26. April 2011
Wird in Deutschland genug getan, um Plagiate bei wissenschaftlichen Arbeiten zu verhindern? Die meisten Hochschulen in Österreich kontrollieren grundsätzlich die Abschlussarbeiten ihrer Studierenden mit automatischen Plagiat-Erkennungsprogrammen. Diese können zwar nicht sicher feststellen, ob jemand getrickst hat oder nicht, aber sie können Hinweise für weitere Nachprüfungen geben - und vor allem abschreckend wirken. An deutschen Hochschulen werden solche Tests erst von einzelnen Instituten vorgenommen.
Ein Beispiel aus Österreich: Die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt überprüft seit 2008 alle wissenschaftlichen Abschlussarbeiten automatisch auf Internet-Plagiate. Die Studierenden müssen dazu ihre Arbeit als Datei auf einen Server der Universität hochladen. Das elektronische Programm gibt einen Prüfbericht aus, auf dessen Grundlage der Betreuer oder die Betreuerin weiter untersucht, ob die Arbeit plagiatfrei ist und bewertet werden kann. Ähnlich behandelt die Universität Wien die eingereichten Diplom- und Masterarbeiten sowie Dissertationen. Dort schauen sich die Studienprogrammleitungen zusammen mit der betreuenden oder einer anderen fachkundigen Person die automatisch markierten Stellen genauer an. Wenn die Arbeit nur Mängel in der Zitierweise hat, bekommt der Verfasser oder die Verfasserin Gelegenheit, den Text zu korrigieren. Wenn das Ausmass unzitierter Textpassagen aber kein Verbessern mehr zulässt, es sich also tatsächlich um ein Plagiat handelt, dann wird die Arbeit nicht angenommen. Nach dem österreichischen Gesetz folgt keine weitere Sanktion - die ertappten Studierenden dürfen es mit einem anderen Thema noch einmal versuchen.
Die Universität Wien hat erklärt, dass sie in den letzten sechs Jahren sieben akademische Grade wegen Plagiats aberkannt habe, mit fallender Tendenz. Dazu sagt der Salzburger Plagiatsbekämpfer Stefan Weber, vier dieser Aberkennungen gingen auf seine Recherchen und Anzeigen zurück. Er zweifelt an der Effizienz der Software. In Internetforen zeigen Studierende Interesse, ihre Masterarbeit vor der Abgabe auf Plagiatsfreiheit testen zu lassen - das deutet darauf hin, dass manche inzwischen mehr Ehrgeiz darauf verwenden, geklautes oder nachlässig zitiertes Gedankengut durch die elektronische Prüfung zu schleusen, als mit eigenen Gedanken und korrekter Arbeit zu bestehen. Das Programm ist also offenbar ein Mittel zur Abwehr unlauterer Machenschaften, das die betreuenden Lehrpersonen mit ihrer Aufmerksamkeit ergänzen müssen.
An deutschen Hochschulen wurden zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis Ombudsleute und Kommissionen bestellt, die Verdachtsfällen nachgehen und Sanktionen bis hin zur Geldbusse in die Wege leiten, ohne dass es eine systematische Kontrolle gäbe. Ausnahmen sind beispielsweise das Institut für Europäische Kunstgeschichte und das Institut für Ethnologie der Universität Heidelberg, die jede Arbeit ihrer Studierenden mit einer entsprechenden Software auf Plagiate untersuchen. Der Dekan der Heidelberger Philosophischen Fakultät (zu der die Kunstgeschichte gehört), Manfred Berg, rechnet damit, dass das Thema Plagiatskontrolle im kommenden Semester auf der Tagesordnung stehen wird. Er ist aber nicht für eine generelle elektronische Überprüfung, will die Studierenden nicht unter Generalverdacht stellen und plädiert für Vertrauen in der Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Das Wichtigste dabei sei eine intensive Betreuung der Studienarbeiten. Auch Psychologieprofessor Joachim Funke, einer der Ombudsleute der Universität Heidelberg, sieht keinen Grund, an der bisherigen Praxis etwas zu ändern; es sei eine “Illusion, man könne das technisch lösen”. Die Fakultät für Betriebswirtschaftslehre der Universität im benachbarten Mannheim hat ebenfalls ein Antiplagiatsprogramm besorgt, den Lehrstühlen aber freigestellt, damit alle wissenschaftlichen Arbeiten zu untersuchen, Stichproben zu nehmen oder es nur bei Verdacht anzuwenden.
Dem Deutschen Hochschulverband (DHV) ist das nicht genug. Anlässlich des 61. DHV-Tags (11./12.4.2011 in Potsdam) hat er alle Wissenschaftler und die Prüfungsämter der Universitäten aufgefordert, die eigenständige wissenschaftliche Leistung von Seminar- und Abschlussarbeiten zu überprüfen. Studierende, Doktoranden und Habilitanden sollen dazu verpflichtet werden, ihre Arbeiten auch in digitaler Form abzugeben, sodass besser und schneller auf Übereinstimmungen mit fremden Texten kontrolliert werden kann. Die Prüfenden sollen von den vorhandenen Kontrollinstrumenten Gebrauch machen, verlangt der DHV.
Die elektronischen Programme können den Zeitaufwand verringern, der für die Qualitätssicherung von Studienarbeiten gefordert wäre, aber nach den Worten von Hochschulverbandspräsident Bernhard Kempen nur schwer zu erbringen ist: Wissenschaftler an Deutschlands Universitäten seien durch das modularisierte Bachelor- und Masterstudium sowie im internationalen Vergleich hohe Lehrdeputate selbst “zu Lehr- und Prüfungsautomaten degradiert”.
maximil

Themen: Allgemein · Kultur
24. Februar 2011
Protest wie gegen das Bauprojekt “Stuttgart 21″ zeigt, dass die zuständige Politik geändert werden muss. Ein politisches Vorhaben, gegen das viele unterschiedliche Menschen mit guten Gründen Widerstand leisten, ist nicht richtig. Demokratische Politik muss als Ziel haben, dass die meisten Menschen, möglichst alle, zufrieden sind. Das gelingt ihr in Deutschland und anderswo so wenig, dass sich Ärger und Resignation in der Bevölkerung ausbreiten. Weitreichende Planungen, Neuerungen, Entwicklungen, die nicht gegen die Bürgerinnen und Bürger, sondern mit ihnen gestaltet werden, könnten so zustande kommen:
- Kritik am Vorhandenen aufnehmen - sie weist auf nötiges Handeln hin.
- Anregungen für Neues suchen - dabei werden Möglichkeiten erkennbar.
- Vorschläge sammeln - viel Sachverstand und Ideen werden genutzt und ergeben Varianten und Wege für ein Projekt.
- Vorhaben vorstellen - das Thema, unterschiedliche Interessen und denkbare Lösungen werden bekannt gemacht.
- Diskussion fördern - mit Hintergrundinformationen und geeigneten Kommunikationsstrukturen können sich alle eine Meinung bilden.
- Ergebnisse zusammenfassen - Lösungen mit besonderem Rückhalt werden dargestellt.
- Volksabstimmung - sie bedeutet einen Grundsatzbeschluss für die am meisten akzeptierte Lösung.
- Planung transparent halten - die weitere Ausarbeitung muss immer öffentlich nachvollzogen werden können.
- Konflikte lösen - dazu werden auch mit unabhängiger Vermittlung Elemente aus anderen Lösungen integriert.
- Lösung optimieren - sie bezieht weitere Kritik, Anregungen und Vorschläge ein.
- Entwicklung flexibel gestalten - sinnvollerweise wird gerade bei längerfristigen Vorhaben rechtzeitig auf veränderte Bedingungen und Bedürfnisse reagiert.
Sollte ein Vorhaben keinen breiten Konsens gefunden haben oder neu strittig werden, müsste es sich einer weiteren Volksabstimmung stellen. Sie entschiede über Ausführung, Alternativen oder Abschied. Falls es dabei keine mehrheitliche Zustimmung für die Planung gibt, wird das Verfahren doch nicht vergeblich gewesen sein. Die Beteiligten haben Erfahrungen gesammelt, und meistens werden sich noch viele Lösungselemente ohne Konflikt verwirklichen lassen.
maximil
[Dazu:
Demokratie und was dran ist]

Themen: Allgemein · Politik
7. Februar 2011

Was bringt uns von der Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt, zum Handeln? Kritik ist ein Anfang, Klagen genügt jedenfalls nicht. Nachdenken über Möglichkeiten führt weiter. Und dann braucht es die Freiheit, Ungewohntes zu wagen. Das Filmfestival “ueber Mut” will 2011 dazu anregen. In vielen deutschen Städten werden Dokumentarfilme gezeigt, die Anlass zu Diskussionen und Initiativen sind.
> Film-Tournee “ueber Mut”
maximil
Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
3. Februar 2011
Die Kritik am geltenden Wirtschaftswachstumsdenken ist im Deutschen Bundestag angekommen. Eine Enquetekommission aus Abgeordneten und Sachverständigen hat sich versammelt, um in den nächsten Monaten über “Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität” zu beraten. Die drei Begriffe hängen nämlich nicht so einfach zusammen, wie das immer wieder gesagt wird. Das Wirtschaftswachstum, das bisher mit dem Bruttoinlandsprodukt aller geldwerten Leistungen gemessen wird, berücksichtigt nicht, dass der Wohlstand ungleich verteilt ist und dabei die Lebensqualität auch leidet: Sie wird gestört durch Umweltschäden, technikbedingte Unfälle, Leistungsdruck, Ungerechtigkeit, Bildungsferne. Für ein “gutes Leben” braucht es einiges, was die Politik zu wenig beachtet. Die Kommission soll ganzheitliche Kriterien für Wohlstand und Fortschritt finden und Vorschläge für eine bessere Politik erarbeiten.
Über das Wachstum wird in Frankreich schon länger intensiv diskutiert. Von dort kommt der Ausdruck “Décroissance” für den umgekehrten Vorgang, also etwa eine “Abnahme”, “Reduzierung”, einen “Rückgang”. Diese Idee wird von Persönlichkeiten und Gruppen öffentlich vertreten, und das bedeutet etwas in einem Land, in dem die Menschen sich auf den Genuss verstehen. Es gibt politische Forderungen und zugleich Aufrufe zu radikalen Konsequenzen für den eigenen Lebensstil - “Mach dich vom Fernsehen frei”, “Mach dich vom Auto frei”, “Befreie dich vom Mobiltelefon” … und “Fördere deine persönliche Entwicklung”. In Deutschland wird darüber mit umständlicheren Begriffen wie “Postwachstumsgesellschaft” gesprochen.
Die Parlamentskommission gewährt den politisch Verantwortlichen erst einmal einen Aufschub. Vernünftige Entscheidungen, die längst auf der Hand liegen, können weiter unterlassen und unsinnige Beschlüsse gefasst werden. Aber das öffentliche Gespräch über diese lebenswichtige Angelegenheit ist bereits wertvoll. Es wird früher oder später etwas bewirken.
> Enquetekommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität (Wikipedia)
> Jenseits des Wachstums?! Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben - Dokumentation des Attac-Kongresses in Berlin 20.-22.5.2011
> Postwachstum in Bewegung (Attac)
maximil
[Bezieht sich auf: Fällige Kritik des Wachstumsdenkens]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
27. Januar 2011

Bücherschrank auf dem Karlsruher Werderplatz
Kultur ist für alle da. Im Prinzip. Aber es kommen nicht alle überall ran, zum Beispiel zu Wagner in Bayreuth oder an einen Picasso fürs Wohnzimmer. Öffentliche Bibliotheken und Museen waren lange kostenlos zugänglich, in den letzten Jahren wurden in den meisten von ihnen Gebühren eingeführt. Erfreulich, dass weiter Konzerte mit freiem Eintritt angeboten werden und manches Museum wenigstens an einem Tag in der Woche kostenfrei offen ist. Dazu schenkt das Internet Texte, Filme, Tondokumente, Wikipedia.
Ein Bücherschrank auf einem Platz ist mehr als das. Wetterfest, rund um die Uhr zu öffnen, Bücher können gratis mitgenommen und nach Belieben zurückgestellt oder eigene dazugebracht werden - das ist auch ein Symbol. Kultur gehört unübersehbar mitten ins Leben, alle können an der Literatur teilhaben, ein Buch ist etwas zum Festhalten. Und zum Austausch. Auf dem Platz reden die Leute seitdem vielleicht öfter über Lese-Erlebnisse.
maximil
Themen: Allgemein · Kultur · Politik
17. Januar 2011
Keine Nachrichten. Im Radio ist nur Rauschen, auf dem Fernsehbildschirm Flimmern, statt Internetverbindung wird ein Ladefehler angezeigt. Die letzte E-Post ist von gestern, das Telefon bleibt ruhig, neue Zeitungen und Zeitschriften gibt es nicht. Wir sprechen darüber, fragen einander, rätseln, Gerüchte gehen um, aber langsam lässt das Interesse nach. Sonst fehlt uns nichts, Lebensmittel sind erhältlich, Arbeit ist zu leisten, die Kinder lernen in der Schule, Leute treffen sich in Lokalen, feiern Feste, in der Nachbarschaft und auf den Plätzen ist immer etwas los. Neuigkeiten brauchen wir nicht, wir leben im Hier und Jetzt, dabei regeln wir alles Wichtige.
Ein Gedankenexperiment. Sind die Menschen dann dumm, wenn sie nichts Neues erfahren, nichts mitbekommen aus dem Rathaus, dem nächsten Ort, der Hauptstadt, aus anderen Ländern, ausser sie begeben sich selbst dorthin? Nicht unbedingt, denn vom gegenwärtigen Leben, seinen Konflikten und verschiedenen Lösungen wissen sie viel. Sie beschäftigen sich mit der Natur, dem Sport, der Kunst. Auch von der Geschichte verstehen sie etwas, lesen Bücher, entdecken vielleicht im Kino einen bisher selten gezeigten alten Film, denken über das Glück nach.
Wenn keine Nachrichten kommen, kann es so scheinen, als würden auch woanders Konflikte irgendwie gelöst, als würde die Regierung akzeptabel funktionieren, als würde die Menschheit jede Katastrophe überstehen…
Doch, wir wollen die Welt kennen. Was woanders nicht geregelt ist, kann Folgen für uns hier haben. Das Ungewohnte erinnert daran, dass wir in unserem Bereich etwas verändern können. Wir brauchen Informationen, um richtig zu reagieren und etwas zu verbessern. Wie Menschen in anderen Kulturen sich verhalten, zeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt.
Leider können wir viel wissen, aber das heisst noch längst nicht, dass wir dementsprechend mitbestimmen können: weil das Recht oder die Mittel es nicht erlauben. Deshalb sind Nachrichten oft eher Grund zur Klage als Anreiz zum Handeln.
Der Medienausfall ist vorüber. Es wird weiter berichtet. Auch über Geschehnisse und Zusammenhänge, die zu wenig beachtet werden, lässt sich etwas herausbekommen. Trotzdem - es war angenehm, einmal abzuschalten und durchzuatmen…
> Marietta Slomka, “Nachrichtenblock” (Die Zeit 22.4.2004)
maximil

Themen: Allgemein · Kultur · Politik
25. November 2010

Sylvie Natalicia
Auf dieser Route könne nichts geschehen, hatte er gesagt. Später wurde erzählt, er habe eine auf keiner Karte eingezeichnete Passage gefunden.
Themen: Allgemein · Kultur · Natur
4. November 2010
Schnell sein ist ein Vorteil bei Konkurrenz: Wer zuerst da ist, wo es etwas zu holen gibt, kann das Beste oder alles bekommen. Schnell sein ist auch ein Vorteil im Kampf und auf der Flucht. Allerdings kommt es in solchen Situationen mindestens ebenso auf anderes an: stark, geschickt, klug sein. Besser, als auf Sieg und Gewinn zu setzen, ist es in der zivilisierten Welt überhaupt, das gemeinsame Interesse zu beachten.
Schnelligkeit kann jedenfalls auch ein Nachteil sein. Im Verkehr bedeutet hohe Geschwindigkeit zum Beispiel ein erhöhtes Unfallrisiko. Im Arbeitsleben wird Tempo auf Dauer belastend. Hektik nervt - Nutzen und Schaden stehen in einem schlechten Verhältnis. Wenn schneller gehandelt als gedacht oder gefühlt wird, in Momenten, in denen neuen Herausforderungen nicht mit Routine begegnet werden kann, entstehen Fehler. Unüberlegtes Reagieren, bei dem der Instinkt in die Irre führt und keine Intuition hilft, nennt sich im Extremfall Panik. Sie ist gefährlicher als die Ausgangslage und hat meist üble Folgen. Rettend ist dann, Ruhe zu verbreiten.
Schnelligkeit ist also kein objektiver Wert. Aber offenbar läuft vieles immer schneller ab. Unsere Geschichte beschleunigt sich: Das Wachstum der Bevölkerung in grossen Teilen der Erde wird immer schneller, der technische Fortschritt, die Warenproduktion, die Dienstleistungen, die Rechner und Datenverbindungen, die Informationsübermittlung, politische Reformen, der Wechsel von Arbeitsplätzen, Partnerschaften und Lebensstilen, die Klimaerwärmung, das Verschwinden der Urwälder, das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten. Vieles geschieht schneller, als wir es verstehen. Können wir da unsere eigene Geschwindigkeit noch selbst bestimmen?
Die Finanzkrise 2007/2008 war ein Ergebnis dieser globalen Beschleunigung. Transaktionen waren so komplex und liefen so schnell ab, dass sie nicht mehr nachvollzogen, gesteuert und kontrolliert werden konnten. Schliesslich wurde das katastrophale Tempo der ökonomischen Gewinnerzielungsprozesse der Politik aufgezwungen. In Deutschland sollte die Regierung angesichts der drohenden Pleite einer Bank, die als “systemrelevant” galt, über Nacht eine Lösung finden. Eine vernünftige Analyse, Beratung und Konzeption waren so schnell nicht möglich. Die Regierung der Grossen Koalition liess sich von der Bankenlobby erpressen, ebenso folgte die Mehrheit des Bundestages Hals über Kopf innerhalb einer Woche deren Vorgaben und zahlte trotz knapper Kassen Milliarden Euro zur angeblichen Rettung des Finanzsystems, in dem damit Private weiter auf Kosten der Allgemeinheit Profit machen können.
Ein Moratorium, eine Denkpause wären sinnvoll gewesen. Wenn etwas falsch läuft, ist es nötig, zu bremsen. Wir sollten uns nicht hetzen lassen. So wie die Menschen in Afrika, von denen erzählt wird, dass sie eine Expedition von Europäern begleiteten, aber nach einem Stück schneller Reise sich niedersetzten und auf die Frage, warum sie nicht weitergingen, sagten: Unsere Seele muss erst nachkommen.
Es ist Zeit, zu entschleunigen, dem Druck zu besinnungsloser Eile zu widerstehen, wieder den Rhythmus zu finden, der dem Leben gemäss ist. Langsamkeit wird inzwischen zu einem Qualitätsmerkmal. Langsam sein ermöglicht, den Wert erfüllter Zeit zurückzugewinnen.
In unangenehmer Zeit wird gewünscht, dass sie schnell vergeht. Es scheint, als sei den Menschen der modernen Zivilisation die meiste Zeit lästig, sodass sie ständig Neues ersehnen. Währenddessen vergeht das Leben unbemerkt. Gute Zeit dagegen, dies ist Konsens, soll dauern: ein schöner Urlaub, eine begeisternde Tätigkeit, eine Liebe. Der intensiv erlebte Augenblick soll bleiben. In solcher Musse ist es möglich, die Welt, die Menschen um uns und uns selbst wahrzunehmen. Und wir können das Leben wirklich geniessen.
Dafür gibt es Gelegenheiten.
Mit dem guten Essen wurde ein Anfang gemacht. Veranlasst durch den Wohlstand, der die verschiedensten Nahrungsmittel reichlich bereitstellt, und durch das ökologische Bewusstsein hat sich als Alternative zum Fast-Food-Konsum die Slow-Food-Bewegung gebildet. Erst sehen und verstehen, was die Natur, die Agrikultur und aus beidem schöpfende Menschen bieten, die feinen Unterschiede beobachten, die Geschichte der Lebensmittel kennen, dann bewusst auswählen, wenn möglich selbst zubereiten, komponieren und auftischen - das ist der Weg zum entspannten und inspirierten gemeinsamen Tafeln, mit Schauen, Schmecken, Teilen und Kommunizieren. Dergleichen geht nicht nur an Feiertagen, es gehört zu einem Lebensstil der Achtsamkeit, der selbstbestimmt Besonderheiten und Vielfalt wertschätzt und zwanglos für die Gesundheit und das Wohlbefinden auch der Mitmenschen und der Umwelt sorgt.
Cittaslow - auch diese Idee kommt aus dem kultursinnigen Italien. Ganze Städte verschreiben sich die Langsamkeit. Die Beteiligten da wissen: Die Geschwindigkeit, die international alles mit sich reisst, macht gleichförmig und langweilig. Statt hektischem Betrieb wollen sie angenehme Lebensbedingungen, einen ruhigen Rhythmus, Arbeiten und Wirtschaften in naturnahen regionalen Kreisläufen, um dabei den unverwechselbaren Charakter ihrer Stadt zu entwickeln.
Die Medien sind so schnell geworden, dass Informationen sofort weltweit bekannt werden - und dass es extrem schwierig geworden ist, in der Masse der Einzelheiten das Richtige und das Falsche zu unterscheiden und das wirklich Wichtige herauszufinden. Darauf reagieren die Initiativen für Slow Media. Damit immer Neues, aber Unerhebliches nicht das Bedeutsame vergessen lässt, bemühen sie sich um die fundierte, zusammenhängende, klare Information. Sie wollen das Verstehen fördern, Orientierung vermitteln, zur Bildung beitragen und zum verantwortlichen Handeln anregen.
Auch dieses Blog im schnellen Internet soll dementsprechend ein langsames Medium sein…
> Slow Food
> Cittaslow
> Slow Media Manifest
> Axel Hacke, “slow reading” (SZ-Magazin)
> Greenpeace-Magazin 1/2011
Sten Nadolny, “Die Entdeckung der Langsamkeit”, München 1983
maximil

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
1. November 2010
Die Zeitumstellung, bei der die Uhren soeben europaweit wieder um eine Stunde von “Sommerzeit” auf “Normalzeit” umgestellt wurden, stört. Manchen Menschen macht sie nichts aus, aber für viele ist der Rhythmusfehler unangenehm und belastend, weil sie biologisch Gewohntes wie Schlafen und Essen anpassen und wieder in den Takt bringen müssen. Besonders für Kinder und damit auch für die Eltern ist das schwierig. Und wozu der ganze Aufwand? Er fällt umso schwerer, als er keinen nachweisbaren Nutzen hat.
Früher war die Begründung, dass mit der Sommerzeit Energie gespart werden sollte. Davon abgesehen, dass das auch für den Winter gelten müsste, hat sich das Argument als haltlos erwiesen. Andere mögliche Vorteile werden von den Nachteilen mehr als ausgeglichen.
Die ersten Staaten, die im Sommer die Zeit geändert haben, waren Deutschland und Österreich-Ungarn - und zwar 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Die USA haben damals nachgezogen. Nach dem Krieg wurde die Regelung wieder abgeschafft und im Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten erneut praktiziert. Diese Kriegszeit hat die Politik in Europa anlässlich der Ölkrise der 1970er-Jahre wieder eingeführt, mit einer Ausnahme: Island. Nur in der Schweiz gab es eine Volksabstimmung, sie verzögerte dort die Einführung der Sommerzeit um drei Jahre.
Ohne Grund wird Hunderten Millionen Menschen zweimal jährlich ein Zeitsprung zugemutet, dem sie nicht ausweichen können. Dies spricht gegen die menschliche Vernunft - solange, bis es geändert ist.
> Der Kampf gegen die Zeitumstellung (ORF)
maximil
Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik
17. September 2010
Wenn Lebewesen wachsen, ist das wunderbar. Ein Kind wächst: Es entwickelt sich, gewinnt Fähigkeiten, lernt. Weizen wächst, bis die Körner reif sind und von Menschen als Lebensmittel geerntet werden können. Da nutzt ein Lebewesen ein anderes für sein Wachstum. In der Natur gibt es Werden und Vergehen und neues Wachsen. Bei vielfachem Austausch findet immer wieder ein Ausgleich statt. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, heisst es sprichwörtlich.
In der Wirtschaft und ihrer Politik soll es anders sein. Immer grösser, immer mehr, immer mächtiger, solche Ergebnisse werden gewünscht: grössere Unternehmen, grössere Einkaufszentren, grössere Kraftwerke, mehr Strassen, mehr Bildschirme, vor allem mehr Geld. Sobald ein Ziel erreicht wird, ist es schon überholt. Das Ganze läuft immer schneller ab. Wohin führt das?
Dieses Wachstum bringt Wohlstand, Gesundheit, Freiheit, Luxus - einerseits. Andererseits bringt es, wie wir wissen, Luftverschmutzung, abgeholzte Wälder, Ölpest, Allergien und andere Zivilisationskrankheiten, Stress und Leistungsdruck, Armutsfluchten, Sinnkrisen. Lebensgrundlagen gehen verloren. Die Wirtschaftsweise, die derart unweise Wachstum betreibt, hat offensichtlich eine katastrophale Bilanz und setzt dabei auch den erreichbaren Wohlstand aufs Spiel. Zudem ist bekannt, dass ab einem gewissen Standard Wohlstandszuwächse nicht mehr glücklicher machen. Trotzdem wird in der Politik weiter das Wirtschaftswachstum beschworen.
Nur mit ihm gebe es Arbeitsplätze und Einkommen, wird gesagt. Aber hohe Unternehmensgewinne ermöglichen erst, in Maschinen und Rechner zu investieren und damit Arbeitsstellen wegzurationalisieren. Neue Arbeitsplätze werden überwiegend zu schlechteren Bedingungen als zuvor angeboten. Zugleich fliessen Milliarden-Geldströme in Finanzgesellschaften und werden auf Kosten der Allgemeinheit verspekuliert.
Den Massen von neuen Konsum-Produkten mit entsprechendem Umweltverbrauch, aber oft ohne Zusatznutzen wird gern das qualitative Wachstum entgegengehalten. Effizienterer Rohstoffeinsatz, erneuerbare Energien, Digitalisierung, Medientechnik, mehr Dienstleistungen sollen für mehr Wohlstand sorgen und schädliche Folgen vermeiden. So richtig viele dieser Ansätze sind, es wird doch inzwischen deutlich: Sie wirken nicht wie erwartet und nötig, solange mit wirtschaftlichem Wachstum gerechnet wird. Ein-Liter-Autos für Milliarden Menschen brauchen eine aufwendige Verkehrsinfrastruktur, Rechner und Medien verbrauchen ebenfalls Material und Energie, Dienstleistungen treiben oft wieder einen hohen Verkehrsaufwand.
Es wird auf einen anderen Lebensstil ankommen. Wo materielle Bedürfnisse überbewertet worden sind, lassen sich wichtigere Werte entdecken. Menschliches Miteinander, freiwilliger sozialer Einsatz, Natur und Kultur erleben, Bildung - das macht eher zufrieden. Genuss ist nicht auf Reichtum angewiesen. Weniger kann mehr sein, nämlich wenn es besser ist.
Eine entsprechende Weise des Wirtschaftens richtet sich nicht auf Wachstum, sondern auf Gleichgewicht. Die Beziehungen und der Austausch zwischen den Beteiligten und mit der Natur sollen stimmen. Dynamik kommt dabei in Kreisläufen zum Zug.
Die Wachstums-Ideologie ist zu verabschieden - dann kann das, was uns wirklich guttut, wachsen.
> Niko Paech: Postwachstumsökonomie
> Denkwerk Zukunft
> “Wachstum bis zum Kollaps?” (Kontext-TV 6.6.2011)
Erich Fromm, “Haben oder Sein”, DTV 2005
maximil
[Dazu: Fortschritt?
Geld fehlt Wert
Was tun für gutes Leben?]

Themen: Allgemein · Kultur · Natur · Politik