Bedürfnissen erneuern.

Alle sind aufgerufen, sich an dieser Aufgabe zu beteiligen. Besonders muss möglich sein, was in der Schweiz schon lange gelingt, die direkte Demokratie mit verbindlichen Volksabstimmungen in den Gemeinden, in den Regionen, im Staat und darüber hinaus. So, in öffentlicher Diskussion und durch klare gemeinsame Entscheidungen, werden Probleme am besten gelöst. Wie wichtig das ist, macht das Buch “Demokratie - Die Unvollendete” von Ute Scheub deutlich.

Ute Scheub: Demokratie - Die Unvollendete, oekom Verlag München 2017 (als PDF-Dokument kostenlos erhältlich)

Über das Buch: oya

maximil

[Dazu:
Wirksame Stimme
Gemeinsamkeit nützt allen
Gespräch über Grenzen
Wir regieren uns selbst am besten!
Alle gestalten mit - so geht Demokratie]

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Menschen schaffen sich ab

22. Februar 2018

Bereichert es das Leben oder behindert es mehr? Das ist die Frage bei vielen Geräten, die Menschen sich anschaffen, Fahrzeugen, Werkzeugen, Maschinen für den Haushalt, Elektronik zur Unterhaltung, Rechnern und Robotern für alles Mögliche. Teils sind solche technischen Dinge praktisch und nehmen lästige Arbeit ab. Oft sind sie einfach bequem. Oder sie sind etwas zum Spielen. Vermehrt ist aber Schlimmeres zu beobachten: Produkte ersetzen wichtige menschliche Tätigkeiten, machen Fähigkeiten überflüssig, schwächen die Eigenständigkeit - sie sind Prothesen.

Als Hilfsmittel zur Bewegung wurden lange Zeit Schiff, Pferd und Kutsche genutzt, aber nur ausnahmsweise. Zu Fuss gehen war auch über weite Strecken noch in den letzten Jahrhunderten üblich, und Handwerker, Pilger, Künstler, Kaufleute reisten so durch Europa. Mit dem Auto, besonders den billigen Modellen für viele, wurde das individuelle Fahren zur Gewohnheit. Inzwischen wird der Motor für kürzeste Wege angelassen, für jeden Einkauf ausser vielleicht beim Bäcker, und Eltern chauffieren ihre Kinder zur Schule, um sie vor den Risiken des Strassenverkehrs zu schützen. “Automobil” bedeutet “selbstbeweglich”, die Insassen sind dies immer weniger. Damit sind sie auch immer weniger frei. Wenn die selbstfahrenden Autos kommen, sodass auch niemand mehr steuern muss, wird es genügen, einen solchen komfortablen und schnellen Rollstuhl wörtlich zu “besitzen”.

Schon vorher übernehmen Navis auch beim Radfahren und Wandern die Führung. Sie sind ungefähr wie ein Blindenhund, der sprechen kann, für Menschen, die nicht sehen wollen. Dabei können diese aktiven Wegweiser je nach Eingabe und andersartiger Wirklichkeit bekanntlich auch in die Irre führen. Meistens verhindern sie, dass ihre Nutzer und Nutzerinnen die Umgebung wahrnehmen und die Fähigkeit üben, sich in der Welt zurechtzufinden. Ohne Hilfe geht es dann nicht mehr. Wer es nicht gelernt hat, kann eine Situation in der Stadt oder in der Natur nicht selbst beurteilen. Entsprechend lässt sich immer häufiger feststellen: Es fehlt die Orientierung im Leben - eigene Grundsätze, kritisches Denken und Einschätzungsvermögen sind nicht ausgebildet, und die Verunsicherten fühlen sich privat, beruflich oder politisch auf Meinungen und Vorgaben von aussen angewiesen.


Charlie Chaplin in seinem Film “Modern Times”, 1936

Werkzeuge erleichtern die Arbeit, Maschinen leisten mehr, als Menschen können, und die freuen sich, die Technik gewinnbringend im Griff zu haben. Die Technik wird aber oft zum Sachzwang. Eine Klimaanlage ist vielleicht angenehm, dafür lassen sich die Fenster nicht mehr öffnen, und dies ist besonders unangenehm, wenn die Lüftung ausfällt und es drin stickig wird. Für die globale Aufheizung des Klimas genügt der reguläre massenhafte Betrieb von fossilen Kraftwerken und Motoren. Technik gerät überdies immer mal wieder katastrophal ausser Kontrolle, wie bei Verkehrsunfällen und im Fall der Atomkraft.

Als um das Jahr 1800 erstmals reihenweise Maschinen installiert wurden, vor allem in der Textilfabrikation, in der sie die Handwebstühle mitsamt den Arbeitern und Arbeiterinnen ersetzten, da rebellierten viele der Betroffenen gegen die Technik: Ihnen raubte diese die Beschäftigung, von der sie und ihre Familien lebten. Seither hat die industrielle Produktion fast überall das Handwerk zurückgedrängt und praktische gestalterische Kenntnisse, die über Jahrhunderte gesammelt worden waren, mit ebenso lang weitervermittelten Fähigkeiten zum Verschwinden gebracht. Manche der neuen technischen Geräte sind absurd und lächerlich, wie die Laubbläser, die schwerer zu handhaben sind als ein Rechen oder Besen und dazu einen Ohrenschutz wegen ihres Krachs, wenn nicht noch wegen der Abgase einen Atemschutz erfordern …


Weberhaus in Augsburg, Fassadenmalerei von Otto Michael Schmitt, 1961 -
Foto: Anja Mößbauer

Fernsehen, Kino und Internet als Unterhaltungsmedien sind für einen großen Teil der Menschheit nicht nur Sehhilfen, sondern Ersatz für eigenes Erleben. Geschützt, aber ohne die Vielfalt persönlicher Begegnung, bewegungslos und sprachlos lässt sich so die Welt nach Wunsch anschauen. Die Mutigen wagen sich hinaus und setzen eine Brille auf, mit der sie angeblich mehr sehen als die anderen (”erweiterte Realität”), die allerdings auch den Horizont verengt und an die Redensart vom Brett vor dem Kopf erinnert. Diverses technisches Spielzeug für Kinder und Erwachsene schränkt Handlungsmöglichkeiten, Fantasie und Kreativität ein, statt sie zu fördern.


Datenbrille - Foto: Avery Miller, Ausschnitt, Lizenz CC BY-SA 4.0

Kommunikationsprothesen werden günstigerweise schon in jungem Alter dauernd getragen, damit sie ein selbstverständliches Organ des Körpers werden. Mit den kleinen Wunderwerken am Arm, die sehen, hören, reden, funken und jede Menge bunte Bilder zeigen können, bieten sich auch unter Leuten im nächsten Umkreis witzige Gespräche mit vielen Emoticons und Piktogrammen an. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle hat sich hier weit in den menschlichen Bereich hinein verlagert.

Die Rechner mit ihren Programmen und Vernetzungen verarbeiten Informationen, haben ein Gedächtnis, schlussfolgern, sie denken, organisieren, bewerten und wissen von den Menschen, die mit ihnen zu tun haben, oft mehr als diese selbst. Individuell eignen sie sich daher als Hirnprothesen. Insgesamt sind sie eine Macht, die das menschliche Leben beeinflusst, auch auf dem Bauernhof, im Krankenhaus und übermässig an der Börse. Die Menschen vor den grossen und kleinen Bildschirmen lassen sich immer mehr von den künstlichen Gehirnen leiten, arbeiten ihnen zu, reagieren, statt selbst zu handeln, tun, was von ihnen erwartet wird, werden auf einfache und immer gleiche Funktionen reduziert. Damit übernehmen Menschen wieder die Aufgaben, die einmal den Maschinen zugedacht waren. Sie werden von ihnen abhängig. Die Entfremdung von sich selbst zeigt sich in besonderer Weise in den physiologischen Uhren: Sie messen Körperwerte und leiten aus der Analyse Ratschläge für die Lebensweise ab, simulieren damit ein Bewusstsein des Organismus, das ihr Träger oder ihre Trägerin verloren hat.

Wie die digitalen Maschinen imstande sind zu lernen, treten sie immer häufiger als intelligente menschenähnliche Wesen auf. Roboter sollen bald alte Menschen pflegen, weil billige menschliche Pflegekräfte fehlen. Hilfsbedürftige sagen, dass sie nichts dagegen hätten. Aber das würde für die Menschen bedeuten, Zuwendung mit allem, was ihnen darin möglich ist, aufzugeben. Noch mehr ist machbar und auch schon entwickelt. Für Lebenspartnerschaften stellen wissende Algorithmen die passenden Paare zusammen. Zu einer bestimmten Person, die für die Liebe oder das Geschäft infrage kommt, errechnet die Maschine aus dem Aussehen, Mimik, Gestik, Kleidung, sonstigem Verhalten und weiteren verfügbaren Daten etwa von Internetplattformen ein Persönlichkeitsprofil und sämtliche Optionen. Menschen können dann auf Menschenkenntnis, Empathie, Intuition und ihre fehlbaren Gefühle verzichten. Wird es so weit gehen wie in dem prophetischen Film “Blade Runner”, in dem Androiden menschlicher sind als Menschen …?

Es bleibt möglich, dass Menschen andere achten, das volle Leben schätzen und selbst etwas schaffen.

Matthias Kunstmann / maximil

“Blade Runner”, Regie Ridley Scott, USA 1982
(der Film spielt Ende 2019)

[Dazu:
Vor dem Bildschirm
Alle gewinnen mit Empathie]

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Unser reiches Land

21. Dezember 2017

Nie war Deutschland so reich wie jetzt. Schauen wir uns an, was frühere Generationen sich nicht vorstellen konnten, auch wenn sie sich in ihren Träumen viel Geld, eine Villa, ein Auto und Reisen in die Ferne wünschten. In anderen Weltgegenden erscheint es Menschen wie ein Paradies.

Schon die Lebensmittelmärkte voller Spezialitäten, Delikatessen von weit her, Appetit anregend verpackten Fertiggerichten … Der erste europäische Supermarkt eröffnete 1957 in Köln. Inwischen werden rund ein Drittel der erzeugten Lebensmittel früher oder später zum Abfall geworfen.

Die glitzernden Einkaufsgalerien, in denen sich Gastronomiebetriebe und Modegeschäfte auf mehreren Etagen aneinanderreihen, und das Geld dafür kommt von einem Kärtchen oder aus der Wand (dem Automaten) … Von Parkhäusern aus sind sie wettergeschützt erreichbar. Damit zum Konsum motiviert wird, begegnet Werbung, mit Hochglanz gedruckt oder audiovisuell inszeniert, an vielen Stellen, draussen, zu Haus, in den Medien.

Die grosszügigen Wohnungen sind warm, hell, haben komfortable Bäder und sind mit Arbeit sparenden Geräten ausgestattet, Geschirrspül- und Waschmaschinen sowie Trocknern und auch schon Robotern, bieten leichten Zugriff auf Vorräte in Tiefkühlschränken und unterhalten mit breiten Bildschirmen und aufwendigen Musikanlagen. Mobiliar und Accessoires werden öfter gemäss dem veränderten Zeitgeschmack ersetzt. Für mehr und grössere Haustiere ist auch Platz.

Mit Spielzeug sind die Kinder eingedeckt. Die bunten Dinge, die batteriebetrieben einiges von selbst können, lassen nicht mehr viel Raum für Fantasie.

Die grossen Autos mit elektronischen Fahr- und Navigationshilfen verkehren auf Strassen, deren Netz weiter verdichtet wird. Wer ein kleineres Fahrzeug nutzt, sieht einkommensschwach aus.

Die schnellen und bequemen Bahnen und Busse erleichtern es, mobil zu sein, auch spontan. Entfernte Orte sind nahe Ziele.

Reisen auf die andere Seite der Erde sind nichts Ungewöhnliches, wie auch nicht der Kurzurlaub an einem Palmenstrand oder eine Kreuzfahrt.

Verschiedenste Sportarten werden mit jeweils spezieller Ausrüstung praktiziert. Die meisten Aktiven schwitzen freiwillig, unbezahlt, zum Vergnügen.

Für die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Schönheit wird viel getan. Ob sinnvoll oder nicht, zahllose Drogerien stellen eine Fülle von Pflege-, Reinigungs- und Kosmetikprodukten bereit, die sich oft weniger in der Substanz und mehr in der Verpackung, Anmutung und Verheissung unterscheiden.

Die Unterhaltung ist eine der bedeutendsten Industrien. Spektakuläre Veranstaltungen werden geboten, Sportereignisse oder Konzerte beeindrucken besonders in riesigen Arenen das Publikum, Kinos, Theater, unzählige Radio- und Fernsehsender sowie Internetplattformen machen Freizeitprogramme.

Informationen über die Welt sind mit Internet und mobiler Kommunikation überall in einer Menge zu bekommen, die eher verwirrt, als dass sie zu bewältigen ist: Was ist wichtig? Was fangen wir damit an?

Die Kunst - auch sie floriert, stellt sich in Galerien aus, wo einmal kleine Läden waren, und in neuen Museen, sie steht auf vielen öffentlichen Plätzen, und Kunstwerke sind Geldanlagen mit steigenden Renditen geworden. Häufig ist das Gestalten ein kulturelles Gewerbe, das zur humanen Bildung kaum etwas beiträgt.

Geht es uns gut? In diesem allgemeinen Wohlstand sollten wir wenig zu klagen haben. Dennoch sind die unerfreulichen Wirkungen zu sehen.

Der Reichtum verschwendet Rohstoffe und Energie und macht teils Schadstoffe daraus, er verbraucht Naturschätze und beeinträchtigt die Umweltqualität.

Die Gerechtigkeit fehlt. Zwar lässt unser Staat auch die Ärmsten nicht hungern, garantiert eine Wohnung und sorgt für Medizin. Aber keineswegs sind die Unterschiede im Einkommen einfach durch mehr oder weniger Leistungswillen bedingt. Eine Gesellschaft, die ungleiche Chancen nicht ausgleicht, die nicht eine gerechte Teilhabe ermöglicht, beachtet ein entscheidendes Gut nicht ausreichend und verletzt die Menschenwürde.

Unser Luxus ist auch ungerecht gegenüber armen Ländern. Ungünstige Voraussetzungen, besonders historische Abhängigkeiten benachteiligen Regionen. Deutsche Unternehmen profitieren nach wie vor und teilweise mehr denn je von Arbeitskräften und Ressourcen solcher Länder. Wenn Menschen von dort Anteil an unserem Reichtum wollen, dann ist das Anlass, die Strukturen der Weltwirtschaft zu ändern. Und wir können von unserem Überfluss noch weit mehr abgeben, ohne selbst Mangel zu leiden.

Mangel im Überfluss gibt es allerdings. Denn unbeherrschter Konsum verhindert, dass Menschen ihre Persönlichkeit entwickeln. Sie finden das nicht, wofür viele materielle Dinge nur ein unzureichender Ersatz sind, nämlich eigene und soziale Werte.

Der materielle Fortschritt fordert zugleich Verzicht auf einiges, was individuell und gesellschaftlich wertvoll ist. So gibt es kaum noch erholsame Ruhe, weil Arbeitsverhältnisse unsicher sind und der berufliche Druck zunimmt. Wenn Geschäfte nur noch über Rechner oder Automaten abgewickelt werden können, ist das vielleicht einfacher, aber es kommt kein menschliches Gespräch mehr zustande.

Folglich wirkt sich Reichtum zerstörend auf Menschen, ihre Gesellschaft und ihre Umwelt aus. Am krassesten ist dies im Militär, für das gerade Deutschland Unsummen zum Zweck der Vernichtung ausgibt, begründet auch damit, dass der nationale Wohlstand geschützt werden soll. Das Geld wäre stattdessen in Friedensdiensten gut angelegt.

Wir können für vieles dankbar sein. Wir sollten kritisch bewerten. Womit habe ich genug? Wenn ich immer mehr will, bin ich nie zufrieden.

Darauf kommt es an: vorhandene Güter achten, menschliche Werte schätzen, Gemeinschaft mitgestalten. Die Möglichkeiten des Geniessens sind da.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Geld fehlt Wert
Wirtschaft ist nicht alles
Fortschritt?
Schneller - wohin und warum?
Fällige Kritik des Wachstumsdenkens]

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Bauen mit gutem Grund

21. September 2017

Wo gebaut wird, wiederholen sich die Rechtecke. Sie sind die Form, die fast überall im neueren menschlichen Siedlungsbereich ins Auge fällt, als könnte es nicht anders sein. Gebäude zum Wohnen oder Arbeiten oder auch nur zum Lagern von Waren sind quaderförmig und die Fenster in entsprechendem Raster. Von solchem Gleichen wird weltweit immer mehr in die Landschaft gestellt, und innen ist ebenso der rechte Winkel das dominierende Prinzip der Gestaltung, auch beim Mobiliar. Das wirkt eintönig, langweilig, deprimierend. Wie kommt es dazu?


Moderne Architektur spiegelt alte in Hamburg - Foto: Sami99tr,
Lizenz CC BY-SA 3.0

Ein Grund ist, dass sich mit rechten Winkeln einfach planen und billig produzieren lässt. Das Gestalten, soweit davon die Rede sein kann, darf einfallslos vor sich gehen, das Ausführen erfordert gleichfalls keine besonderen Kompetenzen. Behauptet wird, die Rechtwinklichkeit sei modern. Eine andere Formgebung wird vor allem in der Architektur von den Modernen als rückwärtsgewandt oder irrational abgewertet. Es ist festzustellen, dass der rechte Winkel ein Ergebnis der Abstraktion, des vereinfachenden Denkens ist. Sobald er ein Prinzip des Lebens werden soll und in einer Vielzahl von Gegenständen materialisiert wird, ist er ideologisch und im Zwang zur Ausrichtung der Welt sogar faschistisch. Er ist ein Zeichen für die Entfremdung des Menschen von der Natur - und damit auch von dessen natürlichen Bedürfnissen.

In der Natur sind gerade Linien und rechte Winkel äusserst seltene Formen unter einer Vielfalt anderer, erscheinen etwa an Kristallen von Salz und sonst wenigen Mineralien. Aber die Natur ist nicht starr wie manche Denkprinzipien, Normen und Verhaltensmuster. Wasser löst die Salzkristalle auf. Eine Tatsache ist, dass die Schwerkraft rechtwinklig zur Erdoberfläche wirkt; Bäume wachsen entgegen dieser Kraft und der Mensch hat mit ihr den aufrechten Gang gelernt. Sichtbar und zu erfahren ist aber meistens ganz anderes: Der Erdboden ist uneben, theoretisch waagrechte Wasserflächen haben Wellen und sind wie der Globus gekrümmt. Bäume wachsen zur Sonne und mit dem Wind, Blätter und Samen fallen nicht senkrecht, sondern können weit schweben. Menschen gehen gebeugt oder sitzen … Und Vögel fliegen die verschiedensten geschwungenen Linien.

Architektur, Handwerk und Kunst haben in ihrer Geschichte den rechten Winkel nur an bestimmten Stellen gebraucht. Für Häuser ist es sinnvoll, dass die Böden eben liegen und die Wände senkrecht stehen, im Übrigen geht beinahe alles. Bei Textilien verlaufen die Fäden von Kette und Schuss regelmässig quer zueinander, doch dann wird diese zweidimensionale Struktur in räumlichen Bögen und Verknüpfungen zu Kleidung geformt. Buchseiten sind meistens rechteckig, kaum dagegen ist es die Schrift.


Neue Staatsgalerie Stuttgart - Foto: Jaimrsilva, Lizenz CC BY-SA 4.0

Für das menschliche Leben sind die Ecken oft unbequem und innen schlecht zu nutzen, aussen kann sich jemand daran stossen, an Gegenständen werden sie abgewetzt und an Wegkreuzungen im Grünen abgekürzt, durch Flachdächer von Quaderbauten tropft der Regen. Praktisch und sinnlich wahrgenommen, ist die Rechtwinkligkeit so wenig funktional wie elegant. Sie wird deshalb auch nicht auf Fahrzeuge aller Art angewendet, denn da muss der Widerstand von Luft oder Wasser berücksichtigt werden und zudem sollen sie dynamisch aussehen. Und auch Kulturbauten wie Theater, Konzerthallen, Museen zeigen architektonische Freiheit.

Es gibt Gründe für das Übliche - und es gibt fast immer mindestens einen guten Grund, etwas anders zu machen.

Matthias Kunstmann / maximil

[Dazu:
Leben mit der Natur]

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Tropenwald im Grill verbrennen?

31. Juli 2017

Viele wissen es nicht - Holzkohle für Grills kommt oft aus tropischen Wäldern. Zum Beispiel im südamerikanischen Paraguay fällen Unternehmen dafür alte Bäume, um anschliessend riesige Viehweiden oder Sojafelder für die industrielle Landwirtschaft anzulegen. Lebensräume für Tiere und Pflanzen gehen verloren, und auch für die Menschen, die dort seit langer Zeit mit der Natur wirtschaften. Der Fall zeigt, dass verantwortliches Handeln Interesse und Informationen braucht.


Wald im Gran Chaco in Paraguay - dort wird grossflächig für die industrielle Landwirtschaft gerodet und das Holz zu Kohle gemacht. Foto: Ilosuna, Lizenz CC-BY-1.0

Geselligkeit um die Grillglut ist wertvoller, wenn sie auf ökologische Zusammenhänge achtet. Holz ist zwar immerhin ein erneuerbarer Brennstoff. Ein Gasgrill müsste entsprechend von Bioenergie gespeist sein, ein Elektrogrill von Ökostrom. Kohle ist geeignet, wenn sie aus Holz hergestellt ist, das in Mitteleuropa wächst. Hier ist am besten nachweisbar, dass der Wald gepflegt wird und die Produktion kaum Schadstoffe hinterlässt. Es gibt mindestens einen deutschen Anbieter von Kohle aus heimischen Buchen.

Einen längeren Transportweg hat Brennstoff aus schnell nachwachsendem Bambus. Besonders nachhaltig ist es, pflanzliche Reste aus der Lebensmittelproduktion zu nutzen. Dies können Olivenkerne aus Ölpressen sein. Damit haben sich Betriebe in Griechenland einen Verdienst geschaffen, sodass angesichts der Wirtschaftslage dort der Kauf solcher Grillkohle auch einen sozialen Vorteil bedeutet. Ähnlich es mit Kohle aus Kokosnussschalen, die in fairem Handel hergestellt und geliefert wird.

Brennmaterialien dieser Art können mehr kosten. Zum Teil geben sie dafür länger und intensiver Energie ab. Im Übrigen sollte eine Gesellschaft, die genug Leckeres auf den Grill zu legen hat, nicht an den sozialen und ökologischen Werten sparen.

maximil

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