30. Juni 2016
Wenn ein Land seine Grenze deutlich machen will wie Großbritannien in der Volksabstimmung über die Zugehörigkeit zu Europa, lässt sich das verstehen. In diesem Fall liegt die Trennlinie nach wie vor im Wasser und verschwimmt – was sich ändern soll, ist noch nicht entschieden. Aber Grenzen haben immer zwei Seiten, und sie sind wichtig.
Andere Lebewesen kennen ihre Grenzen besser als Menschen. Die neigen dazu, persönlich, politisch, ökonomisch zu missachten, was sie als Hindernis oder Beschränkung empfinden, und richten damit Schaden an, bei sich selbst und der Mitwelt. Für Kinder ist es natürlich, von Grenzen erst einmal nichts zu wissen, und die Erwachsenen haben die Aufgabe, sie ihnen zu erklären. Manche der Älteren gehen in der Arbeit über Leistungsgrenzen und brauchen dann Therapie. Im Sozialen und Zwischenmenschlichen ist Grenzüberschreitung ein Fehlverhalten.
Grenzen sprengen ist gewalttätig und Grenzen verschieben oder erweitern kann, wenn es nicht einvernehmlich geschieht, Betrug sein. In der Geschichte haben Länder ihre Grenzen durch Eroberung, Besetzung und Kolonisierung erweitert, auf Kosten der Besiegten und mit dramatischen Konsequenzen bis heute. Für die Wirtschaft haben Fachleute schon lang „Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt, und nachdem die roten Linien inzwischen überschritten sind, hat die Menschheit unter anderem unwiderruflich mit den Folgen des Klimawandels zu tun.
Ohne Grenzen gibt es keine Identität. Deshalb gelten sie selbstverständlich oder werden nach Bedürfnissen und Möglichkeiten definiert: Hier ist mein Eigenes oder das sind unsere Besonderheiten, und jenseits sind die Rechte der Anderen. Die europäische Kultur will die individuelle Persönlichkeit entwickeln, aber sie hat auch die expansive kapitalistische Wirtschaft erfunden, die weltweit das Besondere gleich macht und Lebensweisen vereinheitlicht. Das fordert dazu heraus, auf die eigenen Werte zu achten.
Die grossen Wirtschaftsunternehmen akzeptieren keine Grenzen. Dies zeigt sich in der Geschichte der Europäischen Union: Sie begann als „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“, und die Grenzen zwischen den Ländern wurden zuerst für das Kapital und den Warenverkehr aufgehoben und danach für die Menschen. Der Wettbewerb hat sich seither verschärft, regionale Unternehmen vernichtet und zu härteren Arbeitsbedingungen geführt. Konzerne und Regierungen vereinbaren darüber hinaus unter Ausschluss der Öffentlichkeit internationale Freihandelsabkommen mit weitreichenden Auswirkungen auf das Leben.
Das Gute der Union war, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden zwischen den europäischen Völkern gebracht hat – allerdings haben ihre Mitglieder später verstärkt Kriege ausserhalb betrieben, und gerade die alte Kolonialmacht Großbritannien stand mit Militäraktionen gegen Argentinien oder im Irak wiederholt an vorderster Front. Angesichts der Flüchtlinge, die auch wegen solcher Konflikte kommen, macht Europa seine Aussengrenzen zur Abwehr von Menschen dicht. Mauern und Zäune, die ausgrenzen, sind asozial, und als Zeichen von Feindschaft lösen sie Probleme nicht.
Die politischen Bewegungen, die sich in Europa für selbstbestimmtes Leben einsetzen, riskieren, dass die Wirtschaft weniger wächst oder zurückgeht. Damit zeigen die Beteiligten, was ihnen vorrangig ist. Vielen ist das offenbar gar nicht bewusst. Sie bekämpfen die Anderen, speziell die Fremden, statt das Eigene und die Gemeinschaft zu gestalten. Gespräche und Diskussionen, privat und organisiert im öffentlichen Raum, in den Ländern und über Grenzen hinweg, sollten das zu klären helfen. Und dann muss möglich sein, dass alle demokratisch entscheiden, wie sie leben wollen, für sich und zusammen.
maximil
[Dazu:
Fällige Kritik des Wachstumsdenkens
Wirtschaft ist nicht alles]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
28. Januar 2016
Als die ersten Filme mit Ton gedreht wurden, um das Jahr 1928, bekamen die bisher stummen Schauspieler und Darstellerinnen auf einmal eine Stimme. Das Publikum war oft überrascht. Viele im Kino hatten sich bei der früheren Pantomime derer, die sie kannten, andere Stimmen vorgestellt. Für manche der Schauspielenden wurde es schwierig, auch sprachlich zu überzeugen. Einige gewannen mit ihrer Stimme mehr Ausdruckskraft, Charme oder Faszination. Wenn die Filme allerdings seither in weiteren Sprachen gezeigt und dafür synchronisiert werden, können die Produktionsfirmen die vermeintlich passenden Stimmen wählen.
Bei der Aufnahme der alten, analogen Filme wurden die Stimmen, Geräusche und Musik ähnlich wie die Bilder fotografiert: Zunächst in elektrische Schwingungen umgewandelt, veränderten sie in der Tonkamera das Licht einer Lampe, das dann eine Zackenschrift auf den Filmstreifen zeichnete. Die Stimme wurde sichtbar. Das war das Lichtton-Verfahren.
Der Tonfilm konnte das Bild und die Stimme eines Menschen wieder zusammenfügen. Wie stumme Bilder schon seit Jahrtausenden Portraits von Persönlichkeiten über Entfernungen und Zeiten weitergeben, übertragen neuere Kommunikationsmittel umgekehrt unsichtbare, körperlose Stimmen: das Telefon, die Schallplatte, das Radio. Diese Stimmen regen noch mehr zu Vermutungen über die Personen an, die damit Zeichen geben, und öffnen weite Räume der Fantasie.

Roberto Benigni als Ivo Salvini in dem Film “La voce della Luna - Die Stimme des Mondes” von Federico Fellini, 1990: “Ihr habt es auch gehört - sie rufen mich, sie haben mich gerufen …”
Wer die eigene Stimme von einem Gerät aufzeichnen lässt und sie dann hört, empfindet sie erst als fremd. Der akustische Spiegel macht besonders deutlich, dass wir uns anders wahrnehmen, als wir auf unsere Mitmenschen wirken. Aus dieser Erkenntnis kann folgen, sich selbst aufmerksam und kritisch zu betrachten, anschliessend bewusster zu handeln und zu sprechen, insgesamt mit Gespräch und Empathie das Selbstbild und das Bild, das den anderen geboten wird, übereinstimmender zu gestalten.
Die Art des Sprechens ist wichtig dafür, wie jemand verstanden wird, welcher Eindruck vom Charakter und wie viel spontane Sympathie entstehen, wie weit Ziele zu erreichen sind. Deshalb ist es ratsam, die Stimme zu üben. Sie kann angespannt klingen oder locker, rau oder weich, zu hoch oder zu tief, zu laut oder zu leise, gehetzt oder träge, hell oder dunkel, nuschelig oder deutlich, brüchig oder fest, schneidend oder einschmeichelnd, tonlos oder klangvoll, monoton oder melodisch. In der Stimme kommen Emotionen zum Ausdruck, bis hin zum Lachen und Weinen.
Mit genau artikulierten Lauten, gezielt betonten Worten, geeigneten Pausen und Rhythmen wird das Sprechen zur Rede, zum Argument und zur Mitteilung. Vorausgesetzt sind Gedanken, die in treffende Aussagen geformt sind, mit der richtigen Wortwahl, klaren Sätzen und Aufmerksamkeit für das zuhörende Gegenüber. Manche hören sich gern reden und merken nicht, dass sie nerven … Eine angenehme Stimme, achtsames Sprechen und soziales Reden werden am besten schon im Kindesalter entwickelt.
Der Atem trägt die Stimme. Er bringt dem Organismus die Luft zum Leben, das ihn mit Lauten, Gesang, Botschaften wieder aussendet. Für gutes Sprechen und Singen setzt die Stimmbildung beim Atmen an.
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Der geschriebene Text liegt ruhig da. Manchmal flimmert er auf dem weissen Grund. Wie mit dem Finger in den Sand gezeichnet. Wind kommt auf … Atem. Behauche die Schrift, damit sie hält. Lies sie vor, solange sie da ist. Durch die Stimme wird daraus deine Geschichte. Du gibst sie wieder, vernehmlich, klangvoll. Schall und Rauch? Die gesprochenen Worte scheinen dahinzugehen und zu verschwinden. Diffuse Energie, Welle auf dem Ozean. Aber durch sie bist du gewachsen. Jemand hört zu und ist bewegt.
Claire Destinée
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Klangreiche, intensive oder dramatische Texte, gleich ob mündlich oder schriftlich übermittelt, verführen dazu, sie selbst zu sprechen, im Fall von Liedern zu singen, sie sich zu eigen zu machen und dabei die eigene Stimme zu fördern. Das geht beim Weitererzählen von Geschichten so, beim Lautlesen sprachstarker Passagen, beim Vorlesen und Rezitieren. Im Nachsprechen und Wiederholen religiöser Worte, Formeln und Texte können Menschen ihr Empfinden der Welt und des Daseins verändern, vertiefen oder steigern.
Die Stimme der Götter ist immer wieder durch Propheten, Heilige und Prediger hörbar geworden. Dabei entsprang das, was verkündet wurde, oft einem beschränkten menschlichen Verstand, und geistliche Führer sprachen wie weltliche Herren in eigenem Interesse. Die fernübertragene Stimme, die technisch möglich geworden ist und eine breite Öffentlichkeit erreichen kann, hatte anfangs etwas Magisches, und Mächtige konnten durch sie wie Götter wirken. Moderne Diktatoren nutzten Rundfunk und Lautsprecher für totale Macht: Die deutschen Nationalsozialisten brauchten für ihre Reden bei Massenveranstaltungen auf weiten Plätzen und in grossen Hallen die Beschallungsanlagen, um bis in die hintersten Reihen zu dringen und noch die Letzten anzusprechen, und sie verwendeten die “Volksempfänger”, um mit ihrer Propaganda auch in den Wohnungen präsent zu sein, wo die ganze Familie zuhörte.
In der Demokratie, wie sie danach neu entstand, kommt das Volk zu Wort, die Bürgerinnen und Bürger haben die Meinungsfreiheit und das Stimmrecht. Aber ihre Wahlstimme ist wenig aussagekräftig. Beim Wahlakt nennt sie meistens nur einen Parteinamen, gelegentlich noch Namen von Personen. Davor und danach ist sie für Jahre stumm, ohne an politischen Entscheidungen mitwirken zu können.
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Demokratische Resonanz bedeutet, dass die eigene Stimme im politischen Konzert zur Geltung gebracht werden kann, dass sie sich mit den anderen Stimmen vereinigt und dass sie auf einen Widerhall stößt, der oft genug auch ein scharfer Widerspruch sein kann, dass sie Folgen hat. Die Politikverdrossenheit, welche die Menschen auf die Straße oder auch zur AfD treibt, hat ihre Wurzel darin, dass die Bürger den Eindruck haben, ihre Stimme bleibe ungehört, sie finde keine Resonanz. (…) Die Stimme des Bürgers wird in der Wahlkabine „abgegeben“ und scheint dann verloren. Anders als in der etwa von Jürgen Habermas konzipierten Sphäre der Öffentlichkeit, in der sie sich als Stimme der Vernunft hörbar macht, oder in der politisierten Kultur der Nach-1968er-Jahre, als sie sich im Protestlied der Rebellierenden und in der Rockmusik wirkmächtig und fühlbar zu artikulieren verstand, wird die Stimme des Bürgers in der spätmodernen Welt vornehmlich in zwei Formen vernehmbar, die schon Entfremdung signalisieren: im Protestschrei der Wutbürger, der Widerhall sucht und dabei Repulsion, feindliche Ablehnung, zum Ausdruck bringt, und im medial erzeugten und verbreiteten (zynischen) Gelächter, das die diesseits und jenseits des Atlantiks so ungemein erfolgreichen politischen Comedy-Shows wie die „Heute-Show“ oder „Die Anstalt“ erzeugen und verbreiten. Der spätmoderne Bürger lacht aus Verzweiflung über eine Politik, die ihr nicht mehr antwortet, die ihr nichts zu sagen hat. (…) Das schließt indessen nicht aus, dass der in allen genannten Bewegungen hörbare Schrei nach Antwort den Beginn eines neuen politischen Zeitalters markieren könnte, das sich aufmacht, in der spätmodernen Welt angemessene Resonanzinstitutionen zu suchen und zu finden.
Hartmut Rosa, “Fremd im eigenen Land?”, Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.4.2015
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Dass Meinungen in verschiedener Form geäussert werden, ist zwar bedeutsam für die Diskussion und die Suche nach Lösungen, jedoch nehmen die Regierenden davon derzeit nur das auf, was ihnen zusagt. Die Stimme der Menschen in den Angelegenheiten der Gesellschaft wird erst dann vollwertig, wenn es bei allen wichtigen Themen regelmässige Beteiligung und gültige Abstimmungen gibt.
Matthias Kunstmann / maximil
> Phonorama - Ausstellung zum Medium Stimme, Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe 2004/2005
> Andra Joeckle, “O Stimmcoach, hilf! Ein vokaler Selbstversuch”, Deutschlandradio Kultur 21.11.2015
[Dazu:
Demokratie und was dran ist
Alle gewinnen mit Empathie]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
22. November 2015
Ungelöste Konflikte? Mangelnde Zusammenarbeit? Misslungene Kommunikation? Vieles ginge besser mit Empathie: wenn Beteiligte sich in ihr Gegenüber hineindenken.
Es ist schon eine lebenslange Aufgabe, sich selbst zu verstehen. Die alte griechische Religion hat den Ratsuchenden am Apollo-Tempel in Delphi und in der Folge der europäischen Kultur empfohlen: Erkenne dich selbst! Zumindest in einzelnen Situationen die eigenen Interessen, Motive und Gründe einigermassen deutlich zu sehen, hilft beim Umgang mit anderen Menschen sehr. Damit wird es leichter, sich verständlich zu machen. Und wenn ähnliche Eigenschaften auch beim Gegenüber zu finden sind, ist es ebenfalls leichter zu verstehen. Beide Seiten können einander näherkommen.
Empathie heisst: Ich kann einen Mitmenschen verstehen, seine Gefühle wahrnehmen, mich in ihn oder sie hineinversetzen. Das geht manchmal spontan, manchmal ist es äusserst schwierig. Dennoch versuche ich es, gerade wenn ich zunächst wenig Gemeinsames sehe. Eine Aussage oder Handlung kann sehr verschieden gemeint sein. Ich bedenke die Umstände, den Hintergrund, den Kontext, frage möglicherweise gezielt nach. Dabei will ich mir mein Bild der oder des anderen nicht wie ein Vorurteil bestätigen lassen, sondern vorsichtig herausfinden, was tatsächlich stimmt. Dann kann ich angemessen reagieren, und es zeigt sich am ehesten, wo wir uns einigen können.
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Ruinen des Apollo-Tempels und des Theaters in Delphi, Griechenland - Foto: F. Harbin, Wikimedia Commons, Lizenz CC-BY-3.0
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In einem Konfliktgespräch wird oft aneinander vorbeigeredet, die Fronten verhärten sich, oder der Streit eskaliert. Um die Chancen für ein Ergebnis zu erhöhen, ist es nützlich, die Argumente der anderen Seite fragend und überprüfend in eigenen Worten wiederzugeben: „Willst du damit sagen, …?“, „Verstehe ich Sie richtig, dass …?“, „Kommt es dir darauf an, …?“ Insbesondere kann es weiterführen, wenn nach den Gefühlen des Gegenübers gefragt wird: „Sind Sie verärgert über …?“, „Fühlst du dich benachteiligt, weil …?“, „Empfindest du als Mangel, dass …?“ Dies entspricht dem gruppendynamischen Konzept des „Kontrollierten Dialogs“.
Ohne Mitgefühl ist in Konflikten das Risiko gross, dass sie in Gewalt ausarten. Wer nur die eigenen Ansprüche, Wünsche und vermeintlichen Rechte kennt, isoliert sich sozial und ist eher bereit zum Beleidigen, Verletzen, schliesslich zu Tätlichkeiten. Immer wenn es weniger dramatisch um Zusammenarbeit geht, beispielsweise unter Kolleginnen und Kollegen, hat fehlendes Mitgefühl Missverständnisse, Störungen und Verweigerung zur Folge, Potenzial wird nicht genutzt. Umso mehr Anlass gibt es zu überlegen, wie Empathie gelernt werden kann.
Empathie ist eine natürliche Eigenschaft. Schon kleine Kinder zeigen sie, sind traurig mit anderen und lachen mit ihnen, wollen dann auch trösten, helfen, teilen. Unwillkürlich wird die Mimik eines Gegenübers nachgeahmt, und damit verbindet sich das entsprechende Gefühl. Das Zusammenleben braucht empathisches Verhalten, unter normalen Bedingungen und besonders in schwierigen Umständen, in Konflikten und Krisen. Tiefenpsychologisch gesehen haben alle Menschen Anteil am kollektiven Unbewussten, das die Gemeinschaft trägt. Während Kräfte wie die aktive Empathie Leben und Entwicklung fördern, wirken dem hemmende und zerstörende Kräfte entgegen.
Ein Kind, das von seinen Eltern oder anderen Bezugspersonen kein Mitgefühl erfährt, das vernachlässigt wird oder Hilflosigkeit erlebt, wird wahrscheinlich wenig empathisch werden. Liebe ist nicht immer mitfühlend, sie kann selbstbezogen sein, doch als kommunikative Zuwendung ist sie vor allem für Kinder das entscheidende Lebensmittel. Wenn die Eltern sie nicht geben können, sollten ihre Kinder Menschen anvertraut werden, die dazu imstande sind. Kitas mit ausreichend Fachkräften, die auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen können, bieten zudem ein Gemeinschaftsleben mit empathiefördernden Erfahrungen. Das ist auch für viele Einzelkinder wichtig. In zahlreichen Fällen wäre es für die Kinder am besten, zusammen mit den Eltern in sozialpädagogisch unterstützten Wohngemeinschaften zu leben. Denn jedem Kind steht das Recht zu, vermittelt zu bekommen, womit es eine beziehungsfähige, in vielfältigem Austausch lebende Persönlichkeit werden kann.
Vorhandene Empathie wird durch Autoritätsgläubigkeit oder Gruppenzwang eingeschränkt, manchmal sogar ausser Kraft gesetzt. Das hat das „Milgram-Experiment“ von US-Wissenschaftlern 1961, das später in Deutschland als „Abraham-Versuch“ nachvollzogen wurde, sehr deutlich gemacht. Ausgehend von Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus sollte untersucht werden, wie weit Menschen in bestimmten Situationen gegen ihr Gewissen handeln. Ein Grossteil der darüber nicht informierten Versuchspersonen löste immer stärkere Elektroschocks aus, obwohl Schmerzen und Leiden des Opfers zurückgemeldet wurden – weil der Versuchsleiter das im Namen der Wissenschaft verlangte. In einem Herrschaftsverhältnis fühlen sich die Abhängigen weniger verantwortlich. Festgestellt wurde auch: Je näher der von Gewalt betroffene Mensch ist, desto mehr wirkt beim Handelnden zumeist das Mitgefühl.
Angehörige einer Gruppe haben Sympathien für die anderen Mitglieder aufgrund gemeinsamer Einstellungen, Werte oder Interessen und handeln deshalb solidarisch, müssen aber dabei nicht verständnisvoll oder einfühlsam sein. Stattdessen können sie sich gegen Aussenstehende, „Fremde“, andere Gruppen misstrauisch bis aggressiv verhalten und Feindbilder pflegen. Geboten sind aber Toleranz und Respekt, damit es gelingt, einander zu begegnen und kennenzulernen. Vertrauen ist die Grundlage für konstruktive Beziehungen.
Mitleid ist hilfreich nach der Formel „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz“. Es sollte sich nicht unbedacht als Geste von oben herab äussern und damit vor allem dem eigenen Ego dienen. Das mögen beispielsweise Menschen mit Behinderungen nicht. Empathisch ist es, auf Bedürfnisse Benachteiligter einzugehen, wie etwa gleicher Zugang zu Räumen, Rechten und Chancen.
Identifikation mit einem anderen Menschen ist ähnlich wie Anpassung für empathisches Verhalten eher nachteilig, weil dabei der für achtsames und kritisches Wahrnehmen nötige Abstand fehlt. Anderenfalls werden mehr oder weniger bewusst wahrnehmend immer wieder die bisherige Erfahrung und die gewonnene Menschenkenntnis herangezogen.
In der modernen Gesellschaft ist Empathie schwieriger geworden. Das ist verursacht durch die sozialen Veränderungen, die herkömmliche Gemeinschaften wie Partnerschaften von Männern und Frauen, Familien, Nachbarschaften, Belegschaften von Unternehmen lockern und auflösen, wobei sich neue Gemeinschaften weniger verbindlich, flexibler und für kürzere Dauer bilden. Zugleich werden die Menschen individualistischer und entfremden sich dadurch voneinander. Hinzu kommen verstärkter Leistungsdruck und Wettbewerb, die egoistische Einstellungen und Rücksichtslosigkeit begünstigen. Jedoch wird Empathie auch zunehmend als Aufgabe gesehen. Die Sehnsucht nach echter Gemeinschaft bleibt.
Empathie verbessert die Kommunikation. Wie diese wird sie statt zum beiderseitigen Vorteil auch zu manipulativen Zwecken angewendet. Wer andere durchschaut, ihre Motivationen kennt und ihre Reaktionen vorhersieht, kann sie kontrollieren und steuern. Deshalb ist es wichtig, den privaten Bereich zu schützen.
Unternehmen und Regierungen wissen schon viel über uns, durch klassische Marktforschung, Demoskopie und inzwischen vor allem aus den Datenmengen des Internets, und sie verwerten die Informationen in ihrem Sinn. Es ist harmlos, dass die Wirtschaft mit personalisierter Werbung Umsätze steigern will. Unser Leben beeinflusst dagegen massiv, dass sogenannte Denkfabriken, also Institute zur Beratung von Wirtschaft, Politik und Medien, ganze Bevölkerungen kontinuierlich beobachten und aus der Analyse von deren Einstellungen, Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Stimmungen die geeigneten Strategien ableiten, um Macht zu sichern und demgemäss die Gesellschaft zu formen. Denn die Mächtigen haben mit ihrem Wissen über die Menschen längst die modernen Gesellschaften in effizienter Weise ungerecht, antiökologisch und demokratiefeindlich verändert. Dem müssen die Betroffenen das gesammelte Wissen über die Macht entgegensetzen, wozu besonders Transparenz des Lobbyismus und des staatlichen Handelns beiträgt.
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“Freiheit im tiefsten Sinne des Wortes bedeutet (…) mehr, als ohne Rückhalt zu sagen, was ich denke. Freiheit bedeutet auch, dass ich den anderen sehe, mich in seine Lage hineinzuversetzen, in seine Erfahrungen hineinzufühlen und in seine Seele hineinzuschauen vermag und imstande bin, durch einfühlsames Begreifen von alledem meine Freiheit auszuweiten. Denn was ist das gegenseitige Verständnis anderes als die Ausweitung der Freiheit und die Vertiefung der Wahrheit?”
Václav Havel, Staatspräsident von Tschechien und Schriftsteller, am 24.4.1997 im Deutschen Bundestag
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In einem anderen Bereich wirkt Empathie heilend: wenn Fachleute für Krankheiten und Krisen die leidenden Menschen besser verstehen als diese sich selbst. Sie hören zu, folgen ihrer Intuition, erspüren mit hoher Sensibilität die Persönlichkeit ihres Gegenübers ganzheitlich. Die entsprechenden einvernehmlichen Therapien und Beratungen werden wahrscheinlich gelingen.
Theaterspielen, auf einer Bühne oder sonst im Leben eine Rolle übernehmen, das setzt empathische Kompetenz voraus und übt sie. Je bewusster die schauspielende Person eine andere darstellt, desto deutlicher wird für sie deren Eigenart mit Unterschieden wie Ähnlichkeiten. Dass sie in einer anderen, stimmigen und glaubwürdigen Rolle die Perspektive wechselt, ist befreiend und erweitert die Möglichkeiten des Zusammenlebens.
Es geht aber auch ohne Aktion, an einem ruhigen Ort – im Meditieren lassen sich andere Menschen und das Verbundensein mit ihnen empfinden.
Matthias Kunstmann / maximil

Themen: Allgemein · Kultur · Politik
7. Oktober 2015
… bereichert die Welt mit einer ungewöhnlichen Darstellung oder einer besonderen Geschichte, lässt Erfahrungen nachvollziehen, verwertet die Möglichkeiten der Sprache in einem treffenden und auch schönen Stil – wobei es mich auf neue eigene Gedanken bringt, sodass das Lesen Folgen hat und ich mit dem Geschriebenen etwas anfangen kann.
> Drei Fragen an Lektoren und Lektorinnen mit Antworten
im Bücher-Blog buchstaebliches.de
Matthias Kunstmann / maximil
Themen: Allgemein · Kultur
21. Juli 2015
Liebe nach dem ökonomischen Prinzip wäre nicht das Wahre. So ist das bei vielem, was zum Glücklichsein wichtig ist: Es lässt sich nicht berechnen. Das rationale Denken, das in Europa entwickelt wurde und sich überall durchzusetzen versucht, will jeden Bereich des Lebens messen, in Geld bewerten und wirtschaftlich beurteilen, mit dem Risiko, schweren Schaden anzurichten. Wenn Bildung, Gesundheit oder das Soziale nur gefördert wird, um einen kurzfristigen finanziellen Nutzen zu erzielen, dann wird das Bedeutsamste missachtet. Aber das freie Denken, das menschliche Werte kennt, ist wach und wirkt der Ökonomisierung der Welt entgegen.
Achtet auf das Wertvolle, das es nicht zu kaufen gibt, ist ein guter Rat. Ein weiterer: Nehmt wahr, was ihr wirklich braucht - vielleicht eine Aufgabe, oder Zugehörigkeit, Freundschaft, Erkenntnis, Klarheit, Ruhe, Natur, Schönheit … Wer sich mit solchen Entdeckungen beschäftigt, hat weniger Bedarf an Konsum und handelt bewusster. Der materielle Luxus der Wohlstandswelt wird dann eher als hinderlich und störend empfunden. Wachstum ist dann keines mehr der Menge und Masse, sondern zum Beispiel das der Persönlichkeit oder der Gemeinschaft.
Produzieren im Übermass bis zur Sinnlosigkeit, entsprechend Verbrauchen ohne Bedacht bis zur Verschwendung sowie Reichwerden der einen auf Kosten der anderen bis zur Perversion folgen einer Ideologie, die sich in der Werbung ausdrückt. Multimediale Reklame markiert die westliche Zivilisation seit der Industrialisierung und ihrer Massenproduktion, und sie besetzt jeden verfügbaren Raum. Sie spricht Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte an, die über den praktischen Nutzen der Produkte weit hinausgehen: Lebensfreude, Anerkennung, Sicherheit, Erfüllung, Glück …, gerade das, was sich mit Geld nicht anschaffen lässt. Somit verspricht die Werbung immer wieder mehr, als die Angebote halten können. Indem Waren und Dienstleistungen als Ersatzbefriedigungen angenommen werden, wird um Marken und Objekte Kult inszeniert.
Da ist es aufklärerisch, Werbung mit Information und Gegenkampagnen (Adbusting) zu konfrontieren. Und es ist befreiend, Werbeanlagen (ausser für die ansässigen Geschäfte) von öffentlichen Plätzen zu verbannen, wie es die französische Grossstadt Grenoble vormacht. Dort hat eine neue, bürgerschaftliche und ideenreiche Mehrheit im Stadtparlament beschlossen, den Menschen und ihren Sichtweisen den Raum, das Panorama und die Gestaltungsmöglichkeiten zurückzugeben. Anstelle weltweit gleicher Werbebilder von Konzernen werden die Eigenart der Stadt, ihre Initiativen und ihre Kultur gestärkt - und damit auch die eigene Wirtschaft.
> Bitte keine Reklame! (Stadt Land Glück - BUND)
> Grenoble libère l’espace public et développe les expressions citoyennes (französisch)
maximil
[Dazu:
Geld fehlt Wert
Was tun für gutes Leben?]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
5. Mai 2015
“Was der Kapitalismus als Freiheit verkauft, erfüllt nicht die Bedingungen von Freiheit. Denn diese Freiheit gilt nicht für alle, was Voraussetzung echter Freiheit wäre. Wenn ich mir die Arbeitsbedingungen anschaue, sehe ich überall Freiheitseinschränkung und Freiheitszerstörung. Wie steht es also mit dem Freiheitsideal des Westens? Die These ist: Diese Freiheit ist nur eine Behauptung. Die westliche Ideologie setzt ein bestimmtes Prinzip, das Prinzip der Profitmaximierung, an die Stelle der Freiheit. Das ist nicht die Erfüllung von Freiheit, sondern eine Ideologie, die Ideologie des Egoismus. Sie liefert überhaupt keine Identifikationsmöglichkeit für die Menschen. Wofür soll sich denn ein junger Mensch begeistern? An welcher Idee soll sie oder er sich denn entzünden, wenn sie oder er auf den Westen schaut?”
Johannes Stüttgen / Omnibus für direkte Demokratie, in: mdmagazin 1.2015,
S. 22 f.
Themen: Allgemein · Politik
27. März 2015
Gutes denken und tun,
- damit ein Mensch zu sich stehen kann,
- damit wir miteinander zurechtkommen,
- damit wir glücklich werden können …
> Portal für Ethik und achtsames Leben
maximil
[Dazu:
Richtig leben - wie das gehen kann
Was tun für gutes Leben?]
Themen: Allgemein
10. Februar 2015
Frei sein, sagen, was wir denken, handeln, wie wir wollen - das gehört zu den Menschenrechten. Aber wir dürfen nicht alles sagen oder tun, denn unsere Freiheit endet vor den Rechten der Mitmenschen. Deshalb geht es nicht, jemanden zu beleidigen, gegen Bevölkerungsgruppen zu hetzen, religiöse oder weltanschauliche Ansichten zu beschimpfen und damit das Recht auf Menschenwürde zu verletzen. Wie eine bestimmte Meinung geäussert wird und wirkt, das ist vernünftigerweise nicht beliebig frei.
Jeden Terror gegen Meinungen wird eine rechtlich gesinnte Gesellschaft bekämpfen. Dabei ist einiges zu bedenken. Möglicherweise genügt es, so wie bei anderen Gewaltverbrechen konsequent die Gesetze anzuwenden. Die polizeilichen Mittel können auch neue Anschläge verhindern. Über dies hinaus werden viele, die sich angegriffen sehen, für freiheitliche Werte zusammenstehen.
Viele wollen sich aber nicht zugleich mit den angegriffenen Meinungen identifizieren. Dies ist auch weder nötig noch nützlich. Ebenso ist es nicht angemessen, Opfer des Terrors nachträglich zu Helden der Meinungsfreiheit zu ernennen. Damit wird in bekannten Fällen der Gewalt gegen Urheber antireligiöser Karikaturen eine falsche Front verfestigt: westliche Freiheit gegen islamische Aggression.
Diese Front ist nicht von der islamischen Welt verursacht. Vielmehr wurde sie von westlichen Medien mit aufgebaut, die ihre Meinung für überlegen halten, sich arrogant über andere Meinungen lustig machen, Zerrbilder religiöser Anschauungen zeichnen und damit andere Mitglieder der Weltgemeinschaft im In- und Ausland beleidigen, oft aus einer materialistischen Ideologie heraus. Medien, die solches verbreiten, begleiten die politischen Aggressionen mächtiger westlicher Konzerne und Staaten in vielen Gebieten der Welt, wenn es um Öl, sonstige Rohstoffe, Absatzmärkte und Kontrolle geht, seit dem Beginn des Kolonialismus bis heute.
Westlichem Terror bei militärischen Kampfeinsätzen und Drohnenangriffen fallen Menschen zum Opfer, die nicht wissen, warum. Während dergleichen eigene Taten und Wirkungen als normal gelten oder gar nicht mehr gesehen werden, wird die Schuld am Konflikt den Angehörigen anderer Kulturen angelastet, die in ihren Lebensweisen und Rechten verletzt sind und darauf auch mit Gewalt reagieren. So wird Eskalation betrieben, statt die Beziehungen anständig zu regeln. Ein Beispiel dafür ist die Politik der EU und der NATO in der Ukraine. Am schlimmsten wirkt aber seit Jahrzehnten der vom Westen gedeckte Umgang Israels mit dem palästinensischen Volk, der fortdauernd gegen die Menschenrechte, das Völkerrecht und alle Vernunft verstösst.
Es ist berechtigt und wichtig, Kritik und Satire gegen Missstände zu richten. Selbstverständlich setzen wir uns mit problematischen Meinungen, Denkweisen und Haltungen auseinander, insbesondere wenn sie Einfluss und Folgen im Zusammenleben haben. Auch über Religionen und andere Weltanschauungen muss diskutiert werden können, über Verhaltensweisen, die nicht zu den Aussagen passen, über Politik, die religiöse Anschauungen missbraucht oder ideologisch festgefahren ist. Aber die Menschenwürde ist zu achten, sie kommt sogar noch einem Verbrecher zu und erst recht denjenigen, die anderen nichts angetan haben.
Auf überzogene Kritik, Polemik oder Spott werden Betroffene, die souverän sind, nicht in gleicher Art antworten. Wenn sie nicht persönlich angesprochen sind, können sie darüber hinwegsehen. Sie können tolerant sein, auch wenn die andere Seite nicht tolerant ist. Wo Meinungen Gewalt ausdrücken oder zu Gewalttaten führen, ist Toleranz jedoch nicht mehr angebracht. Wünschenswert sind immer gute, konstruktive Argumente, Versuche, sich zu verständigen und Lösungen zu finden. Streit mag Spass machen, manche ziehen ihn mit Lust in die Länge - für alle sinnvoll ist es aber, dass Feindbilder abgehängt werden, Aufwand und Risiken eskalierender Konflikte wegfallen, Austausch zustande kommt. Nur so ist verlässliche Sicherheit zu haben. So können wir miteinander leben. Im “öffentlichen Frieden”, den unser Recht vorsieht.
Sylvie Natalicia
[Dazu:
Wirksamer Einsatz für Menschenrechte und Demokratie]

Themen: Allgemein · Kultur · Politik
28. Januar 2015
“Wegweiser
[...]
Wenn der Weg zum Recht und zur Zukunft
dunkel ist und verborgen
dann halte ich mich an das Unrecht
das liegt sichtbar mitten im Weg
und vielleicht wenn ich noch da bin
nach meinem Kampf mit dem Unrecht
werde ich dann ein Stück
vom Weg zum Recht erkennen”
Erich Fried, Gesammelte Werke, Gedichte Band 2, Berlin 1993, S. 68
Themen: Allgemein · Kultur · Politik
24. November 2014
Menschen leiden unter ihrem Seelenzustand.
Wenn er wechselt, wird die Stimmung wieder besser.
Wenn er übermässig schmerzt, ist der Mensch psychisch krank.
Sobald die Krankheit das Zusammenleben mit anderen Menschen stört, schmerzt sie mehr.
In vielen Fällen ist die Seele belastet, weil zwischen Menschen etwas nicht stimmt.
Die sogenannten Verrückten gehörten in früheren Jahrhunderten zu den Lebensgemeinschaften der europäischen Dörfer und Städte. Es ist wünschenswert, miteinander auszukommen, das erleichtert das Dasein. Trotzdem ergeben sich Konflikte, Streit und Nervereien, aus den verschiedensten Ursachen. Ob jemand aus einer Krankheit heraus, durch seinen Charakter, aus bewusster Absicht oder aus anderen Gründen die Mitmenschen belästigt, das nehmen die vielleicht wahr, es macht für sie aber kaum einen Unterschied; oft genug unterstellen sie dem oder der anderen etwas und erkennen nicht, dass sie selbst den Anlass für Ärger geboten haben. Wie auch immer, die Gemeinschaft versucht, den Konflikt irgendwie zu regeln.
Was verrückt ist und was normal, ist zu allen Zeiten eine Ansichtssache gewesen. Die jeweilige Mehrheit hat es bestimmt oder geglaubt. Solche Grenzziehungen sollen in der Nachbarschaft gelten und ebenso in der grossen Politik.
Seit etwa dem Jahr 1800 hat idealistisches und wissenschaftliches Interesse dazu geführt, psychisch Leidenden gezielt zu helfen. Zugleich wurden solche auffälligen Menschen immer genauer definiert und in speziellen Anstalten von der Allgemeinheit abgesondert. Bis heute kann in Deutschland und vielen anderen Ländern ein Insasse der Psychiatrie weniger Aussichten haben als ein zurechnungsfähiger Strafgefangener, wieder in Freiheit zu leben.
Human geplant und organisiert, aber in der Praxis brutal und die Krankheit verschlimmernd, jedenfalls eine eigene Welt, in der die Patienten und Patientinnen unter sich waren und am Leben der Gesellschaft nicht teilnehmen konnten, das war auch das Ospedale psichiatrico San Giovanni, eine Gebäudegruppe mit Grünflächen an einem Berg über der italienischen Hafenstadt Triest. Ungefähr 1200 Kranke waren dort in den 1970er-Jahren hinter Mauern und Gittern untergebracht, als derartige Einrichtungen vielerorts immer mehr in die Kritik gerieten. Es wurde bewusst, dass sie die Menschenwürde verletzten. Der Psychiater Franco Basaglia, der diese Erkenntnis aus seinen Erfahrungen vertrat, wurde damals der Leiter der Anstalt.
Zunächst öffnete er die Abteilungen. Insassen und Personal kamen gemeinschaftlich ins Gespräch, psychiatrisch und pflegerisch Tätige bekannten sich zu dem, was sie mit den klinisch Leidenden verbindet, miteinander veranstalteten sie Kulturereignisse. Um zusammen neue Perspektiven zu gestalten, wurden der Schriftsteller und Regisseur Giuliano Scabia und der Bildkünstler Vittorio Basaglia, ein Vetter des Psychiaters, in das Ospedale eingeladen.
Mitbewohner der Anstalt war ein alt gewordenes Pferd, das auf einem Karren die Wäsche über das Gelände transportierte. Für viele war es ein Freund. Die zuständige Behörde kündigte an, es werde durch ein Motorfahrzeug ersetzt und in den Schlachthof gebracht. Die betroffenen Menschen zeigten daraufhin auch ausserhalb der Anstaltsgrenzen, was sie wollten: In einem Schreiben an das Amt forderten sie, das Pferd leben zu lassen. Sie hatten Erfolg, ihm wurde zur Rente ein städtischer Stallplatz gewährt.
Dies war der Anlass dafür, dass die Künstler mit den Patientinnen und Patienten von San Giovanni ein überlebensgrosses Pferd aus Holzkisten und Pappmaché schufen, es blau bemalten und Marco Cavallo nannten, das Pferd Marco. Es wurde ein Symbol, für die Kräfte der Schwachen, die Eigenart, die Gemeinsamkeit, die Sehnsucht, das Leben.

Und schliesslich für das Freisein. Dies entwickelte sich in Meditationen, Gedichten, Geschichten, Liedern, Bildern, Inszenierungen rund um das blaue Pferd. An einem Frühlingstag 1973 zogen die Menschen mit Marco Cavallo aus der Anstalt hinaus in die Stadt. Sie brachen die obere Begrenzung eines Zauntores ab, damit sie hindurchkamen. Mit vielen Menschen von draussen ging der Zug durch die Strassen von Triest zu einem Platz, auf dem sie miteinander feierten, bei Musik und Tanz.
Das italienische Parlament beschloss fünf Jahre später ein Gesetz, das die psychiatrischen Kliniken auflöste. Menschen mit psychischen Leiden sollen seither als anerkannte Mitglieder der Gesellschaft leben können, in ihren Familien oder eigenständig, und dabei von Fachkräften unterstützt werden, die ihnen Rat, Therapie und den jederzeitigen Zugang zu ambulanten Diensten oder Treffen bieten: offene Türen, Inklusion und Empathie. In der Realität bestehen da weiter Defizite. Aber diese Psychiatrie erscheint in Italien als grundsätzlich richtig.
Mit seiner Botschaft ist Marco Cavallo über das Land hinaus in Europa unterwegs gewesen. In Deutschland hat er das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten aufgegriffen, Esel, Hund, Katze und Hahn, deren Existenz in fortgeschrittenem Alter bedroht ist, worauf sie optimistisch aufbrechen, um gemeinsam eine gute Zeit zu erleben. Eine Initiative am anderen Ende des Kontinents, in der Hafenstadt Bremen, hat dann ein schwimmendes blaues Kamel entstehen lassen, auch dieses eine zeichenhafte Figur für das Überschreiten von Grenzen und Ausgrenzungen, für Vielfalt und für die Möglichkeiten des Zusammenlebens.
In Triest ist die frühere Anstalt San Giovanni heute ein offenes Gelände, in den Gebäuden forscht und lehrt die Universität, arbeitet das Stadttheater, sind auch Räumlichkeiten des Dienstes für geistige Gesundheit. Es ist beschlossen worden, dass das blaue Pferd Marco als Denkmal einen Platz in der Stadt bekommt.
Matthias Kunstmann / maximil
> Die blaue Karawane

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