17. Mai 2023
Soll eine Geschichte gut ausgehen oder schlecht? Im eigenen Leben ist das üblicherweise keine Frage: Ich möchte, dass ein Risiko nicht schadet, dass meine Unternehmung etwas bringt und mein Einsatz erfolgreich ist, ich will, dass ein Problem gelöst oder ein Konflikt beendet wird. Bücher, Artikel, Sendungen, Kurse, die entsprechenden Rat zu den verschiedensten Lebensthemen geben, erhalten grosses Interesse.
In Romanen, Theaterdramen oder Filmen sieht das anders aus. Es gab Zeiten, da musste ihr Ende tragisch sein, wenn sie ernst genommen werden sollten. »Romeo und Julia«: Am Schluss sind die jungen Liebenden tot. Die Welt war gegen ihre Liebe, und ohne diese Liebe wollten sie nicht leben. »Emma Bovary«: Ihre Wünsche sind ihr Schicksal, als sie aus dem Unglück nicht mehr herausfindet, bringt sie sich um. »Easy Rider«: Zwei lebenslustige, unangepasste junge Männer werden schliesslich von beschränkten Bürgern erschossen. In den 1960er- und 1970er-Jahren führten viele Filme zu einem ähnlichen Ende.
Der gedankenreiche Alexander Kluge hat zu seinem filmischen Essay »Die Macht der Gefühle« von 1983 erklärt: »Ich bin überzeugt, dass es eine unternehmungslustigere Kombination geben müsste: sowohl in der Oper wie im klassischen Kino bleiben die Gefühle gegenüber der Macht des Schicksals ohnmächtig.« Auf Gefühle sollte geachtet werden. Sie lassen mich spüren, wie es mir geht. Darauf kann ich mit dem Verstand reagieren. Und versuchen, eine Geschichte durch gefährliche Verhältnisse zu einem gewünschten Ausgang zu steuern.
Eine bis heute beliebte Oper mit tragischem Ende ist »Carmen«: Die Frau will frei leben, aber ein Liebhaber tötet sie. Das Kino hat viel aus der Operntradition übernommen, nicht nur die Musik, die exzessive Gefühle steigert. Das Melodram ist eine bedeutende und zugkräftige Art des Films geworden.

»Carmen«, letzter Akt: Sammelbild aus Packungen von »Liebigs Fleischextrakt«, 1895
Auf der Bühne wurde das genannte Musikdrama bei der ersten Aufführung 1875 als »Komische Oper« angeboten und hat das Publikum, das Entsprechendes erwartete, irritiert. Komödien haben regelmässig ein glückliches Ende. Dafür sind sie nicht ernst zu nehmen. Gebildete Kreise bewerteten sie meist als Unterhaltung für das einfache Volk. Doch stellen Komödien oft moralische Fragen, sie können kritisch parodierend und karikierend sein, dem Publikum einen Spiegel vorhalten, soziale und politische Verhältnisse angreifen.
Was nach dem Ende kommt
Das Happy End von Geschichten ist in häufiger intellektueller Sicht eine sentimentale und täuschende Befriedigung des Volkes. Das unglückliche Ende gilt dagegen als ein realistischer und Probleme verdeutlichender Anstoss für die Elite. Kurt Tucholsky hat in seinem Gedicht »Danach« beschrieben, was nach einem Happy End kommt: neue Schwierigkeiten, Probleme und Konflikte. »Un darum wird beim Happy-end im Film jewöhnlich abjeblendt.« Ein glückliches Ende währt also nur kurze Zeit. Kann es auch ein Moment einer wünschenswerten Entwicklung sein?
In der Literatur wie im Theater oder Kino ist es kaum machbar, eine heile Welt glaubhaft darzustellen. Vielmehr kommt es auf die Absicht an, mit der eine Geschichte erzählt wird. Wenn sie nur problematische Verhältnisse der Welt wiedergeben soll, kann sie vielleicht aufklären und überlässt es jedenfalls dem Publikum, Schlüsse daraus zu ziehen oder ratlos zu sein. Wenn die Geschichte auch Möglichkeiten, Versuche und neue Wege zeigen soll, wird es wahrscheinlicher, dass sie Gespräche, Ideen, Motivation und Einsatz auslöst.
Bei Tragödien steht der Tod am Ende, bei Krimis steht er am Anfang. Danach muss aufgeklärt werden, wie und warum und durch wen er geschehen ist. Wenn der Täter oder die Täterin gestellt ist, bedeutet das ein gutes Ende. Die Nachfrage nach Krimis in Büchern, im Fernsehen und in Filmen hat stark zugenommen. Damit verbreiten sich wahrscheinlich bei vielen in der Fantasie mehr als in der äusseren Wirklichkeit Verbrechen, Gewalt und Bedrohungen. Zugleich wirkt das Bedürfnis, diese Gefahren in den Griff zu bekommen, Ängste zu bewältigen und die rechtmässige Ordnung gesichert zu wissen.
Wirklichkeit in der Fantasie und den Medien
Die journalistischen Medien berichten schon immer besonders über reale Kriminalfälle sowie Unfälle und Unglück aller Art. Ein Verbrechen ist in jedem Fall das schlechte Ende einer Geschichte, und öfters wird es lange nicht oder nie aufgeklärt. Obwohl solche Nachrichten auf grosses Interesse der Bevölkerung treffen, wird den Medien immer wieder vorgeworfen, dass sie ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit vermitteln, dass sie damit Angst erzeugen und dass der Journalismus sich übermässig mit Missständen, Krisen und Katastrophen beschäftigt. Wo ist das Positive?
Darauf wird geantwortet: Die Menschen interessieren sich für tatsächliche Gefahren und Probleme, um gewarnt zu sein und sich schützen zu können. Im Unterschied zur fiktiven Literatur oder dem Film, die nach den persönlichen Bedürfnissen Erkenntnisse und Erfahrungen ermöglichen, geht es bei den journalistischen Nachrichten um Anlässe für das aktuelle, konkrete Verhalten. Missstände und Skandale müssen zudem Thema sein, damit Justiz oder Politik sie abstellen.
Inzwischen wird mehr über »konstruktiven Journalismus« nachgedacht. Das bedeutet, dass Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet positive Entwicklungen beobachten sowie nach Vorschlägen für Lösungen suchen und darüber informieren, auch wenn das nicht gleich sensationell ist. Es kann aufwendigere Recherchen erfordern und mehr Geduld. Solche Arbeit macht Ideen, Möglichkeiten und vorbildliche Projekte bekannt und trägt dazu bei, dass sich die Wirklichkeit trotz Gegenmacht, Hindernissen und Zwischenfällen wunschgemäss verändert.
Wie es weitergehen soll
Ob diese Veränderung in der Politik gewollt wird, ist eine beunruhigende Frage. Es kann scheinen, dass die Weltgeschichte auf Katastrophen zusteuert. Und zwar weil die politisch Entscheidenden es nicht anders wollen, weil sie Macht- und Vermögensverhältnisse für unveränderbar halten und Ideologien für wahr, weil sie glauben, dass es weitergehen kann wie bisher. Womöglich haben sie dabei sogar eine Mehrheit der Menschen hinter sich. Zu anderen Zeiten waren die meisten für eine bessere Welt. Derzeit ist »Weltverbesserer« ein Schimpfwort wie »Gutmensch«. Denjenigen, die so reden, gefällt es anscheinend mehr, wenn Menschen schlecht sind und unsere Welt ruiniert wird. Es könnte eine kollektive Depression sein, dass viele wie schon zu oft in der Geschichte Krieg als eine Lösung sehen: Tod, Zerstörung, Untergang … »Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe«, bemerkte zu Beginn eines neuen Weltkrieges der Kulturphilosoph Walter Benjamin.
Es kann auch sein, dass Werte bei allen Konsequenzen bewahrt werden sollen. Dann wäre aber zu prüfen, ob es humane Werte sind und die Folgen für das eigene Leben getragen werden, ohne dass andere darunter zu leiden haben. Gewalt gegen Menschen und Natur ist wertlos, sie verursacht teils weit reichende und kaum auszugleichende Schäden. Damit ist kein Problem gelöst. Stattdessen sollen gemeinsame wie persönliche Geschichten ein Ende finden, mit dem alle gut leben können. Das ist dann auch ein guter Anfang.
Matthias Kunstmann / maximil

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
27. Januar 2023
Strom ist schon vor dem Ukraine-Krieg deutlich teurer geworden. Der Preis ist gestiegen, obwohl es einen grossen Zubau von Wind- und Sonnenenergieanlagen gab, die viel billigeren Strom produzieren konnten als die Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke. Wie ging das zu?
Die Energiekonzerne haben noch in den letzten Jahren in Deutschland neue Kohle- und Gaskraftwerke in Betrieb genommen und wollen die hohen Kosten mit dem Strompreis wieder hereinholen. Ihre verbleibenden Atomkraftwerke haben die Investitionskosten zwar schon lang ausgeglichen, die extrem aufwendige Technik macht aber die Instandhaltung teuer. Dieselben Konzerne erzeugen auch zunehmend günstigen Strom aus Wind- und Sonnenenergie, richten den Preis am teuren Fossil-Strom aus Kohle und Gas und am Atomstrom aus und erzielen so zusätzliche hohe Gewinne.
Vier Unternehmen mit jährlichen Milliarden-Gewinnen dominieren die deutsche Energiewirtschaft: E.ON, EnBW, RWE und Vattenfall. E.ON als umsatzstärkstem dieser Konzerne gehört das noch betriebene Atomkraftwerk Isar, EnBW das in Neckarwestheim, RWE das AKW Emsland. EnBW, fast vollständig in öffentlichem Besitz, verwertet zu mehr als 40 Prozent erneuerbare Energien, aber auch Steinkohle. RWE ist teilweise im Besitz des Emirats Katar, baggert im Rheinland weiter Braunkohle für seine zu zwei Dritteln fossile Stromproduktion ab und liess dafür zuletzt das Dorf Lützerath räumen; der Konzern ist einer der grössten CO2-Verursacher in Europa. Vattenfall hat den Abbau und die Verstromung von Braunkohle in Ostdeutschland an ein tschechisches Unternehmen verkauft, nutzt aber weiter überwiegend fossile Energie.
Die vier Konzerne hatten um das Jahr 2000 in grossen Teilen Deutschlands jeweils das Monopol. Dann wurde die Energieversorgung liberalisiert, andere Unternehmen bekamen Zugang zu den Strom- und Gasnetzen, die Preise sollten sich am Markt bilden und angeblich für die Energieverbrauchenden günstiger werden. Ein freier Markt zwischen Nachfrage und Angebot bestand aber nur kurze Zeit und teilweise. Längst wird der Markt wieder von der alten Fossilenergiewirtschaft beherrscht, die nach wie vor die Preise bestimmt.

Zugunsten der Altenergien und hoher Preise, die jedenfalls die Haushalte und weniger die Industrie zu zahlen haben, hat die Politik Einrichtungen und Regelungen geschaffen. Dazu gehört besonders die Europäische Energiebörse in Leipzig. Die Bezeichnung als Börse täuscht: Diese Institution ist nicht so etwas wie die Frankfurter Börse.
Die Börse Frankfurt ist ein Marktplatz für Wertpapiere, speziell Aktien. Dort wird anhand von Angebot und Nachfrage der aktuelle Wert einer grossen Zahl von Unternehmen ermittelt, die verschiedene Produkte herstellen. Die Energiebörse bildet dagegen hauptsächlich für das Produkt Strom, das von verschiedenen Unternehmen bereitgestellt wird, einen aktuellen Preis.
Dieser Preis für den Strom ist entscheidend abhängig von der Angebotsseite, also den Vorgaben der produzierenden Unternehmen. Denn an der Strombörse sind die Verhältnisse anders als an einer Wertpapier- oder einer sonstigen Warenbörse, wo nicht unbedingt gekauft oder verkauft werden muss – an Strom besteht ein existenzieller Bedarf, die nachfragenden Handelsunternehmen müssen ihre Kundschaft versorgen und deshalb den festgesetzten Preis akzeptieren.
Festgesetzt wird der Strompreis keineswegs als Durchschnitt der verschiedenen Angebotspreise, vielmehr mit dem Preis des teuersten Angebots, das für den Bedarf gebraucht wird. Da kann noch so billiger Strom aus Wind und Sonne angeboten werden, der hohe Angebotspreis eines Gaskraftwerks gilt. Offenbar lässt sich der Börsenpreis auch manipulieren, etwa indem billige Angebote zurückgehalten werden, damit teure zum Zug kommen; oder ein Strom anbietendes Unternehmen fragt zu demselben Zweck seinerseits eine gewisse Menge nach und erreicht mit dem finanziellen Einsatz einen viel höheren Erlös. Nach dem aktuellen Preis richten sich auch die Stromhandelsverträge, die ausserhalb der Börse abgeschlossen werden.
Bei einem grossen Angebot von Wind- und Sonnenstrom gerät der Börsenpreis öfters zeitweise ins Minus. Meistens wird er aber vom teuren Strom aus Kohle und inzwischen besonders aus Gas bestimmt.
Ökostrom produzierende Unternehmen (nicht nur die alten Konzerne), die viel günstiger anbieten könnten, machen sich gern die hohen Preise zu eigen. Damit unterstützen sie quasi im Kartell die Renditen von Kohle-, Gas- und Atomenergie. Es entsteht der Eindruck, dass die erneuerbaren Energien ebenso in der Krise sind wie die fossilen Energien.
Jetzt will der deutsche Staat ausserdem eine Strompreisbremse betätigen, die zwar den Stromkundinnen und -kunden wie den Haushalten und der Wirtschaft kurzfristig hilft, aber die Verteuerung des Stroms nicht wirklich bremst. Damit wird sogar riskiert, den Preis weiter hochzutreiben.
Wie könnte es besser gehen? Möglich wäre, die Energiewirtschaft (ähnlich wie schon EnBW und das Fossilstromunternehmen Uniper) in allgemeines Eigentum zu überführen, und zwar so, dass sie ohne geschäftliche Rücksichten unverzüglich auf klimafreundliche Produktion umstellt und dem Gemeinwohl dient. Ebenso ist es möglich, dass üblich wird, was viele schon machen: den Strom für den eigenen Bedarf selbst erzeugen.
Matthias Kunstmann / maximil
Fotos: Ra Boe, Lizenz CC BY-SA 3.0 (links); Florian Gerlach, Lizenz CC BY-SA 3.0 (rechts)
[Dazu:
Inflation - ein Anstoss zum Handeln
So viel ist möglich ...]

Themen: Allgemein · Natur · Politik
9. Januar 2023
Wollen wir keinen Frieden mehr?
Deutschland hat lange Zeit seine Rüstungsexporte beschränkt. Waffen und Munition sollten nicht in Konflikt- und Krisengebiete geliefert werden. Das wurde damit begründet, dass Deutschland nicht Kriege befeuern, sondern sich für den Frieden in der Welt einsetzen wolle.
Kriegswaffenlieferungen waren nur für zuverlässige Staaten vorgesehen, deren Militär wie die Bundeswehr lediglich der Abschreckung und Verteidigung zu dienen hatte. Es galt auch zu verhindern, dass deutsche Waffen womöglich gegen deutsche Interessen gerichtet werden.
Diese Rüstungskontrolle wurde genauso wenig eingehalten wie der Friedensauftrag der Bundeswehr. Deutschland gehört zu den Nationen mit den meisten Rüstungsexporten und liefert auch an Diktaturen wie Katar und kriegführende Staaten wie die Türkei (gegen kurdische Verbände); auf die mit deutschem Gerät aufgerüsteten Regimes von Saudi-Arabien und Ägypten trifft beides zu, sie töten im Jemen Kinder.
Die Bundeswehr hat sich 1999 am Angriffskrieg der NATO gegen Serbien beteiligt und ab 2001 an der Invasion in Afghanistan. Deutschland hat die USA bei ihren Irak-Kriegen finanziell und logistisch unterstützt. Inzwischen schickt Deutschland militärisches Material, derzeit noch mehr Panzer, in die Ukraine, bewusst für den Krieg.
Wie damit Frieden erreicht werden soll, kann niemand erklären. Dass es damit noch mehr Gewalt, Tod und Zerstörung geben wird, ist offensichtlich.
Es muss gefragt werden: Ist diese Politik nur dumm? Ist sie verantwortungslos? Ist sie kriminell?
Ist für viele Menschen, die dieser Politik zustimmen, Krieg interessanter geworden als Frieden? Neigen sie zu Depression oder zu masochistischen Verhaltensweisen?
Wer ausser vielleicht den Führungskräften und Beschäftigten von Rüstungskonzernen und denen, die deren Aktien besitzen, kann damit glücklich sein?
André Schmidt

[Dazu:
Kleine Schreckensgeschichte der Nation
Werte bilden Persönlichkeiten und Kulturen]

Themen: Allgemein · Politik
1. Januar 2023

maximil
Themen: Allgemein · Kultur · Natur
28. September 2022
»Worin der beschämendste Mangel an unsrer Erziehung und der eigentliche Grund ihrer Unfähigkeit, aus dem Barbarischen herauszuheben, liegt: es fehlt ihr die bewegende und gestaltende Seele der Musik.«
Friedrich Nietzsche, »Unzeitgemäße Betrachtungen«, Viertes Stück, 5
Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
12. August 2022
„Nationalismus ist Krieg.“ Emmanuel Macron, damals Kandidat für die französische Staatspräsidentschaft, 4.4.2017 („Le nationalisme, c’est la guerre.“)
Der Nationalstaat ist eine europäische Erfindung, die seit etwa 400 Jahren entwickelt wird, inzwischen weltweit verbreitet ist und der Menschheit wenige Vorteile gebracht, aber gewaltige Zerstörungen angerichtet hat. Es gibt bessere Formen des Zusammenlebens.
In vorgeschichtlicher Zeit lebten Gruppen von Menschen, Stämme, Clans in wenig besiedelten Naturräumen nebeneinander, regelten ihre inneren Angelegenheiten und versuchten Konflikte mit benachbarten Gemeinschaften etwa um Jagdgründe oder Viehweiden entweder durch Gewalt zu lösen oder durch Handel und Austausch.
Dann entstanden bei zunehmender Bevölkerung weltweit durch Zusammenschlüsse, Wanderungen und Eroberungen grosse Reiche, die oft schnell wieder zerfielen, aber mit geeigneter Organisation und Politik längere Zeit bestehen blieben. In solchen Reichen lebten viele verschiedene Völker und Gemeinschaften zusammen, ohne dass zwischen ihnen besondere Unterschiede gemacht wurden. Der entscheidende Unterschied war immer und ist bis heute der zwischen oben und unten, zwischen den Mächtigen, den weniger Mächtigen und denen, die keine Macht haben.
Nach dem Mittelalter wurden in Europa Staaten organisiert, die umfassend geordnet und verwaltet sein sollten, um wirtschaftlich möglichst leistungsfähig zu werden und Herrschaft im Inneren sowie nach aussen zu sichern. Dazu wurden Fabriken und Verkehrswegenetze gefördert, Polizei eingerichtet und die Grenzen kontrolliert. Es ergab sich Wohlstand, für die einen mehr, für die anderen weniger.
Vor allem in Frankreich kam in der Aufklärungszeit die Idee ins Gespräch, dass es im Staat auf die Nation ankommt, die Gemeinschaft seiner Menschen. Es war ein sozialer Gedanke: Die Bürger (erst viel später auch die Bürgerinnen, sie wurden wie die Kinder zunächst von den Männern vertreten) sind zusammen entscheidend für die Leistungen des Staates. Sie haben deshalb auch Anspruch auf Rechte. Die Menschenrechte wurden entwickelt. Mit ihnen wurde begründet, dass in der Staatsnation grundsätzlich alle Menschen, egal welcher Abstammung, Hautfarbe oder Weltanschauung, gleich sind.

Dieser Nationalgedanke wurde in Deutschland übernommen, jedoch bald überwiegend anders verstanden. Hier sollte die Nation der Zusammenschluss der Deutschen sein. Ähnlich wurde in anderen europäischen Ländern die Nation als Gemeinschaft eines bestimmten Volkes definiert, in der Menschen in Minderheiten und von anderer Herkunft nicht gleichberechtigt sind. Sie werden ausgegrenzt, während wissenschaftliche Theorien sowie Mythen und Ideologien den Vorrang des eigenen Volkes bekräftigen sollen. So können Nationalismus und Rassismus zu Diskriminierung, Gewalt, Pogromen, Krieg und Völkermord führen. Deutscherseits geschah dies im letzten Kaiserreich und seinen Kolonien, im Ersten Weltkrieg und im Nationalsozialismus. Frankreichs Militär hat danach in seinem Kolonialgebiet Massaker begangen.
Die Nationalstaaten haben sich von Europa aus in aller Welt verbreitet, besonders bei der Auflösung der europäischen Kolonien. Aus ihnen wurden Staaten nach europäischem Vorbild, die meist nicht zu den kulturellen, historisch-traditionellen und natürlichen Bedingungen dieser Länder passten. Unzählige gewaltsame Konflikte um Grenzen, Zugehörigkeit und Vorherrschaft waren die Folge.
Europa hat versucht, politisch zu lernen und weiterzudenken. Das Ergebnis war nach dem Ersten Weltkrieg die Demokratie, die es bis dahin nur als Ausnahme wie in der Schweiz oder ansatzweise gab. Die ersten demokratischen Verfassungen einiger Staaten endeten allerdings nach wenigen Jahren in Diktaturen. Das Ergebnis des Denkens nach dem Zweiten Weltkrieg war die Europäische Union. Sie sollte die nationalen Grenzen überwinden, die Völker zusammenbringen, durch Zusammenarbeit Wohlstand vermehren und dauerhaften Frieden gewährleisten. Dies ist über Jahrzehnte weitgehend gelungen und war ein Gewinn für alle beteiligten Länder.
Währenddessen hat der in Deutschland und Russland entwickelte Kommunismus die Gleichheit der Menschen über staatliche Grenzen hinweg obenangestellt. Er wollte den Internationalismus. Die Menschen, die in den meisten Ländern Osteuropas und anderswo den Kommunismus unterstützten, waren zumeist darin einig, dass nationale Politik durch internationales Zusammenwirken zu ersetzen war.
Nach dem Ende des Kommunismus um 1990 hat in Europa und darüber hinaus der Nationalismus wieder um sich gegriffen und bestimmt seither verbunden mit dem Kapitalismus in vielen Ländern zunehmend die Politik. Ursachen sind immer schnellere und intensivere Veränderungen in der globalisierten Welt, von denen viele Menschen sich getrieben und verunsichert fühlen. Über den so genannten Fortschritt und die täglich neuen Modernisierungen können sie ebenso wenig entscheiden wie über die Lösung sozialer und politischer Probleme. Hinzu kommen Wohlstandsüberdruss und gesellschaftliche Sinnkrisen. In der Folge wird versucht, eine vermeintlich heile Welt der Vergangenheit wiederherzustellen. Dabei werden als störend empfundene Menschen und Verhaltensweisen ausgeschlossen und von autoritären Führungspersonen wird erwartet, dass sie für Ordnung und gemeinsame Gefühle von Macht und Stärke sorgen. Reale allgemeine Probleme und Krisen werden so eher verschärft als bewältigt. Etwas anderes ist es, sinnvolle Werte im Denken und Handeln zu bewahren.
In den Balkankriegen der 1990er-Jahre wirkte der neue Nationalismus sich bereits mörderisch aus. Massaker an missliebigen Volksgruppen oder Vertreibungen wurden dort als „ethnische Säuberungen“ bezeichnet. Nationalistische Politik läuft auf zerstörerische Trennungen hinaus und vergisst die Möglichkeiten schöpferischen Miteinanders. Dies zeigt sich auch in den europäischen Staaten, die sich von den USA und der NATO gegen Russland aufrüsten liessen. Im Fall der Ukraine hat solche Politik wieder einen Krieg in Kauf genommen.
Zuvor hat die EU als Ganzes einen nationalistischen Kurs eingeschlagen, indem sie die Aussengrenzen für Geflüchtete sperrte und eine eigene Militärmacht aufbaute. Großbritannien trat aufgrund nationalistischer Emotionen aus der EU aus. In Katalonien prallen eigener und spanischer Nationalismus aufeinander.
Berechtigt sind Selbstbestimmung und Eigenständigkeit. Regionen von Staaten müssen unabhängig werden können. Demokratisch und friedlich, am besten im Konsens: Eine Volksabstimmung unter internationaler Aufsicht in der betreffenden Region muss zunächst den Wunsch ausdrücken, dann verhandeln der Staat und die Region über Einzelheiten und danach muss eine weitere Abstimmung die Selbstständigkeit bestätigen. Die internationale Gemeinschaft, zu der ein Land gehört, etwa die EU oder die UNO, hat darüber zu wachen, dass für alle und überall die Menschenrechte gleichermassen gelten. Auch in der staatlichen Unabhängigkeit ist es zudem von allgemeinem Interesse, dass die Grenzen offen sind, dass die Menschen verschiedener Zugehörigkeit sich miteinander verständigen – dass Zusammenarbeit und Austausch allen Vorteile bringen.
Matthias Kunstmann / maximil
Foto: Gabi Schoenemann / pixelio.de
[Dazu:
Wirksamer Einsatz für Demokratie und Menschenrechte
Die Menschenwürde gilt für alle
Gespräch über Grenzen
Beim Erinnnern wird es klar]

Themen: Allgemein · Kultur · Politik
24. Mai 2022
In den letzten Jahren war auffällig, dass viele Menschen, im privaten Umkreis und in der Öffentlichkeit, ihre Meinung geändert haben. Auf einmal hatten sie ganz andere Standpunkte als zuvor und waren kaum wiederzuerkennen. Der Wechsel erfolgte meistens nicht aus Vernunft, vielmehr aus Gefühlen, ausgelöst durch die Corona-Krise und dann den Ukraine-Krieg. Schon seit einiger Zeit wurde eine tiefere Ursache für solche krassen Persönlichkeitsveränderungen bemerkbar. Ein Verlust – etwas, das lange für wichtig gehalten worden war, ist grossenteils verschwunden: Werte.
Es gibt Werte, von denen weiter gesprochen wird, auch mehr als früher: Temperaturwerte, Aktienwerte, Umfragewerte … Bei zunehmender Geldentwertung investiert in Wertanlagen wie Fonds, Immobilien oder Kunst, wer es sich leisten kann. Damit die Menschheit ihre immer drängenderen Probleme bewältigt, braucht sie aber nicht materielle Sicherungen, sondern geistige Werte, die ihr Halt geben und die Richtung sowie die Mittel zeigen.
Diese Werte gehen aus den Regeln hervor, die jede Gemeinschaft oder Gesellschaft für ihr Überleben benötigt. Rücksicht und gegenseitiger Respekt sind grundlegend. Üblicherweise, so war es in der Geschichte, werden die Werte und Verhaltensweisen bewusst, über sie wird gesprochen, sie werden weitergedacht und ausgestaltet. So helfen sie den Einzelnen und der Gesamtheit, gut zu leben. Werte bilden Persönlichkeiten und Kulturen.
In der Debatte um die „politische Korrektheit“ ist das Verschwinden der Werte deutlich geworden. Die Hinweise für ein „korrektes“, besseres zwischenmenschliches Verhalten sind grundsätzlich berechtigt. Ob sie jeweils sinnvoll sind, kann diskutiert werden, viele Äusserungen auch von Prominenten dazu waren jedoch respektlos und diskriminierend. Leute, die früher fortschrittlich dachten und das Anliegen mitvertraten, wollten davon nichts mehr wissen.
Inzwischen haben Eliten, die einmal Werte hochgehalten hatten, den Worten den Sinn genommen und ihn ins Gegenteil verkehrt, um damit propagandistisch Macht zu gewinnen. Vorsicht! Deshalb wird hier richtiggestellt:
Frieden ist nicht Aufrüstung und nicht militärische Sicherheitspolitik, ihm dienen nicht Truppenstützpunkte, Raketenstellungen und Manöver an der Grenze eines Nachbarlandes, er wird nicht erreicht mit angeblichen Verteidigungsbündnissen zwischen einer Grossmacht und anderen Staaten oder mit Waffenlieferungen, er verträgt keine Feindbilder.
Frieden ist respektvolles Gespräch, bemüht sich um Verständnis, bewährt sich in Austausch und Handel miteinander, verwendet zur Bearbeitung von Konflikten hochentwickelte zivile Kompetenzen und Methoden, pflegt die Zusammenarbeit.
> Ziviler Friedensdienst
Solidarität macht nicht Druck zur Anpassung oder Gleichschaltung, ist nicht Zwang zum Verlust von Grundrechten (wie bei der Impfpflicht), setzt nicht Interessen von Herrschenden durch, verfolgt nicht sinnlose Ziele.
Solidarität ist freiwillig und für alle Beteiligten nützlich, vertritt gemeinsame Interessen, wirkt sich in gegenseitiger Hilfe und Unterstützung aus, respektiert Unterschiede und andere Ansichten, trifft Entscheidungen mit allen.
Freiheit beweist sich nicht in Vorteilen von Mächtigen und Reichen, geht nicht zulasten anderer, wird nicht für Unterordnung aufgegeben, steht staatlichen oder wirtschaftlichen Kontroll- und Sicherheitsstrukturen entgegen, ist nicht verantwortungslos.
Freiheit ist für alle da, verhält sich tolerant, sucht die Gemeinsamkeit, bringt Mut auf, zeigt sich schöpferisch, teilt das Erreichte mit.
Demokratie vollzieht sich nicht in seltenen Wahlen, nach denen Parteien und Lobbys tun, was sie wollen, sie bedeutet nicht Ohnmacht von Bürgerinnen und Bürgern, lässt kein Versagen der Politik vor angeblichen Sachzwängen zu, versäumt nicht zeitgemässe Reformen ihrer selbst.
Demokratie beteiligt alle, berät über alle Probleme in geeigneter Form, lässt bei Bedarf alle über konkrete Angelegenheiten mitentscheiden, ermöglicht neue Lösungen, motiviert für gemeinsame Aufgaben.
Gerechtigkeit heisst nicht, dass sie nur durch Leistung zu bekommen ist, sie duldet nicht immer grössere Unterschiede zwischen Armen und Reichen, sie ist nicht vorhanden, wenn Arbeit für Menschen weniger wert ist als Arbeit für Waren.
Gerechtigkeit ist Ausgleich von Nachteilen, lässt niemanden zurück, schafft gleiche Chancen für alle, bringt Menschen zusammen, fördert den Einsatz für die Gemeinschaft.
Wahrheit ist oft nicht das, was die Mehrheit sagt oder die grossen Medien verkünden oder politisch Aktive behaupten, und auch nicht unbedingt das, was die Wissenschaft darstellt, Wahrheit ist nicht ideologisch oder dogmatisch und schon gar nicht fanatisch.
Wahrheit erweist sich durch Kritik und Selbstkritik, sie wird oft nur oder zuerst von Einzelnen und kleinen Gruppen erkannt, kann auch persönlich und subjektiv bleiben, kann sich ändern und gibt immer wieder Anlass zu friedlichen Gesprächen.
Verantwortung besteht nicht darin, Macht auszuüben, sich auf Zwänge zu berufen oder andere verantwortlich zu machen, sie heisst nicht, sich nur zu ärgern, und auch nicht, allein zurechtkommen zu müssen, sie wird nicht von denjenigen wahrgenommen, die nicht aus der Vergangenheit lernen, und nicht von denjenigen, die nicht auf die Auswirkungen ihres Handeln achten.
Verantwortung beweist sich darin, Macht abzugeben und möglichst viele an Entscheidungen zu beteiligen, sie bedeutet, sich einzusetzen, und wird auch für andere getragen, und sie wird wahrgenommen durch sozial, ökologisch und kulturell nachhaltiges Handeln.
Matthias Kunstmann / maximil
Erste Kommentare …:
„Wenn du Frieden willst, bereite den Frieden vor; wer Krieg vorbereitet, wird Krieg bekommen.“
Franz Alt
„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker.“
Ernesto Cardenal
„Erziehung zur Wahrheit heisst, die Fähigkeit zu vermitteln, selbst nach dem suchen zu können, was ich persönlich als wahr empfinde, und mir keine angebliche Wahrheit vorschreiben zu lassen und andererseits dem Mitmenschen nicht meine Wahrheit aufzwingen zu wollen.“
Hans A. Pestalozzi
„Sorgt doch, dass ihr, die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt!“
Bertolt Brecht
> „Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum“: Offener Brief an den deutschen Bundeskanzler, 29.4.2022
[Dazu:
Wirksamer Einsatz für Demokratie und Menschenrechte
Was ist das Freisein wert?
Neues demokratisches Glück
Zahlengläubig
Wozu Wissenschaft nützt]

Themen: Allgemein · Kultur · Politik
23. März 2022
Viel hilft viel, wird gesagt. Viel Hilfe brauchen die Menschen, die aus Syrien, dem Jemen, der Ukraine fliehen, aus kriegszerstörten Häusern. Wenn eine friedliche Politik den Krieg verhindert hätte – rechtzeitig –, wäre keine Hilfe nötig. Stattdessen werden viele Waffen in die Ukraine geliefert, sodass der Krieg länger geht, mehr Menschen sterben, mehr Häuser zerstört werden und viel mehr Überlebende fliehen. Viel hilft viel?
Das Falsche hilft nicht. Auf Qualität kommt es an.
Bei den Lebensmitteln: Zu viel macht übergewichtig, das Richtige macht gesund.

Der übliche Fortschritt ist aber, dass immer mehr produziert wird, mehr Rohstoffe verschwendet werden, mehr grünes Land betoniert wird, mehr Müll verteilt wird, mehr Geld aufgehäuft wird – besinnungslos. Viel zerstört viel.
Grösse kann beeindrucken, jedoch ist sie meistens nur ein Effekt. Bekannt ist das von den digitalen Maschinen: Was früher grosse Kästen leisteten, übertrifft längst ein Teil so klein wie eine Münze.
Gegen Armut und Hunger in vielen Ländern sind grosse Industriebetriebe und Landwirtschaft mit riesigen Plantagen kontraproduktiv. Überschaubare Werkstätten und Ackerbau von Familien oder Genossenschaften geben dagegen den Menschen das, was sie brauchen, neben Lebensmitteln und Wohlstand auch Eigenständigkeit, nachhaltiges Wissen und Zufriedenheit.
Wer sich mit homöopathischen Mitteln wohlbefindet, hat es im Gefühl, dass nicht die grosse Menge heilsam ist – der richtige Stoff wirkt in minimaler Verdünnung, konzentriert. Die angeblich „evidenzbasierte“ Medizin ignoriert das. Jedoch ist bei jedem Medikament die Dosis entscheidend. Das wusste schon der Arzt und Naturforscher Paracelsus vor Hunderten Jahren. Die Menge muss stimmen – zu viel ist Gift. Nebenwirkungen von Arzneimitteln durch unzutreffende Auswahl, zu hohen Verbrauch, Kombinationsfolgen schädigen in Deutschland jedes Jahr wahrscheinlich eine halbe Million Menschen, davon Zehntausende tödlich.
Die Heilkundigen der Osteopathie brauchen einen Menschen nur leicht zu berühren und die Schmerzen sind gelindert.
Um einen Vorschlag abzulehnen, wird oft gesagt, er sei nur ein Placebo. Dabei ist nicht verstanden, dass Placebos, also Mittel ohne bestimmte Inhaltsstoffe, medizinisch wirksam sind. Obwohl das nachgewiesen ist, will das eingeschränkte naturwissenschaftliche Denken es nicht anerkennen. Die Psychosomatik, die Wissenschaft von der körperlich-seelischen Einheit und ihren Zusammenhängen, wird nicht so ernst genommen, wie es hilfreich wäre.
Matthias Kunstmann / maximil
Foto: Elina Mark, Lizenz: CC BY-SA 3.0
[Dazu:
Zahlengläubig]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
5. Januar 2022
»Vielleicht ist das der Unterschied zwischen dem Wissenschaftler und dem Journalisten. Ich frage mich weniger, welche Zukunft man hat oder erduldet. Ich frage mich, welche Zukunft wir haben wollen und wie wir darauf hinleben und hinarbeiten. Dafür bin ich Journalist. Und wenn ich nicht Hoffnung hätte, könnte ich nicht mehr schreiben.«
Heribert Prantl
2021/2022
[Dazu:
Wozu Wissenschaft nützt
Die Menschenwürde gilt für alle]
Themen: Allgemein · Kultur · Politik
22. November 2021
Ist Freisein gut? Oder gefährlich? Wie fühlt sich das an?
Freihaben ist meistens angenehm: selbst über die freie Zeit verfügen können, ich kann entscheiden, was ich tue oder lasse, habe keinen Stress - oder doch Freizeitstress, mit der Familie, Nachbarn, mit selbst gesetzten Terminen …
Unfrei sein wollen wir jedenfalls nicht, nicht festgehalten werden, nicht gehorchen müssen, schon gar nicht gefangen sein. Aber - manchmal ist es bequem, nicht entscheiden zu müssen, nicht planen und etwas verantworten, sondern einfach mitmachen können …
Freiheit war ein grosses Versprechen: keiner Herrschaft mehr unterworfen sein, keinen Zwang erdulden müssen, keine Schikanen erleiden - die eigene Meinung sagen dürfen, über sich selbst bestimmen, für sich und andere etwas unternehmen und Ideen verwirklichen. Dafür wurden Revolutionen gemacht. Daraus sind die Menschenrechte entstanden. Diese Rechte sind allerdings bisher nur zum Teil in Kraft und sie sind nicht selbstverständlich.

Freiheit ist eine Aufgabe, also nicht so einfach. Sie erfordert eigenständiges Denken, bewussten Einsatz und eine Verständigung mit den Mitmenschen, die ebenso frei sind. Jeder und jede ist verantwortlich für Worte und Handlungen. Der Aufwand lohnt sich immer wieder für alle.
Aber inzwischen sieht es so aus, als wollten viele nicht mehr frei sein. Sie wünschen Massnahmen, Einschränkungen, eine durchgreifende Politik. So wurden Abstände zwischen Menschen vorgeschrieben, Kontakte untersagt, Versammlungen und Veranstaltungen verboten. Es kam zu Ausgangssperren, Maskenpflicht, Schliessungen von Schulen und Unternehmen. Der deutsche Bundestag hat sogar zeitweilig sein demokratisches Recht abgegeben. Bis dahin war dergleichen nur aus Diktaturen bekannt. Dabei wird jetzt besonders die Minderheit unter Druck gesetzt, die ihre Menschenrechte bewahren will. Was geschieht hier?
Gesundheit und Leben sind bedroht. Das ist nichts Neues, infolge gewisser Ursachen hat sich jedoch das Schutzinteresse auf ein Virus fokussiert. Zu diesen Ursachen gehört: Die Krankenhäuser wurden seit Jahren teils zusammengespart, teils als Profitunternehmen organisiert. Arbeitsbedingungen in sozialen und pflegerischen Berufen sind unzumutbar geworden. Die Politik hat für eine Pandemie nicht vorgesorgt. Viele Menschen sind durch technische Schadstoffe in der Atemluft, im Trinkwasser und in Lebensmitteln anfällig für folgenschwere Infektionen. Die globalisierte Mobilität verbreitet Erreger in kürzester Zeit. Corona steht für eine Reihe von Menschen erzeugter und nicht gelöster Probleme. Dem gegenüber zeigt sich ein gesteigertes Bedürfnis der Sicherheit.
Angst macht unfrei. Richtig wäre, die Probleme vernünftig anzugehen, statt Möglichkeiten des freien Lebens zu beseitigen. Wir sind so frei, Krisen zu bewältigen!
Infrage gestellt ist die persönliche Freiheit schon genug. Der eigenen steht nicht nur die der anderen entgegen, Freiheit wird auch mehr oder weniger von den Regeln beschränkt, die zum Wohl der Gemeinschaft gelten. Gesellschaftliche Normen bedeuten, dass wir entweder uns anpassen oder grössere Nachteile riskieren, etwa beim Verhalten in der Schule und im Beruf. Das gängige Nutzen- und Effizienzdenken vereinheitlicht zwangsläufig individuelle Denkweisen und Tätigkeiten. Darüber hinaus versuchen Einzelne und Gruppen, ihre Freiheit zulasten von anderen auszudehnen. Macht aufgrund von Kapital, Position, Wissen, Medien oder nur aus Gewohnheit missachtet die Freiheit vieler. Gegen diese Übergriffe und auch gegen vermeintliche Sachzwänge lassen sich Mittel finden.
Mehr wirksame Mitbestimmungsrechte werden gebraucht. Und Gespräche gerade zwischen Menschen, die verschieden denken. Das Ziel sollte dabei nicht unbedingt sein, die anderen zu überzeugen, sondern zu Ergebnissen zu kommen, mit denen alle Beteiligten gut leben können.
Der Wohlstand Europas scheint manche gegen die Freiheiten gleichgültig zu machen. Es gibt doch immer mehr Auswahl zwischen Produkten und Unterhaltungsangeboten … Genügt das? Reich wird das Leben erst durch freie menschliche Begegnungen, in freien, verantwortlichen Beziehungen mit anderen und der Umwelt und aus freien Betätigungen mit Sinn.
Matthias Kunstmann / maximil
Foto: johnnyb/pixelio.de
Zum Weiterdenken:
»Freiheit ist immer Freiheit der anders Denkenden.«
Rosa Luxemburg
»Es geht uns mit der Freiheit wie mit der Gesundheit: Erst wenn man sie nicht mehr hat, weiss man, was man an ihr hatte.«
Werner Finck
»Das Freisein von etwas erfährt seine Erfüllung erst in dem Freisein für etwas.«
Dietrich Bonhoeffer
»So wie die Freiheit eine Voraussetzung für die Demokratie ist, so schafft mehr Demokratie erst den Raum, in dem Freiheit praktiziert werden kann.«
Willy Brandt
»Freiheit im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet (…) mehr, als ohne Rückhalt zu sagen, was ich denke. Freiheit bedeutet auch, dass ich den anderen sehe, mich in seine Lage hineinzuversetzen, in seine Erfahrungen hineinzufühlen und in seine Seele hineinzuschauen vermag und imstande bin, durch einfühlsames Begreifen von alledem meine Freiheit auszuweiten. Denn was ist das gegenseitige Verständnis anderes als die Ausweitung der Freiheit und die Vertiefung der Wahrheit?«
Václav Havel
[Dazu:
Erkenntnisse aus der Corona-Krise
Stabile Wirtschaft, ruhige Arbeit, angenehmes Leben
Alle gewinnen mit Empathie]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik